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Szenario 5: Südo-Nordo Aufspaltung der Währungsunion

Würde der Druck einer Transferunion zu groß, könnte sich der Euro-Raum in zwei Teile aufspalten. Das birgt Chancen und Risiken.

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Euro-Münzen Quelle: dpa

Es ist eines der Szenarien, die das Undenkbare denken – die Aufspaltung der Währungsunion in zwei Teile mit einem Nord-Euro (Nordo) und einem Süd-Euro (Südo). Der Brite Martin Taylor, ehemaliger Chef des Finanzhauses Barclays Capital, hatte die Diskussion im März angestoßen, ohne jedoch ein detailliertes Konzept zu präsentieren.

Europäische Politiker und Zentralbanker weisen die Idee weit von sich. De facto dürfte ein solches Extrem-Szenario von zwei zentralen Punkten abhängen:

1. Schaffen es die schwächeren Euro-Staaten, ihre Wettbewerbsfähigkeit zügig zu verbessern und ihre Haushalte zu sanieren?

2. Kann die parallel anvisierte Transferunion in finanziell zumutbaren Grenzen gehalten werden? Sollten diese Ziele nicht erreicht werden, steigt die Gefahr, dass die Bürger über kurz oder lang die Währungsunion nicht mehr mittragen. Dann müssten die Euro-Länder über Alternativen nachdenken.

Dass Deutschland isoliert aus dem Euro aussteigt, ist sehr unwahrscheinlich – die Kosten wären viel zu hoch. Ein konzertierter Ausstieg der Nord-Euro-Staaten aus dem Verbund wäre indes die „wahrscheinlichste der unwahrscheinlichen Exit-Varianten“, heißt es in einer Frankfurter Bank.

Der Nordo-Raum könnte Deutschland, Frankreich, die Niederlande, Österreich, Finnland und Luxemburg umfassen – die Länder, die derzeit von den Ratingagenturen die Spitzenbonität erhalten (siehe Grafik). Im Südo würden sich überwiegend die südlichen Euro-Staaten zusammenschließen. Der Wechselkurs zwischen Südo und Nordo würde frei schwanken.

Vorteile

Aufteilung der Euro-Länder nach Top-Bonität (AAA) und geringerer Kreditwürdigkeit (AA+ bis BB+)

Durch die Zweiteilung des Euro könnte eine ausufernde Transferunion vermieden werden. Da der Südo deutlich abwerten würde, könnten die Südstaaten über den schwachen Wechselkurs weltweit ihre Exporte steigern und so relativ leicht verlorene Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen. Die Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit, die dagegen derzeit auf Südländer wie Portugal und Italien warten, sind äußerst mühsam und bieten viel politischen Sprengsatz.

Mit einem weichen Südo wären also auch Vorteile für die Südstaaten verbunden. Nord-Euro-Land könnte indes als relativ homogene Gruppe einen optimalen Währungsraum bilden und eine stabile, für alle Mitglieder passende Geldpolitik betreiben. „Besser zwei effektive Euro-Teilzonen als eine dysfunktionale“, schreibt Taylor. „Millionen Südeuropäer würden wieder eine Beschäftigung erhalten.“

Nachteile

Szenario Südo-Nordo

Was in der Theorie einfach klingt, dürfte in der Praxis für alle Beteiligten schwer kalkulierbare Risiken mit sich bringen. Die Euro-Staaten sind wirtschaftlich und finanztechnisch so stark miteinander vernetzt, dass der Nord-Süd-Split große Verwerfungen bringen kann.

Deutsche und andere nordeuropäische Banken, Versicherer und Pensionsfonds sind beträchtlich in südeuropäische Anleihen investiert. Ein Teil der Pensionen und Ersparnisse der Bundesbürger würde daher mit dem Südo an Wert verlieren.

In den Südländern drohte zudem die Gefahr eines Bank-Runs, da Investoren und Bürger ihre Einlagen aus dem Südo abziehen würden. Dieses Risiko könnte gemildert werden, wenn jeder Bürger der Euro-Zone zunächst für einen Euro einen halben Südo und einen halben Nordo erhalten würde, doch spätestens dann, wenn die Währungen getrennt werden, wäre es wieder da. Zudem bestünde die Gefahr, dass die Kapitalmärkte von den Südo-Ländern so hohe Zinsen fordern, dass diese ihren Schuldendienst nicht mehr leisten können und bankrott gehen.

Fazit

Das Nord-Süd-Szenario dürfte nach einem Scheitern von Transferunion und Strukturreformen relevant werden. Es bietet Chancen, aber auch unkalkulierbare Risiken für den gesamten Euro-Raum.

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