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Tauchsieder

Sollte Joe Kaeser twittern?

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Die Doppelmoral der twitternden Spitzenkräfte

Anders liegen die Dinge bei den beiden anderen Tweets. Im Fall Weidel bringt der Siemens-Chef erkennbar seine Besorgnis über die Verrohung der Sprache in einer Parlamentspartei, über die offene Fremdenfeindlichkeit in der AfD zum Ausdruck – über das, was viele Menschen in Deutschland neuerdings (wieder) für sagbar halten, ohne sich dafür zu schämen. Dazu hat er als gesellschaftlicher Akteur jedes Recht. Und dazu darf er sich als Citoyen und Staatsbürger, aus der Sorge um den Erhalt der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, sogar verpflichtet fühlen. Joe Kaeser ist als Siemens-Chef ein gesellschaftlicher Akteur (so wie auch „Siemens“ als rechtliche Person ein gesellschaftlicher Akteur ist) – und es wäre völlig absurd, wollte man ausgerechnet Akteuren der Wirtschaft empfehlen, sich ihrer Meinung über eine Gesellschaft zu enthalten, die sie, die Wirtschaft und ihre Akteure, in sehr weiten Teilen prägen. Das Gegenteil ist der Fall.

Nur im Bereich ihrer eigenen Sphäre, der Wirtschaft, dürfen Manager gesellschaftlich blind agieren, sich auf ökonomische Funktionslogiken und Systemzwänge berufen. Als gesellschaftliche Akteure hingegen sind sie, mit Karl Polanyi gesprochen, „eingebettet“ in die Gesellschaft: Sie tragen Verantwortung, sind rechenschaftspflichtig – so wie die 27 „Dreiteiler“ am 20. Februar 1933 im Reichspräsidentenpalais Verantwortung getragen haben, die Eric Vuillard uns in seinem kleinen Band „Die Tagesordnung“ so lebhaft vor Augen stellt: die Gustav Krupps, Hugo Stinnes’, Günther Quandts oder Fritz von Opels, die damals einen Wahlfonds für die NSDAP beschlossen.

Zuletzt Kaesers Tweet zu Donald Trump. Er ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Gewiss: Der Präsident der Vereinigten Staaten ist ein übler Hetzer, der rücksichtslos Raubbau an der demokratischen Kultur betreibt. Aber er hat wohl noch keine Journalisten ermorden und Schwule verfolgen lassen, kein Nachbarland überfallen und auch keine Angehörigen von Minderheiten in Umerziehungslager gesperrt. Das unterscheidet Trump vom saudischen Königshaus, von den Mullahs in Iran, vom russischen Präsidenten Putin und von Chinas Chef-Kommunist Xi.

Es fällt daher leicht, Siemens-Chef Joe Kaeser einer geradezu tolldreisten Doppelmoral zu zeihen. Er hat den Einmarsch Russlands in die Krim heruntergespielt („kurzfristige Turbulenzen“), setzt auf eine „langfristige Wertepartnerschaft“ mit Russland. Er war der Letzte, der sich von der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi von Geschäften mit den Saudis abhalten lassen wollte. Er ist als Siemens-Chef gleichsam von Berufs wegen gern in Staatsgeschäfte verwickelt (gewesen), auch mit Iran und China. Hinzu kommt, dass Joe Kaesers Trump-Tweet doppelt peinlich ist – weil er dem US-Präsidenten beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2018 noch übertrieben höflich gehuldigt hat. Und weil Applaus im Twitter-Universum nicht billiger, nicht gratismutiger zu haben ist als mit einer Trump-Beschimpfung.

Doch der Trump-Tweet hat auch eine Kehrseite: Kaeser riskiert einen Bann aus dem Weißen Haus – und dass Siemens Schaden nimmt.

Mut also statt Gratismut? Vor allem wohl Übermut. Denn als gesellschaftlicher Akteur gerät Joe Kaeser nicht nur in Konflikt mit den binnenökonomischen Interessen der Firmeneigner und Mitarbeiter (wobei jene die Macht besitzen, sich Kaesers zu entledigen, während diese den Folgen seiner veröffentlichten Privatmoral ausgeliefert sind). Sondern er markiert mit seiner wertgebundenen Kritik an Trump auch das defizitäre Wertesystem des Unternehmens, an dessen Spitze er steht – des gesellschaftlichen Akteurs „Siemens“. Natürlich, der Konzern weiß sich, wie fast alle Konzerne, einer Geschäfts-„Philosophie“ verpflichtet („nachhaltige Lösungen“, „global denken“, „Teamgeist“) – aber er ist auch, wie alle Konzerne, „fest davon überzeugt, dass Unternehmen der Gesellschaft gegenüber eine Verpflichtung haben“. Welche das wäre, etwa im Fall von China, Russland, Saudi-Arabien oder Iran, das allerdings wüsste man nach Kaesers Tweets doch gern etwas genauer.

Insofern stößt Kaeser, freiwillig oder unfreiwillig, eine wichtige Entwicklung an. Er kennzeichnet mit seinen Tweets die Kluft zwischen der Hypermoral in einem Konzern wie Siemens (Compliance), seiner interessengeleiteten Nicht-Moral auf globalen Märkten – und der Doppelmoral seiner twitternden Spitzenkräfte.

Und ganz im Ernst: Das ist gar nicht mal schlecht für den Anfang einer mutmaßlich stark von Systemkonkurrenz und nationalen Egoismen bestimmten Wirtschaftswelt im 21. Jahrhundert. Für die moralische Neujustierung einer in die Gesellschaft eingebetteten Wirtschaft auf der Basis europäischer Werte.

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