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Terror in Frankreich Der Westen ist sich fremd geworden

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Die ganze Welt bezieht sich auf den Westen

Der Historiker Heinrich-August Winkler sagt: „Der Westen steht heute, anders als in der Zeit des Kalten Krieges, ohne einen Widersacher da, der ihn theoretisch herausfordert“. Und tatsächlich: Niemand stellt den westlichen way of life anspruchsvoll infrage.

Wenn Länder wie China sich hartnäckig dem Universalismus der Menschenrechte verweigern; wenn Russland den Partikularismus von Volkskultur und Nationalmythos in konservativ-revolutionäre Stellung gegen alles bringt, was es als Dekadenz des Liberalismus verunglimpft; wenn der religiös grundierte Extremismus in der arabischen Welt für unsere „ungläubige“ Toleranz nur Verachtung übrig hat – dann handelt es sich dabei nicht um Reaktionen, die gegen die Überzeugungskraft westlicher Werte sprechen, sondern sie im Gegenteil bestätigen: Die ganze Welt bezieht sich – zustimmend oder abwehrend – auf Liberalismus, Marktwirtschaft und Demokratie.

Die Karikaturen für "Charlie Hebdo"
Karikatur von 2006: Ein Rahmen um ein weißes Stück Papier. Überschrift: "Please enjoy this culturally, ethnically, religiously, and politically correct cartoon responsibly. Thank You." Quelle: Twitter
Ein Terrorist schießt auf einen Bleistift, der entzwei bricht. Doch ein Spitzer spitzt den abgebrochenen Stift wieder an. Dieser radiert mit seinem Radiergummi den gezeichneten Terroristen weg. Quelle: Twitter
Ein Flugzeug fliegt auf zwei nebeneinander stehende Bleistifte zu. Das Bild erinnert an die Anschläge auf die Zwillingstürme des World Trade Centers im September 2001. Quelle: Twitter
Ein von hinten gezeichneter Terrorist hat einen Zettel auf dem Rücken, auf den ein Bleistift schreibt: "You lost!" ("Du hast verloren!") Quelle: Twitter
Eine Zeichnung der Zeitschrift Charlie Hebdo. Aus der Titelseite der Zeitung erhebt sich eine Hand mit Feder, die dem Betrachter den Mittelfinginger zu zeigen scheint. Quelle: Twitter
Ein Gewehr und ein Stift nebeneinander. Auf dem Gewehr: "Murderous assault on french satirical newspaper". Auf dem Stift: "Free Expression". Bildunterschrift: "But the Pen Will Endure" Quelle: Twitter
Ein Terrorist mit Krummsäbel hat einer Person (T-Shirt: "Charlie Hebdo") den Kopf abgeschlagen. Aus dem Hals streckt sie dem Terroristen noch die Zunge entgegen. Bildunterschrift: "Onsterfelijk" Quelle: Twitter

Allerdings gibt es auch eine Kehrseite dieser erfolgreichen Globalgeschichte. Denn offensichtlich reicht dem Westen die Positivität seiner Werte nicht aus, um sich ihrer dauerhaft und belastbar selbst zu vergewissern. Offenbar benötigt er die Negativität eines Außen, Anderen und Fremden, um sich seiner Identität sicher zu sein.

Seit dem Fall der Mauer ist der Westen sich erkennbar fremd geworden. Er hat erstens im Namen der Freiheit völkerrechtswidrige Kriege geführt (Kosovo), erfundene Schuldbeweise zur Rechtfertigung für Militäraktionen herangezogen (Irak), Zivilisten bei Drohnenangriffen getötet (Afghanistan), sich rechtsfreie Räume erschlossen (Guantanamo) und sich zuletzt sogar – unter Freunden, die stolz sind auf ihre Kultur der Gedankenfreiheit – gegenseitig ausspioniert (NSA).

Er hat zweitens das Modell der Marktwirtschaft einem kreditexpansiven Wirtschaftsmodell geopfert, das keine verheißungsvolle Zukunft mehr ins Heute zaubert, sondern seit sieben Jahren eine Gegenwart abstottert, die ihre künftigen Potenziale schon verbraucht hat.

Und er hat drittens mit der salvierenden Formel vom demokratischen Wandel, der dem Handel angeblich auf dem Fuße folgt, die Idee der unteilbaren Freiheit verraten. Seit gute Geschäftsbeziehungen zu China und Russland, Saudi-Arabien und Katar gewissermaßen zur Staatsräson gehören, sind die wirtschaftliche und politische Freiheit der Menschen keine zweieiigen Zwillinge mehr.

Ist der Westen primär an guten Beziehungen zu Staatsvertretern interessiert? Oder am Wohlergehen der Bevölkerungen in diesen Staaten? Wie hält er es mit Regimes, die die Pressefreiheit einschränken? Wie gedenkt er die Meinungsfreiheit derer zu verteidigen, die in Gefängnissen in China, Russland oder Saudi-Arabien um Leib und Leben fürchten?

