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Tauchsieder
Xian Stadtmauer mit Yongning-Tor: Zerrbilder prägen unsere Sicht auf China Quelle: imago images

Angst vor China?

Zerrbilder prägen unseren Blick nach Osten - changierend zwischen Kulturkitsch, geschäftsmäßiger Schönmalerei und diabolisierender Angstlust. Dafür gibt es Gründe. Aber keine Entschuldigung.

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Zum ersten Mal in China war ich Anfang April 1997. Ich erinnere mich noch gut. Meine Freundin und ich, wir hatten damals wenig Geld und viel Zeit, also nahmen wir das Nachtboot von Hongkong, den Perlfluss hinauf nach Guangzhou, das ersparte uns eine Nacht in den Chungking Mansions von Kowloon - schnell vorbei an Shenzhen, wo’s nichts zu sehen gab, was uns damals interessierte. Wir wollten auf Heilige Berge klettern und durch spektakuläre Landschaften wandern, Tempel und Klöster sehen, traditionelle Dörfer und Städte; uns zog es nach Suzhou, Kunming und Xi-an, nach Leshan, Hangzhou und Chengdu und natürlich tief in den Südwesten, nach Yunnan, nach Dali, Xishuangbanna, Guilin - jeder Backpacker weiß, wovon ich rede.

Wir kamen also an in Guangzhou, es war sechs Uhr morgens und sehr schwül, wir mussten zwei, drei Kilometer in die Stadt, aber die schrägstehende Sonne leuchtete unsere ersten Eindrücke filmreif aus: Es war, als traumtaumelten wir, müde und hellwach, durch die Straßen - als stießen wir das Tor auf zu genau der Welt, die unsere Fantasie sich zuvor ausgemalt hatte: viele ältere Chinesen beim Schattenboxen unter Kampfer- und Banyan-Bäumen, tausende klingelnde Radfahrer auf den Straßen, Dutzende Gläubige mit Räucherstäbchen in den den Tempeln. Es war, als spazierten wir durch unser eigenes Reality-TV - ein zugleich beglückender und verstörender Auftakt zu vierzehn großartigen Wochen: die erste Begegnung mit dem, was mich noch heute, nach vielen Besuchen des Landes, fesselt und fasziniert: die Naherfahrung einer unerreichbaren, weit entfernten Kultur, wie sie dem Reisenden ansonsten allenfalls noch in Indien in die Glieder fährt.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil mir China seither immer vertrauter und fremder zugleich geworden ist - und weil ich das China-Bild so vieler Beobachter, Politiker und Manager seit nunmehr 25 Jahren als schmerzhaft defizitär empfinde. Und weil mir dieses China-Bild heute, nach drei Weltbildkonjunkturen, rettungslos verzerrt zu sein scheint.

Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989, Konjunktur Nummer eins, herrschte das Bild eines totalitären Staates vor, der Dissidenten verfolgt und Regimegegner ausschaltet, die Kultur der Tibeter zerstört und religiöse Gemeinschaften ausschaltet.

Dann folgte, Konjunktur Nummer zwei, eine Phase der ökonomisch grundierten Chinoiserie, der geschäftsmäßigen Schönmalerei, übrigens auch im (Wirtschafts-)Journalismus: China erschien politisch gebauchpinselten Delegations-CEOs und erst recht vielen Testosteronmanagern an der Front als herrlich durchregiertes Land der unbegrenzten Möglichkeiten, als Billigstandort, Riesenmarkt und Joint-Venture-Paradies: Man flüsterte und floskelte alle moralischen Bedenken und politischen Einsprüche weg mit der Formel vom demokratischen Wandel, der dem Handel auf dem Fuß folgen werde - und selbst wenn nicht: Die chinesischen Wanderarbeiter seien nun mal (noch) wohlstandshungrig(er als die erfolgssatten Deutschen) - und: Welches Land in der Geschichte der Menschheit habe jemals so viele Menschen so schnell der Armut entrissen?

Und heute, Konjunktur Nummer drei, gewinnt ein fast schon chinaphobes Bild im Westen Kontur: das Bild einer imperialen Weltmacht, die sich Hongkong völkerrechtswidrig einverleibt und rücksichtslos auf Ressourcen zugreift, die seine Einflusssphären im Himalaya und im Südchinesischen Meer militärisch sichert und mit kreditkolonialen Mitteln nach Afrika und Europa expandiert, die gewohnheitsmäßig Technologie, Daten und Know-how stiehlt und sich kultureller Genozide schuldig macht, die die Menschenrechte routiniert mit Füßen tritt - und seine lückenlos überwachten Bürger zu algorithmisch bewirtschafteten Gehorsamszwergen degradiert.

