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Taliban-Insider erklärt „Die Taliban wissen, auf welchen Schätzen sie sitzen“

Die Taliban brauchen Geld, vor allem aber ein funktionierendes Wirtschaftssystem. Quelle: dpa

Kaum jemand in Deutschland kennt die Taliban so gut wie Florian Weigand. Immer wieder reiste er nach Afghanistan, schrieb in Kabul seine Promotion. Er erklärt die politische und ökonomische Parallelwelt der Gotteskrieger – und ihre Agenda.

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Florian Weigand ist Forscher an der London School of Economics und Co-Direktor des Centre for the Study of Armed groups. Diese Forschungseinheit gehört zur Londoner Denkfabrik ODI und beschäftigt sich mit der Binnensoziologie und politischen Agenda bewaffneter Gruppen. Der Forschungsschwerpunkt des Politikwissenschaftlers lag in den vergangenen Jahren auf Afghanistan und den Taliban. Gerade hat Weigand ein Buch über das Land fertiggestellt.

WirtschaftsWoche: Herr Weigand, Sie sind als Wissenschaftler und Mitarbeiter internationaler Organisationen immer wieder nach Afghanistan gereist und haben streckenweise auch dort gelebt. Wie haben Sie das Land wahrgenommen? 
Florian Weigand: Mir wurde immer unglaublich viel Respekt und Gastfreundschaft entgegengebracht. Das erste Mal war ich in Afghanistan im Jahr 2011. Damals konnte man sich noch relativ frei im Land bewegen. In einigen Regionen konnte man sogar wandern gehen.  Ganz ehrlich: Ich habe mich damals und auch in den Jahren danach subjektiv sicher gefühlt. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Sicherheitslage drastisch verschlechtert, und es war logistisch immer schwieriger, in ländliche Regionen zu reisen.

Hatten Sie als Wissenschaftler in Afghanistan direkte Kontakte mit Talibanvertretern?
Ja.

Und?
Der Westen unterschätzt, wie divers die Taliban nach innen sind. Klar: Es gibt diejenigen, die sehr traditionell oder religiös fundamentalistisch eingestellt sind. Aber es gibt auch jene, die aus ganz persönlichen Motiven dazugestoßen sind. Etwa weil sie bei Luftschlägen nahe Angehörige verloren haben. Oder weil sie sich von Regierungsvertretern oder Sicherheitskräften beraubt oder über den Tisch gezogen fühlen, etwa bei Grundstücksfragen oder bei Rechtsstreitigkeiten.

Florian Weigand Quelle: PR

Was wissen wir über die politische Agenda der Taliban des Jahres 2021?
Das ist schwer zu beantworten. Derzeit versuchen die Taliban, sich deutlich liberaler zu inszenieren als vor 2001. In einem der wichtigsten TV-Sender des Landes durfte gerade – früher undenkbar – eine Frau einen Talibanführer interviewen. Das sind Bilder, die man so nicht erwartet hätte und die zeigen, wie die Taliban von der Öffentlichkeit – derzeit – gesehen werden möchten. Ob das nur Show ist und die Taliban mit der Zeit wieder zu alten fundamentalistischeren Verhaltensmustern zurückkehren und Freiheiten beschränken, wird sich zeigen. Möglich ist das durchaus, insbesondere außerhalb Kabuls, wo das Verhalten der Taliban weniger internationale Aufmerksamkeit bekommt. Kritisch ist insbesondere die Frage, wie viel Toleranz die Taliban in Zukunft für Leute mitbringen, die sie kritisieren oder einen anderen Lebensstil pflegen möchten.

Sind die Taliban für die Übernahme der Regierungsgeschäfte logistisch überhaupt fähig?
Das wird herausfordernd für die Taliban. Sie müssen eine bewaffnete Bewegung in eine Regierung umwandeln. Aber die Taliban sind nicht nur Horden auf Motorrädern. In den ländlichen Regionen, in denen sie die Kontrolle hatten, haben sie schon über Jahre ein politisches Parallelsystem aufgebaut. Es gab so genannte Schatten-Gouverneure auf der Provinz- und Distriktebene. Die Taliban haben auch ein eigenes Steuersystem aufgebaut. Auf landwirtschaftliche Produkte in ihrem Einflussbereich werden zehn Prozent fällig, an Grenzen werden Zölle erhoben, dazu kommen Checkpoints auf den Straßen, wo Lkw-Fahrer eine Gebühr bezahlen müssen und oftmals sogar eine offizielle Quittung bekommen. Das können schon mal Hunderte von Dollar sein. Auch Geschäfte müssen eine jährliche Abgabe an die Taliban zahlen.

