Terror in Sousse Ein Anschlag auf Tunesiens wirtschaftliche Erholung

Gut eine Woche nach dem blutigen Anschlag in Sousse hat Tunesien den Ausnahmezustand verhängt. Der IS-Terror schadet der wirtschaftlichen Lebensader Tourismus - und schickt das Land in eine Abwärtsspirale.

Polizeischutz am Strand Quelle: dpa

Kaum zehn Kilometer sind es vom Strand nördlich der Ferienmetropole Sousse zum Industriepark Sidi Abdelhamid mit seinen zwei, drei Dutzend Zweckbauten zwischen breiten Zufahrtsstraßen. In einem der größeren Fabrikgebäude entstehen Plastikbauteile für Autos und Elektrogeräte. Chekib Debbabi, Chef von annähernd 400 Beschäftigten von Tunisie Plastique Système (TPS), teilt das Entsetzen fast aller Tunesier über den islamistischen Mordanschlag vom vorvergangenen Freitag.

Aber von neuen Gefahren für sein Unternehmen will er nichts wissen: „Wir sind gut geschützt, unsere Mitarbeiter sind loyal und gesetzestreu.“ In den Industriepark verirren sich – so Gott will! – Terroristen so wenig wie Touristen.

Die Front gegen den IS
USADie mächtigste Militärmacht der Welt organisiert die internationalen Luftangriffe. Ab August wurden zunächst IS-Stellungen im Irak bombardiert. Dabei kann sich Washington auf einen Hilferuf Bagdads berufen. Seit September kamen völkerrechtlich umstrittene Angriffe in Syrien hinzu. Sie galten neben dem IS auch der Al-Kaida-nahen Chorasan-Gruppe. Dabei werden auch Ölförderanlagen und Raffinerien gezielt zerstört. Nach US-Angaben sollten damit die Finanzquellen des IS ausgetrocknet werden. Seit dem 26. September bombardieren die USA auch IS-Stellungen bei der umkämpften Kurdenstadt Kobane in Nordsyrien (im Bild). Die USA bilden zudem syrische Rebellen für den Kampf gegen den IS und die Regierung in Damaskus aus und liefern Waffen. Quelle: AP
Arabische StaatenSaudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Jordanien unterstützen die USA bei Luftangriffen in Syrien. Die Golfmonarchien sind vom IS bedroht, dessen „Kalifat“ einen Anspruch auf Herrschaft über alle Muslime erhebt. Zugleich drängen sie die USA auch zum Sturz der syrischen Regierung, die ihrerseits gegen die Islamisten einen Kampf um Leben und Tod führt. Im Bild: Der Außenminister von Saudi Arabien, Saud al-Faisal. Quelle: dpa
TürkeiDie türkische Regierung leistet weiterhin nur humanitäre Hilfe und hat nach eigenen Angaben rund 200.000 Flüchtlinge aus der umkämpften Region Kobane aufgenommen. Im Bild ist ein türkische Helfer zu sehen, der Nahrung an die Flüchtlinge verteilt, Die Regierung in Ankara hat ein Mandat des Parlaments, militärisch in Syrien und dem Irak gegen Terrororganisationen vorzugehen. Sie fordert für ein Eingreifen aber eine umfassende internationale Strategie, die den Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad einschließt. Die Forderung nach einem Korridor für kurdische Volksschutzeinheiten durch die Türkei hat sie abgelehnt. Der Nato-Staat hat auch dem Anti-IS-Bündnis nicht die Nutzung türkischer Stützpunkte erlaubt. Quelle: REUTERS
FrankreichAls erstes EU-Land hat Frankreich im August Waffen geliefert und auch Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak geflogen. Dazu kommt Waffen- und Ausbildungshilfe für die irakischen Kurden. Quelle: REUTERS
GroßbritannienWashingtons engster Verbündeter fliegt ebenfalls Luftangriffe im Irak. Das Mandat des Parlaments schließt den Einsatz von Bodentruppen aus und beschränkt sich auf Einsätze im Irak. London liefert zudem Waffen an die irakischen IS-Gegner und leistet humanitäre Hilfe. Im Bild: Ein Jet der britischen Royal Air Force kehrt von einem Einsatz im Irak zurück. Quelle: AP
DänemarkAls einziges skandinavisches Land beteiligt sich Dänemark mit F16-Kampfflugzeugen am Kampf gegen den IS. Außerdem will Kopenhagen Militärausbilder entsenden. Im Bild: Premierministerin Helle Thorning-Schmidt. Quelle: AP
BelgienFür Luftangriffe gegen IS-Stellungen im Irak stellt Belgien sechs Jagdbomber vom Typ F-16 (im Bild) zur Verfügung. Zusammen mit den Kampfjets wurden rund 120 belgische Soldaten nach Jordanien verlegt. Quelle: REUTERS

Eigentlich ist die tunesische Industrie selber der beste Schutz, den das nordafrikanische Land gegen den Terror hat: Wer Arbeit hat und ordentlich verdient, hört nicht auf die Lockrufe der islamistischen Hetzer.

