Terror in Frankreich Der Westen ist sich fremd geworden

Die westliche Welt muss ihre Normalität nicht gegen den Islam verteidigen, sondern eine entschlossene Antwort auf den Extremismus finden. Dazu sollte sie sich vor allem wieder mögen lernen.

Eine Pegida-Demonstration vor dem Brandenburger Tor Quelle: AP

Die Frage, was wir nicht wollen, ist leicht zu beantworten: Fanatismus und Eiferei, Ressentiment und Gewalt. Das Ressentiment geht in diesen Wochen besonders gern in Dresden spazieren. Man kann es beschreiben als lange aufgestautes, vernunftfernes Gefühl der Zurücksetzung, bei der sich das verbissene Bewusstsein an mehrheitlich geteilten Werten und Regeln durch deren Herabsetzung rächt.

Konkret gesprochen: Durch das Ressentiment wird das Gut der Meinungsfreiheit zur Parole der „Lügenpresse“. Der Fanatismus unterscheidet sich vom Ressentiment nicht in seiner Blindheit gegenüber dem Argument, wohl aber darin, dass der Wille zur Blindheit stärker ausgeprägt ist.

Fanatismus, so Alexandre Deleyre in der 28-bändigen Enzyklopädie der französischen Aufklärer im 18. Jahrhundert, „ist ein blinder und leidenschaftlicher Eifer, der abergläubischen Anschauungen entspringt und dazu führt, dass man nicht nur ohne Scham und Reue, sondern gar mit einer Art Freude und Genugtuung lächerliche, ungerechte und grausame Handlungen begeht...“ Trefflicher lassen sich die Terroranschläge in Paris nicht beschreiben: lächerlicher, ungerechter, grausamer, in die Tat umgesetzter Aberglaube.

Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

Das spontane „Je suis Charlie“ der Millionen auf den Straßen in Europa war eine erste, aber völlig unzureichende Antwort auf die Ereignisse: eine Geste der Trauer, eine Formel für die Verteidigung der Pressefreiheit, gewiss.

„Je suis Charlie“ verschleiert das politisch Entscheidende

Aber „Je suis Charlie“ ist eben auch eine Phrase, die zwei entscheidende Merkmale des globalen Terrors unterschlägt: Die mit Abstand meisten Opfer von Extremisten muslimischen Glaubens sind Muslime – und Juden werden (wieder) mitten in Europa ermordet, weil sie Juden sind, ganz gleich, ob sie Mohammed-Karikaturen zeichnen oder nicht.

Das politisch Entscheidende droht „Je suis Charlie“ daher mehr zu verschleiern als kenntlich zu machen: Der Westen ist in den nächsten Jahren nicht herausgefordert, seine Werte gegen den Islam zu verteidigen. Stattdessen muss er eine entschlossene Antwort auf den Extremismus finden – und sich selbst und die übrige Welt erneut überzeugen von den Vorzügen seiner Errungenschaften, vom Wert der Menschenrechte und des Rechtsstaats, der Gewaltenteilung und der Volkssouveränität.

Nicht die angebliche „Islamisierung des Westens“ ist das Problem, sondern die „Verwestlichung der Welt“ das bleibende Thema. The world is flat, glaubte der amerikanische Publizist Thomas Friedman vor zehn Jahren: Die Menschen vernetzen sich und bringen sich miteinander ins Gespräch. Heute wissen wir: Die Welt ist nicht flach – und manche verweigern das Gespräch. Wie gehen wir damit um? Womit wollen wir in Zukunft punkten? Für welche Werte wollen wir stehen?

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