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Terror in Frankreich Der Westen ist sich fremd geworden

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Dem Extremismus die Stirn bieten

Der Vorteil dieser Blickverlagerung liegt auf der Hand: Er bietet allen Formen des Extremismus die Stirn – dem Rechtsextremismus der Neonazis und dem Scharia-Extremismus der Salafisten. Angesichts von geschätzten 500 deutschen „IS“-Kämpfern kann man der Politik nicht den Vorwurf ersparen, eine antiwestliche Hass- und Gewaltkultur in migrantischen Milieus dramatisch unterschätzt zu haben.

Sie hat viel zu lange von „Multikulturalismus“ geträumt – und einen „pluralen Monokulturalismus“ befördert, hat der Bewahrung von Traditionen und Sitten den ideellen Vorrang vor der Wahlfreiheit eingeräumt, sich in der Kultur des Westens von Traditionen und Sitten zu lösen.

Zwei Tote bei Anti-Terror-Einsatz in Belgien
In Verviers in Belgien nahe der deutschen Grenze gab es einen Anti-Terror-Einsatz. Quelle: dpa
Sondereinsatzkräfte blockieren die Straßen in Verviers. Augenzeugen berichten von Explosionen und Schüssen. Quelle: dpa
Die Staatsanwaltschaft bestätigte noch am Abend, dass zwei Menschen getötet und ein weiterer schwer verletzt festgenommen wurde. Es soll sich um Heimkehrer aus Syrien gehandelt haben, die terroristische Anschläge in Belgien planten. Quelle: dpa
Polizisten oder Augenzeugen wurden bei dem Einsatz nicht verletzt. Quelle: dpa
Verviers liegt etwa 30 Kilometer von Aachen entfernt. Dort gebe bis zu zehn Personen, die in Syrien gewesen seien, berichtete der belgische TV-Sender RTL-Info. Die Identität der drei Toten stand demnach zunächst nicht fest. Quelle: dpa

Dabei hat der indische Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen schon 2007 vor den Folgen gewarnt: Die multiplen, kulturellen Identitäten, die jedem Menschen zu eigen sind (Glaube, Heimatland, Beruf, Familie, Freunde) drohen sich durch falsch verstandenen Multikulturalismus zu verhärten in eine einzige, beherrschende Identität. Mit dem unschönen Ergebnis, dass wir Muslime nicht als Bürger der Bundesrepublik adressieren, sondern Muslime als Muslime zu Islamkonferenzen einladen, um uns von der Harmlosigkeit ihres Glaubens zu überzeugen.

Viele Muslime sehen den Koran als Rechtsquelle

Es ist daher zu begrüßen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel noch einmal darauf hinweist, dass der Islam zu Deutschland gehört. Jeder weiß, dass das a) kulturhistorischer Kolossalblödsinn und b) gegenwartspolitisch evident ist. Aber darum geht es nicht. Merkel muss diesen Satz sagen, weil er zwei andere Sätze impliziert: Das Grundgesetz ist die Grenze der religiösen Freiheit. Und als Kanzlerin der Bundesrepublik bin ich nicht an eurem Glauben, sondern an eurer Verfassungstreue interessiert.

Nicht nur für Islamisten, auch für viele Muslime sind diese versteckten Sätze eine Zumutung. Sie verstehen den Koran nicht bloß als religiöse Weisung, sondern auch als Rechtsquelle. Diese Auffassung zu überdenken, die heiligen Texte im Licht der Gegenwart neu zu interpretieren, sie nicht wörtlich, sondern historisch-kritisch zu lesen, sie in der Vielfalt der Auslegung schätzen zu lernen, ohne ihnen ihre religiöse Substanz zu rauben – das ist die Aufgabe, vor der der Islam steht, will er seinerseits zu Deutschland gehören.

In Arbeit
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Denn das ist doch wohl der Kern des normativen Projekts des Westens: dass er offenbarte „Wahrheit“ und weltliche „Vernunft“ laufend auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Vernünftigkeit hin überprüft. „Unser Zeitalter“, schreibt Immanuel Kant acht Jahre vor der Französischen Revolution, „ist das Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.“

Damit ist das Entscheidende gesagt: Reflexion ist die moderne Religion des Abendlandes. Sie duldet den absoluten Wahrheitsanspruch der Glaubensgemeinschaften (und Atheisten). Und schützt uns vor seiner politischen Durchsetzung.

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