Auf exportorientierte Industriebetriebe der Metall- und Chemieindustrie wie hier in Sidi Abdelhamid konzentrieren sich Tunesiens Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Branche ist im ersten Quartal 2015 um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen. Insgesamt erwartet die tunesische Regierung für 2015 ein Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 2,6 Prozent – besser als in den Vorjahren, und dennoch zu wenig für die Probleme eines Landes mit 15 Prozent Arbeitslosen und einem BIP pro Kopf von etwa 5000 Dollar.

Wirtschaftswachstum Tunesien

Dagegen hat sich die Lebensader Tourismus vom Einbruch im Revolutionsjahr 2011 nie erholt. Mit 3,2 Millionen Übernachtungen betrug der Rückgang gegenüber dem letzten politisch ruhigen Jahr 2010 im ersten Quartal dieses Jahres 28 Prozent. In jüngster Zeit hatte die im vergangenen Winter demokratisch gewählte Regierung an Plänen zur Reform der Branche gearbeitet: weniger Billigtourismus am Strand, mehr Bildungs- und Erlebnistourismus im Hinterland mit seinen noch wenig besuchten kulturellen Schätzen.

Das ist unrealistisch geworden. Ausgerechnet in Kairouan, der mittelalterlichen Moscheenstadt, hat der Mörder von Sousse gewohnt. In seinem kurzen, unseligen Lebenslauf spiegeln sich fast alle Übel Tunesiens: Er kam aus dem bettelarmen Hinterland. Er bewegte sich am Rand der islamistischen Szene, wo politische Hetzer außerhalb des in Tunesien ziemlich moderaten religiösen Mainstreams agitieren. Er studierte Ingenieurwesen an einer kleinen, wenig angesehenen Hochschule – mit entsprechend schlechten Berufsaussichten.

Die Führer des IS

Seit Jahren verharrt die Arbeitslosigkeit bei 15 Prozent. Unter den jungen Hochschulabsolventen sind es 31 Prozent. „Jugendarbeitslosigkeit und ungleiche regionale Entwicklung sind Ihre Hauptprobleme“, sagte OECD-Generalsekretär José Ángel Gurria seinen Gastgebern vor ein paar Wochen bei einem Besuch in Tunis. Jetzt komme die Sicherheitslage gleichrangig dazu.

Demokratische Erfolgsgeschichte

„Fünf-Sterne-Sicherheit“ für die Strände verspricht der 88-jährige Staatspräsident Beji Caid Essebsi nach der Bluttat. Was potenzielle Touristen beruhigen soll, gefährdet eine wesentliche Ursache der einzigen demokratischen Erfolgsgeschichte in der arabischen Welt: In Tunesien hat der Umsturz von 2011 gerade darum eine friedliche Demokratie hervorgebracht, weil die Armee schwach ist und die Polizei nie eine getarnte Bürgerkriegstruppe war – ganz anders als in Ägypten oder im Nachbarland Libyen. Jetzt droht die Mobilmachung gegen weitere Attacken islamistischer Extremisten.

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Das Einzige, was Tunesien gegen eine Spirale aus Aufrüstung und Terror schützen würde, wäre ein spürbarer wirtschaftlicher Aufschwung. Doch das Wohl der meisten Unternehmen hängt ganz von der Konjunktur in den Hauptabnehmerländern Frankreich und Italien ab, Deutschland folgt mit Abstand auf Platz drei.

Der Plastikfabrikant TPS etwa ist eine Tochter des französischen Unternehmens Plastivaloire und konkurriert innerhalb des Konzerns mit einem Werk in Rumänien. Ziemlich erfolgreich sogar, weil Direktor Debbabi immer mehr auf Automatisierung der Produktion setzt.

Neue Arbeitsplätze werden so allerdings nicht geschaffen.

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