Alle drei Bilder führen in die Irre. Sie zeigen einen sehr wichtigen Ausschnitt (Bild eins). Sie zeugen von einem peinlichen Selbstbetrug aus Naivität und Geldinteresse (Bild zwei). Und sie dokumentieren, wie zur Kompensation des kritiklosen Beifalls zuvor, indem sie China dämonisieren, eine Angstlust im Westen, die nicht mehr zwischen außenpolitischem Skandal (Hongkong) und geostrategischem Wettbewerb differenzieren will.

Daher sind alle drei Bilder nicht nur zu korrigieren, sondern auch unbedingt ergänzungsbedürftig: durch das (vierte) Bild einer konfuzianisch geprägten Kulturnation, deren „historisches Gedächtnis“ nicht von den Werten der griechischen Antike, Renaissance, Aufklärung und Romantik, sondern von Selbstzügelung statt Selbstverwirklichung, von Harmoniestreben statt Streitkultur, von Sittenkodex statt Rechtsordnung, von verlässlichen Hierarchien statt Gleichheitsprimat, von kollektiven Sozialrechten statt individuellen Menschenrechten geprägt ist. Und durch das (fünfte) Bild der regierenden Kader, die dieses historische Erbe in schamloser Weise annektieren, um Staat, Volk und Partei zu einer chauvinistischen Einheit zu verschweißen: zu einem han-chinesischen Kollektivkörper, dessen Führungsanspruch sich der unterlegene Rest der Welt zu seinem eigenen Besten unterwerfen sollte.

Wer es also wirklich ernst meint mit China, muss das Land in seinen Widersprüchen verstehen lernen und viel lesen - gerade jetzt, weil es mit dem Reisen nichts werden dürfte in den nächsten Monaten. Aber womit anfangen? Am besten weit, weit weg von der Dutzendlektüre, die uns seit zwanzig Jahren aufgetischt wird, im Monatsrhythmus, im Ton des Alarms, im Stil des Revolutionsdramas, stets versehen mit extra dicken Frage- und Ausrufezeichen: „The coming collapse of China“, „China am Ziel!“, „Der Masterplan“, „China 2049“ - wie sie alle heißen mögen. Weit, weit weg also - und das heißt: Der beste Ausgangspunkt ist vielleicht immer noch „Die chinesische Welt“ von Jacques Gernet, ein Klassiker, ein Monolith.

Der französische Sinologe hat die Universalgeschichte in den Siebzigerjahren geschrieben, und man lernt darin etwa, dass sich die politische Kultur Chinas vor allem durch ihre Absorptionsfähigkeit auszeichnet: Das historische China ließ sich mit (nicht etwa gegen) mongolischen und europäischen Ideen impfen und stärkte sein kulturelles Immunsystem, indem es sich erwünschte Lehren anverwandelt, ungewollte Fremdimporte aussperrt: Wer das bereits vor dreißig Jahren las, konnte schon damals nur lachen über die Naivität der Hoffnung, China werde seine kulturelle Identität amerikanischen Abziehbildern von Freiheit und Demokratie opfern. Der Nachteil von Gernets Grundlagenwerk: Nur wer sich für die Qin-, Han-, Song- und Ming-Dynastien so sehr interessiert wie etwa ein Freund des deutschen Mittelalters für die Franken, Salier, Staufer oder Welfen, wird sich auf den fast 600 eng beschriebenen Seiten jederzeit bestens bedient fühlen.

Von Konfuzius bis Xi

Alle anderen greifen gleich zu der Länderkunde des alten Asienexperten Oskar Weggel; die fünfte Auflage mit dem schlichten Titel „China“ stammt aus dem Jahr 2002 und ist aus guten Gründen noch erhältlich: ein Buch, das die Grundwerte des chinesischen Gesellschaftssystems skizziert, das viele tausend Jahre älter ist als die Kommunistische Partei - und das den Vorzug hat, bei westlichen Lesern laufend Selbstbefragungen zu provozieren. Man lernt mit Weggel das traditionell engmaschige Netz der Beziehungen und zellular wirkenden Dorfstrukturen in China kennen, den Geist der Tradition und Einpassung, auch das Konzept einer Erziehung, die dauernde Ehrfurcht vor dem Hergebrachten vermittelt - und natürlich die Kernelemente der konfuzianischen Tugendlehre: Achtung vor den Vätern, respektvolle Höflichkeit, ergebenes So-Sein-Sollen.

Bezeichnenderweise handelt es sich ja auch bei der chinesischen Philosophie vor allem um eine Weisheitslehre: „Das Erlernte immer wieder einzuüben, ist die höchste Freude“, so Konfuzius. Darüber kann man sich lustig machen, wie schon Johann Gottfried Herder, der sich China als „balsamierte Mumie, mit Hieroglyphen bemalt“, vorstellte - oder wie Leopold Ranke, der von einem „Volk des ewigen Stillstands“ sprach. Warum? Nun, etwa weil in China Handwerk erst im Traditionszitat zu Kunst avanciert, nirgends so deutlich wie in der Kalligraphie: Lässt sich ein größerer Unterschied zum westlichen Verständnis von Kunst als Schöpferakt eines (einzelnen) Genies denken?

