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Tauchsieder

Der Kriegs-Schau-Spieler

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Die „dunkle Seite“ der neuen Medien

Russland führt in diesem Sinne noch immer einen traditionellen Informationskrieg: Staatschef Wladimir Putin geht es im aktuellen Wahrheitsstreit um einen Giftgas-Angriff in Syrien darum, seinen Informationen einen „Spin“ beizumischen. Man kann auch sagen: seine (Falsch-)Information so systematisch und unverhohlen in Umlauf zu bringen, dass sowohl ihre Verifizierung als auch ihre Falsifizierung ausgeschlossen sind. Anders gesagt: Damit die (Falsch-)Information eine Realität annehmen kann, mit der im politischen Diskurs unbedingt zu rechnen ist, muss ich ein politisches Umfeld schaffen, in dem Lügner oder Nicht-Lügner Lügner oder Nicht-Lügner der Lüge oder Nicht-Lüge bezichtigen können. 

Das Interessante an Donald Trump ist nun, dass er die dunkle Seite der „Neuen Medien“ perfekt mit den Simulationsmöglichkeiten der traditionellen Medien im Sinne Baudrillards zu verschmelzen weiß – und dass er der Simulationstheorie des Franzosen damit die Krone aufsetzt. Baudrillard war noch der Auffassung, dass die Reproduktion eines Ereignisses in den Massenmedien dessen Rhythmus und Sinn verfälsche – dass die Wirklichkeit durch ihre (vereinseitigte, wiederholte) Vermittlung gewissermaßen aus dem Takt gerate, sich nicht mehr proportional und synchron zu dem Bild verhalte, das der Mensch sich von ihr mache.

Gleichzeitig stellte sich Baudrillard – zeit seines Lebens ein unscharfer Denker – die Massenmedien als Instrument zur Bestätigung, ja: Affirmation des Sich-Vollziehenden vor. Ihre Wirkung sei in doppelter Hinsicht palliativ: Erstens, weil die Empfänger nur empfingen. Und zweitens, weil sich die Massenmedien durch ihre Form der Sendung (sic!) mit der Macht, den Umständen, dem politischen System solidarisierten. Kurzum, so Baudrillard: Die Kodierung der Botschaft, ihre massenmediale Simulation, beruhigt Sender und Empfänger – auf Kosten der Botschaft.

Und Trump? Nun, die medientheoretische Leistung des US-Präsidenten besteht darin, dass er Sender und Empfänger in Baudrillards Simulationshypothese integriert – und die Simulation der Wirklichkeit damit paradoxerweise als Parallelwirklichkeit zweiter Ordnung vollendet. (Erst) in Trumps Simulation gibt es kein reales Außen mehr, das sich noch störend auf sie auswirken könnte. Der Kriegs-Schau-Spieler twittert in sein „Get-ready-Russia“-Game hinein, um sich auf Fox News als Adressat seines Inputs und das seiner Gegenspieler erleben zu können – so sieht Trumps Welt aus. 

Beruhigen kann da niemand mehr, nicht mal mehr Claus Kleber im ZDF. Putin kommt es auf die Mobilisierung und Manipulation von Informationen in der Realwelt an, so viel immerhin ist sicher. Und Trump käme es auf deren Diffusion und Auflösung in der Simulation an – sollte ihm ein Blick auf sich selbst noch verstattet sein. „Käme“, wohlgemerkt, und „sollte“. Wirklich sicher kann man sich da nicht mehr sein.

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