Die zehn reichsten Terrorgruppen der Welt
Platz 10: Boko HaramJahreseinkommen: 25 Millionen US-Dollar Ziele: „Die moderne Erziehung ist Sünde“ – dafür steht Boko Haram. Die islamistische Terrorgruppe, die sich mittlerweile „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ nennt, will westliche Bildung in Nigeria verbieten und die Scharia einführen. Sie machte sich einen Namen, indem sie zahlreiche Christen und moderate Muslime in Nigeria ermordet hat. Im Frühjahr 2014 hatte Boko Haram über 200 Mädchen aus einer Schule entführt (Foto). Quelle: AP
Platz 9: Real IRAJahreseinkommen: 50 Millionen US-Dollar Ziele: Die Real IRA beansprucht der einzige rechtmäßige Nachfolger der „Irish Republican Army“ (IRA) zu sein. Wie ihre von 1919 bis in die 70er Jahre bestehende paramilitärische Organisation, strebt auch die neue IRA die komplette Unabhängigkeit ganz Irlands – also auch Nordirlands – von Großbritannien an. Die 1997 gegründete Gruppe zeigt sich verantwortlich für einen Bombenanschlag 1998 im nordirischen Omagh, der 29 Menschen tötete. Beim Beschuss einer Kaserne tötete die Real IRA 2009 zwei britische Soldaten. Quelle: AP
Platz 8: Al-ShabaabJahreseinkommen: 70 Millionen US-Dollar Ziele: Sie waren sogar Osama bin Laden zu hart: Bis zu dessen Tod bemühte sich die somalische Terrororganisation al-Shabaab ins Netzwerk von al-Qaida aufgenommen zu werden. Bin Laden wehrte sich dagegen, da al-Shabaab auch Muslime ermordet. Das Ziel der Gruppe ist es, einen islamischen Staat am Horn von Afrika zu errichten und sich an einem weltweiten Dschihad zu beteiligen. Sie bekämpft dafür die somalische Regierung und kontrolliert bereits Teile Südsomalias, wo sie streng nach der Scharia regiert. Das Foto zeigt Denis Allex, einer 2013 von den Terroristen getötete französische Geisel. Al-Shabaab hat bin Ladens Nachfolger Aiman az-Zawahiri die Treue geschworen und gilt seitdem als lokaler Ableger von al-Qaida. Quelle: dpa
Platz 7: Laschkar e-TaibaJahreseinkommen: 100 Millionen US-Dollar Ziele: Im Kaschmirkonflikt zwischen Indien und Pakistan mischt auch die Terrororganisation Laschkar e-Taiba mit. Sie wollen die Muslime im indischen Teil Kaschmirs befreien und einen islamischen Staat errichten. Auf ihr Konto gehen Anschläge in Mumbai 2006 und 2008 – unter anderem auf das Luxushotel Taj Mahal Palace (Foto). Quelle: REUTERS
Platz 6: Al-Qaida und seine AblegerJahreseinkommen: 150 Millionen US-Dollar Ziele: Das lose weltweite Netzwerk meist sunnitischer Islamisten will einen weltumspannenden Gottesstaat aller islamischen Länder herbeiführen. Spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist al-Qaida in aller Munde. Das Foto zeigt die New Yorker Gedenkstätte. Quelle: AP
Platz 5: TalibanJahreseinkommen: 400 Millionen Euro Ziele: Die Taliban wollen ihre Macht in Afghanistan zurückerlangen, die sie nach dem Einmarsch der US-Einheiten ins Land 2003 verloren hatten. Die Islamisten verüben seit dem von Pakistan aus gezielte Anschläge gegen afghanische und internationale Truppen sowie gegen die afghanische Bevölkerung. Letztere leidet am meisten darunter: mehr als doppelt so viele Anschläge treffen die Zivilbevölkerung. Das Bild zeigt einen Anschlag vom Oktober 2014. Quelle: dpa
Platz 4: HisbollahJahreseinkommen: 500 Millionen US-Dollar Ziele: Einerseits Partei, andererseits Miliz – die schiitische Hisbollah stellt mehrere  Parlamentsabgeordnete im Libanon und war schon an mehreren libanesischen Regierungen beteiligt. Die Miliz der Hisbollah sieht sich angesichts der schwachen libanesischen Armee als die Beschützer des Libanons – vor allem vor Israel. Die Hisbollah entstand 1982, nachdem Israel das Land angegriffen hatte. Mit den USA, Kanada und Israel stufen lediglich drei Staaten die gesamte Hisbollah als terroristisch ein; die EU sieht lediglich die Miliz als Terrororganisation. Quelle: dpa

Wenn es der Westen nach den Anschlägen in Paris wirklich ernst meint mit der Verteidigung seiner Werte, mit dem Kampf um ihre universale Gültigkeit, wäre er gut beraten, den Blick von außen gleichsam zu verinnerlichen, sich selbst von seinen Widersprüchen her zu prüfen, so wie es beispielsweise die amerikanische Politologin Judith Shklar vorgeschlagen hat.

Shklar bestand darauf, den Freiheitsgrad von Gesellschaften von ihren Rändern her zu prüfen und „die Stimmen der Opfer immer zuerst zu hören“, kurz: Sie vertrat einen Liberalismus, in dessen Zentrum nicht die Idee der Freiheit, sondern die Vermeidung der Unfreiheit steht.

Ein solcher Liberalismus hat in der Sphäre der Wirtschaft seinen Ausgangspunkt in den Fabriken von Bangladesch, nicht in den Handelsräumen der Wall Street. Und ein solcher Liberalismus befindet sich in der Sphäre der Politik permanent im Widerstand gegen jede Form von angemaßter Macht, Gewalt und Grausamkeit. Er beschwört kein summum bonum, kein höchstes Gut, nach dem Liberale in Sonntagsreden streben, sondern geht von einem summum malum aus, das wir alle kennen und nach Möglichkeit zu vermeiden trachten: Frei wäre, wer nicht erniedrigt, bedroht, gedemütigt und verletzt werden kann.

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