Das klingt eher nach Schutzgeld in Mafiamanier. Gibt es so etwas wie eine Wirtschaftsdoktrin der Taliban?
Nein. Das Hauptinteresse der Taliban lag bisher primär im Eintreiben von Geld für sich selbst. Es ist relativ unklar, wie die Wirtschaftspolitik der künftigen Regierung aussehen wird. Die Taliban sind prinzipiell eher langsam, wenn es darum geht, politische Strategien zu entwickeln. Allerdings stehen sie in den nächsten Monaten unter Druck: Sie müssen den Regierungsapparat finanzieren und Gehälter zahlen, die bisher vielfach vom Ausland übernommen wurden.  Ein ganzes Land zu regieren und wirtschaftlich zu steuern, ist nochmal eine ganz andere Herausforderung als eine demoralisierte Staatsarmee in die Flucht zu schlagen.

Gutes Stichwort. Kaum jemand hat vorhergesehen, wie schnell die vom Westen hochgerüstete afghanische Armee vor den personenmäßig unterlegenen Taliban kapitulierte. Was ist da passiert?
Die Taliban haben in den vergangenen Monaten ihre informellen Kanäle genutzt, um Absprachen mit afghanischen Militärs und Regierungsvertretern auf der lokalen Ebene zu treffen. Zudem waren viele Distrikte im Land de facto bereits schon lange unter der Kontrolle der Taliban. Das hat man nicht immer wahrgenommen, weil die Taliban oftmals die Distrikthauptstädte nicht angetastet haben, sodass die Regierung formal noch an der Macht war. Die militärischen Fortschritte in der vergangenen Woche haben zudem einen Dominoeffekt ausgelöst. Viele Sicherheitskräfte haben den Glauben verloren, dass die Regierung überleben kann. Sie haben sich lieber ergeben als zu kämpfen. Dass Kabul kampflos gefallen ist, spricht ja für sich.

Welche Rolle spielt die hohe Korruption für den Machtwechsel?
Eine bedeutende. Die Korruption der afghanischen Staatsverwaltung hat erheblich zum Wiederaufstieg der Taliban beigetragen. Die Taliban haben sich als Kämpfer gegen Korruption dargestellt und in ihren Gebieten eine eigene Gerichtsbarkeit aufgebaut. Sie haben sich als Alternative zum korrupten Beamten- und Justizapparat präsentiert, wo man bei Streitfällen oft nur durch Schmiergeldzahlungen ein Verfahren abschließen oder ein vorteilhaftes Gerichtsurteil erreichen konnte. Ansonsten dauerte die Klärung eines Erbschaftsfalls schon mal einige Jahre.



In den vergangenen Jahren hat sich die Privatwirtschaft in Afghanistan zumindest in Ansätzen entwickelt. Wie groß ist das Problem der Taliban mit unternehmerischer Freiheit und privaten Unternehmen, die über kleine Familienbetriebe hinausgehen? 
Ich sehe da keinen Widerspruch.  Die Taliban haben ein Interesse daran, dass das wirtschaftliche Leben schnell wieder in Schwung kommt. Sie wollen der verängstigten Bevölkerung beweisen, dass mit ihnen das tägliche Leben besser wird – oder zumindest nicht schlechter. Die Taliban müssen aus rein ökonomischen Gründen auch ein Interesse an ausländischen Investitionen haben. Hier stellt sich die Frage eher umgekehrt: Trauen sich Investoren, jetzt in das Land gehen? Viele werden wohl erstmal ein paar Monate abwarten und dann die Lage bewerten.

Geologen vermuten in Afghanistan riesige Rohstoffvorkommen. Werden die Taliban das nutzen? 
Ich denke ja. Rohstoffe könnten eine Einnahmequelle für eine Taliban-Regierung werden. Die Taliban haben in den von ihnen kontrollierten Gebieten bereits vorher Konzessionen für den Abbau von Rohstoffvorkommen verkauft. Sie wissen also sehr gut, auf welchen Schätzen sie sitzen. Allerdings fehlt im Land nach wie vor oft die notwendige Technologie. Für größere Rohstoffprojekte brauchen auch die Taliban internationale Partner.

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Wie sollte sich der Westen gegenüber den Taliban positionieren?
Das hängt letztlich davon ab, wie die Taliban innen- und außenpolitisch agieren. Meine Sorge ist, dass wir die Menschen in Afghanistan vergessen und das Land nach dem Abzug der Truppen aus dem Fokus gerät. Wir müssen diejenigen unterstützen, die sich bedroht fühlen und im Ausland Schutz suchen wollen. In Afghanistan herrscht weiter große Not. Humanitäre Hilfe und die Arbeit von NGOs sind auch unter einer Taliban-Regierung unverzichtbar, insbesondere im Gesundheits- und Bildungssektor.

Mehr zum Thema: Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan ist nicht nur ein militärisches, sondern auch ein geostrategisches Desaster für den Westen. Um ökonomisch zu überleben, dürften die Islamisten vor allem auf China setzen – und mit begehrten Rohstoffen bezahlen.

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