Terrorismus Der „Islamische Staat“ bedroht die Weltwirtschaft

So brutal die islamistischen Milizen im Irak und in Syrien auch wüten – der Westen wähnt sie weit weg. Doch die Folgen des Kriegs bekommt die ganze Welt zu spüren. Europas Sicherheit ist in Gefahr, neue Risiken bedrohen die Konjunktur.

Isis-Kämpfer mit Flagge und Maschinenpistole Quelle: rtr

Zynisch wirkt Wirtschaft, wenn sie selbst übelste Grausamkeiten in diesen kriegerischen Zeiten kalt zu lassen scheint. Seit vier Monaten morden und brandschatzen sich radikale Islamisten durch den Irak und Syrien – ohne dass der Ölpreis panisch Kapriolen dreht. Im Norden Syriens trennen köpfende Killer des sogenannten „Islamischen Staats“ („IS“) keine drei Kilometer von türkischem Boden – wirtschaftlich ist dort aber bislang alles noch im Lot. Im Dunkelreich der Illegalität gelingt es der Terror-Miliz sogar, das im Nordirak erbeutete Öl zu Geld zu machen, um damit und mit Spendengeldern aus aller Welt weiter Waffen zu kaufen.

Zwar geraten islamistische Fanatiker und Kurden – wie Mitte vergangener Woche – auch in deutschen Städten aneinander, doch noch wähnen wir unsere Wirtschaft nicht in Gefahr. Ein Trugschluss! Denn der Terror in Nahost gefährdet die Sicherheit auch in Europa und stellt die Nato vor eine schwere Probe. Die Kosten werden in die Milliarden gehen – auch für Deutschland. Und neben dem Staat werden auch die Unternehmen zahlen.

Die kurdischen Kämpfer im Überblick

Das Gefährliche und Neue an dieser Krise ist ihre Grenzenlosigkeit, sagt Josef Janning vom European Council on Foreign Relations in Berlin. Da sich Staaten wie Syrien und der Irak als funktionsunfähig erweisen, werden „nationale Identitäten von religiösen Ideologien zerstört“. In Ländern mit gesellschaftlichen Konflikten fängt der radikale Islamismus jene auf, die sich in nationalen Grenzen nicht (mehr) aufgehoben fühlen. Dem „IS“-Vorbild folgend, könnten Grenzen auch in Libyen und Myanmar, Indonesien oder Pakistan infrage gestellt werden, fürchtet Janning: „So geraten weltweit politische Ordnungen in Gefahr, auf denen unsere Sicherheitsarchitektur ruht.“

Kein Wunder, dass sich der stoischen Ruhe an den Märkten zum Trotz nun Ökonomen um die Weltwirtschaft sorgen: Vergangene Woche senkte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognose für das Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts für 2014 auf 3,3 Prozent – im April ging der IWF noch von 3,7 Prozent aus. Krisen wie die in Nahost könnten weit über die Region hinaus Schaden anrichten.

Die Politik ist alarmiert. Behörden richten sich auf Attacken in Deutschland ein, immerhin nutzen Terrorzellen das liberal-naive Deutschland mit Erfolg als Versteck. Schon mehren sich Stimmen, wie die Bundeswehr um- und aufgerüstet werden sollte, damit sie in Kampfeinsätzen eine größere Hilfe sein kann. Bereits heute kostet die Flucht von Millionen viele Staaten Milliarden, auch Deutschland wird die Ausgaben für humanitäre Hilfe weiter aufstocken müssen. Jene für den Wiederaufbau werden später, aber mit Wucht folgen.

Deutsche Unternehmen müssen auf Großaufträge im arabischen Raum verzichten, wenn wegen des Terrors Kraftwerke oder Wasserwege vorerst nicht gebaut werden. Mit der Türkei droht ein wichtiger Wirtschaftspartner an der fast gelöst geglaubten Kurdenfrage zu zerbrechen. Flughäfen müssen in die Sicherheit investieren, Reedereien Schifffahrtsrouten umplanen. Dabei hat der neue Kampf gegen den Terror erst begonnen – und ein Ende ist noch lange nicht Sicht. Welche Folgen sich bereits jetzt absehen lassen, lesen Sie auf den nächsten Seiten.

Militäreinsatz: Bis zu 22 Milliarden Dollar werden die USA in den Kampf gegen "IS"-Milizen stecken

Mit viel Knall und Rauch hatte sich die erste Milliarde Dollar bis Anfang Oktober in Luft aufgelöst: Der Einsatz gegen den „Islamischen Staat“ („IS“) in Syrien und im Irak kostete die USA bis Ende September zwischen 780 und 930 Millionen Dollar, schätzt der Washingtoner Thinktank Center for Strategic and Budgetary Assessments (CSBA). Für die Berechnung der künftigen Kosten haben die Militärexperten drei Szenarien entwickelt: Entweder die USA beschränken sich auf begrenzte Luftschläge, es kommt zu intensiven Luftangriffen – oder sie setzen im „worst case“ Bodentruppen ein.

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