Terror in Barcelona Ungewohnte Einheit

Im Auge des Terrors schieben Madrid und das nach Unabhängigkeit strebende Katalonien ihre Differenzen beiseite und demonstrieren Einheit. Doch die Hoffnungen auf eine grundlegende Aussöhnung sind verfrüht.

BarcelonaEs war ein ungewohntes Bild der Einheit: Am Tag nach dem Attentat versammelten sich der spanische König Felipe VI., der Ministerpräsident Mariano Rajoy sowie die politische Führung Kataloniens zur Gedenkminute in Barcelona. Diese Kombination hat Seltenheitswert, denn Katalonien mit seiner Hauptstadt Barcelona und die Zentralregierung in Madrid sind erbittert zerstritten.

Die Katalanen fühlen sich von Madrid in ihrer Eigenständigkeit missachtet und fordern seit Jahren einen eigenen Staat und die Loslösung vom Rest Spaniens. Das Attentat trifft diese Pläne in einer besonders heiklen Phase: Am 1. Oktober will Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont ein Referendum abhalten, in dem die Katalanen über die Unabhängigkeit abstimmen sollen. Überwiegen die Ja-Stimmen, will Puigdemont innerhalb von 48 Stunden die eigene Republik Katalonien ausrufen. Siegen die Nein-Stimmen soll es Neuwahlen geben.

Madrid verbietet das Referendum, weil es gegen die spanische Verfassung verstößt, die die Einheit Spaniens vorsieht. Das Verfassungsgericht hat sämtliche Vorbereitungen für das Referendum untersagt. Die spanische Regierung hat mehrfach erklärt, sie werde alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um ein Referendum und erst recht eine Abspaltung zu verhindern. Die spanische Verteidigungsministerin María Dolores de Cospedal drohte gar mit dem Einsatz des Militärs.

Der Rest Spaniens hat für die Bestrebung der wirtschaftlich sehr starken Region kein Verständnis und hofft nun, dass der Terror die verloren gegangene Einheit wieder herstellt. Seit Jahren hat es keinen nennenswerten Verhandlungen zwischen Madrid und Barcelona über Zugeständnisse oder eine neue Art der Zusammenarbeit gegeben.

Das ist auch nötig, denn nun ist eine besonders enge Kooperation der nationalen und katalanischen Sicherheitsbehörden gefragt. Der Tod von bislang 14 Menschen hat dazu geführt, dass die politischen Differenzen zumindest kurzzeitig in den Hintergrund getreten sind. In immerhin dem Punkt haben beide Seiten die nötige Größe bewiesen. Puigdemont erklärte, Rajoy sei einer der Ersten gewesen, mit denen er telefoniert habe, als er von dem Attentat auf den Ramblas erfuhr. Beide haben am Freitag gemeinsam an der Sitzung des Krisenkabinetts teilgenommen.

Die Eiszeit zwischen Madrid und Barcelona geht zu einem guten Teil auf die Sturheit Rajoys zurück, der in den vergangenen Jahren nie das Gespräch gesucht hat. Nach der Krisensitzung aber erklärte er, beide Seiten sollten nun in der Lage sein, als „ein Team“ zu agieren. „Die Koordination zwischen den Sicherheitskräften ist wichtig, aber auch zwischen den Regierungen und den Politikern. Das wollen die Menschen und das ist es, was uns effizienter macht.“

Die spanische Tageszeitung El País forderte nach den Attentaten, Katalonien sollte nun seine Unabhängigkeitsbestrebungen bremsen und sich um die „realen Probleme“ der Region kümmern. Katalonien gilt neben dem beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika als Heimat zahlreicher radikaler Islamisten. In keiner anderen Region hat die Polizei in diesem Jahr mehr Terrorverdächtige festgenommen.

Doch Puigdemont erteilte solchen Forderungen postwendend eine Absage. „Es scheint mir wirklich schäbig, die Priorität einer Antwort auf die terroristische Bedrohung und der Hilfe für die Opfer mit anderen Dingen zu vermischen.“ Die Attentate würden nichts an den Plänen für das Referendum ändern.


Viele Gespräche werden folgen

Wie erbittert der Streit auf beiden Seiten ausgetragen wird, zeigte sich selbst bei der Gedenkminute in Barcelona am Tag nach dem Attentat auf den Ramblas. Während rund Hunderttausend Menschen im Ruf „Wir haben keine Angst“ vereinten, schrie zwei Mal eine Gruppe: „Weg mit der Fahne“, als Teilnehmer offenbar eine spanische Flagge hochhielten. Für Außenstehende ist die Aversion selbst in solchen Momenten nicht nachzuvollziehen. „Es ist hässlich, nach den schrecklichen Ereignissen jetzt über regionale Politik zu streiten“, sagt die junge Russin Anna Muchnik, die in Barcelona arbeitet und mit zwei Freundinnen zur Gedenkminute gekommen ist.

Doch Katalanen sehen das ganz anders. „Die Fahne ist eine Provokation“, erklärt Angel Bardaji. Madrid droht, hier mit Panzern das Referendum zu verhindern. Seit zehn Jahren spricht Madrid nicht mit uns, seit zehn Jahren demonstrieren jedes Jahr mehr Katalanen für die Unabhängigkeit. Irgendwann ist mal Schluss.“

Es ist zwei Tage nach den Attentaten zu früh, um die Frage zu beantworten, inwieweit der gemeinsame Kampf gegen den Terror zu einer neuen Annäherung und womöglich einer einvernehmlichen Lösung führt. Es war auch nicht zu erwarten, dass Puidgemont postwendend von seinem Plan Abstand für das Referendum Abstand nimmt. Aber der Druck auf ihn steigt nun.

Beiden Seiten ist klar, dass eine enge Sicherheitszusammenarbeit zum Schutz der Bevölkerung nun absolute Priorität hat. Bisher sieht es allerdings nicht so aus, als funktioniere die Kooperation bereits reibungslos: Am Samstagmittag verkündete der spanische Innenminister Juan Ignacio Zoido: „Wir können sagen, dass die Zelle von Barcelona total zerschlagen ist“. Fast alle mutmaßlichen Mitglieder der Zelle seien getötet oder festgenommen. Kurz darauf widersprach ihm die katalanische Polizei und die Regionalregierung in Barcelona. Man suche weiter nach zwei oder drei Verdächtigen, erklärte der katalanische Innenminister Joaquim Forn. Bevor die nicht gefunden sein, könne von Zerschlagung keine Rede sein.

Es hat schon bei anderen Fällen Widersprüche zwischen Polizei und Politik gegeben. Aber dieser Vorfall ist ein Dämpfer für die Hoffnung auf ein Ende der Eiszeit zwischen Madrid und Barcelona.

Aber es werden viele weitere Gespräche zwischen Rajoy, Puigdemont und ihren Teams nötig sein. Sie sollten die im Auge des Terrors als das begreifen was sie sind: eine Chance auf Annäherung. Die ist zwar alles andere als wahrscheinlich. Aber noch sollten die Apelle dafür nicht verstimmen.

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