Wer anschließend wissen will, wie vor dem kulturhistorischen Hintergrund das schmeichelnde (Selbst-)Bild einer chinesisch geprägten Weltordnung aussieht, muss zum neuen Buch von Zhao Tingyang greifen, Professor für Philosophie an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in Peking - laut Verlagslyrik einer der „bedeutendsten chinesischen Philosophen der Gegenwart“. Man muss Zhao wirklich dankbar sein für die Offenheit, mit der er die chinesische Antike hagiographiert und exemplifiziert - sie uns als Referenz und Leitstern einer modernen „Pax Sinica“ vor Augen führt: als Beispiel für eine Weltinnenpolitik der Kooperation und Koexistenz, geprägt von einem gütigen Hegemon, dessen unwiderstehliche Anziehungskraft sich allein seiner Systemüberlegenheit verdankt. So verklärt und nationalgeschichtsstolz jedenfalls und aller kaderkommunistischen Realität enthoben wie in „Alles unter dem Himmel“ (Suhrkamp Verlag, 2020, 22 Euro) bekommt man das chinesische Harmonieideal „tianxia“ nicht alle Tage serviert.

Man hat sich unter „tianxia“, so der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel, weniger eine „greifbare Ordnung“, vielmehr „ein Lebensgefühl hierarchischer Geborgenheit“ vorzustellen. Theoretisch. Und idealhistorisch. Aber lebenspraktisch? Und realpolitisch? Wohl eher ein Lebensgefühl, das von der KP Chinas in Form von Win-win-Konstellationen produziert wird - Win-Win-Konstellationen, die sich Zhao zufolge am besten in hierarchischen Verhältnissen und Tributbeziehungen realisieren lassen. Für den inferioren Rest der Welt geht es dann vor allem darum, die Autorität des „tianxia“-Inhabers im Wege der freiwilligen Unterwerfung anzuerkennen, seine kulturellen Vorzüge assimilierend zu genießen, seiner politischen Meisterschaft Gehorsam zu bezeigen - sich in den „Mahlstrom“ seiner segensreichen Zentripetalkräfte ziehen zu lassen.

China versteht das als faires Angebot - als weltpolitischen Masterplan für die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“ (Präsident Xi). Das Ziel, so Zhao: das „konfuzianische Optimum“ allseitiger Nutzenmaximierung, die „Inklusion der Welt“, die Überwindung westlicher Herr- und Knecht-Beziehungen: zum Wohle des Weltklimas und Weltfriedens. Zhao ist so etwas wie der philosophische Weichzeichner dieses politischen Programms. Er entwirft in scharfer Abgrenzung zu westlichen Werten (Konkurrenz, Individualität, Menschenrechte) das Paradox einer totalen Weltinnenpolitik zum Wohle des größten denkbaren Kollektivs: der Menschheit eben. Er sagt nicht, China sei der natürliche Inhaber des „tianxia“. Aber welches Land könnte er sonst meinen? Das Buch ist, gelesen als Dokument geisteswissenschaftlicher Auto-Propaganda, nicht weniger als eine Offenbarung.

Und verlangt ein Gegengift: Clive Hamilton und Mareike Ohlberg haben mit „Die lautlose Eroberung“ (DVA-Verlag, 2020, 26 Euro) ein materialreiches Kompendium der Weltordnungsansprüche Chinas vorgelegt - und der antidemokratischen Machtmittel, derer sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) dabei bedient. Hamilton und Ohlberg verstehen „China“ dabei (aus guten Gründen) als „von der KPCh beherrschte politische Einheit“; sie zeichnen detailliert nach, wie die Partei „westliche Demokratien unterwandert“ und gehen schonungslos mit westlichen Politikern, Diplomaten und Managern ins Gericht, die sie zu politischen Lobbyisten Pekings zählen. Dabei schießen sie zuweilen über das Ziel hinaus. Man kann etwa, ja muss Altkanzler Helmut Schmidt mit Blick auf China für sein dauerndes Herrscherlob kritisieren. Aber ein willfähriges Sprachrohr chinesischer Interessen war er deshalb noch lange nicht. Und was heißt, Stichwort Hongkong, „lautlose Eroberung“? Egal: Neben den aktuellen China-Büchern und zumal als Parallellektüre zu Parag Khannas „Unsere asiatische Zukunft“ (Rowohlt, 2019, 24 Euro), in dem das „Reich der Mitte“ als rein defensiver Welthegemon und neutraler Wohlstandsmotor einen allzu freundlichen Auftritt hat, gehört das Buch von Hamilton und Ohlberg - nein: nicht auf den Nachttisch. Dafür sind die Belege für die Übergriffigkeit der KPCh und die Willfährigkeit westlicher Politiker, Diplomaten und Manager dann doch zu beunruhigend.

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