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Terroristen in Xinjiang Chinas wilder Westen

Peking will seine Westprovinz Xinjiang zu einem zentralasiatischen Handelszentrum ausbauen. Doch jetzt drohen Terroristen einen Strich durch die Rechnung zu machen.

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Den Ureinwohnern geht es nur wenig besser: Landbewohnerin in Xinjiang Quelle: Laif

Die Gongyuan Bei Jie ist eine belebte Restaurant- und Geschäftsstraße in Urumqi, der Hauptstadt der nordwestchinesischen Provinz Xinjiang. Zwischen den Passanten fallen immer wieder mal kleine Grüppchen auf, meist stehen sie unter Schatten spendenden Bäumen. Es sind Militärpolizisten, junge Chinesen, das Maschinengewehr über der Schulter. Zu dritt oder zu viert halten sie sich zwischen den wenigen Bars auf, in denen sich vor allem Ausländer treffen, meistens junge Englischlehrer. Gleich daneben grillen einheimische Uiguren auf dem breiten Bürgersteig Hammelfleischspieße.

Am 23. Mai waren auf dieser Straße zwei Autobomben explodiert. Zwischen Obst- und Gemüseständen starben 39 Menschen, 90 wurden verletzt. Es war der schlimmste Anschlag bisher, aber bei Weitem nicht der erste. „Wir sind Anschläge gewöhnt“, sagt Mehmet, ein junger Uigure. „Jetzt gibt es eben noch mehr Polizeikontrollen als vorher.“

Gewalt und Terror ist an der Tagesordnung

Seinen ganzen Namen nennen möchte der Uigure nicht. Fast alle Gesprächspartner in der Provinz Xinjiang wollen aus Furcht vor der kommunistischen Zentralgewalt in Peking anonym bleiben. „Schnell landet man auf einer schwarzen Liste der Regierung“, erklärt Mehmet. Wer dort drauf stehe, erhalte regelmäßig Besuch von der Militärpolizei, die dann die Wohnung nach verdächtigem Material durchsucht. Im Radio heißt es, Autos mit abgedunkelten Fensterscheiben seien demnächst verboten, die Polizisten wollen immer sofort sehen, wer im Wagen sitzt.

Viele Tote nach Auseinandersetzungen in Xinjiang

Gewalt und Terror ist in der chinesischen Provinz Xinjiang an der Tagesordnung. Erst am Montag vergangener Woche starben wieder Dutzende Menschen bei einer Messerattacke in Kashgar, einer Stadt eineinhalb Flugstunden südwestlich von Urumqi. Wie üblich machten die chinesischen Sicherheitskräfte auch diesmal uigurische Aktivisten für die Tat verantwortlich. Häufig fügt sie hinzu, es handle sich um vom Ausland gesteuerte Gruppen. Völlig abwegig ist das nicht. Tatsächlich bezeichnet die al-Qaida Xinjiang auch als „Schlachtfeld Ost-Turkestan“, und die vom benachbarten Pakistan aus operierende Turkestan Islamic Party (TIP) hat sich zu manchen der Anschläge bekannt.

Unmut in der islamischen Bevölkerung

Einen Zusammenhang zwischen der Migrationspolitik und den Anschlägen weist Peking zwar zurück, doch auch darüber müsste man sich nicht wundern. Xinjiang ist etwa halb so groß wie Indien, hat aber nur 22 Millionen Einwohner. Auf dem riesigen Gebiet lebte ursprünglich eine Reihe islamischer Turkvölker, die größte Gruppe unter ihnen bilden die Uiguren. Seit Gründung der Volksrepublik China 1949 zogen aber immer mehr Han-Chinesen in die an Rohstoffen reiche Grenzregion.

Viel erinnert in Urumqi nicht mehr an die alten Zeiten. Wie in jeder anderen chinesischen Großstadt prägen Hochhäuser, fast immer verstopfte Stadtautobahnen und graue Luft das Bild. 75 Prozent der Einwohner sind inzwischen Han-Chinesen. Die Uiguren leben im alten heruntergekommenen Teil der Stadt. Die wenigen Moscheen sind hoffnungslos überfüllt. Zum Freitagsgebet rollen Hunderte Gläubige ihre Gebetsteppiche auf den Straßen aus.

Dass immer mehr Chinesen kommen, sorgt für Unmut in der islamischen Bevölkerung. Die Provinz an Terroristen oder Separatisten zu verlieren kann und will China sich nicht leisten. „Xinjiang ist enorm wichtig für China“, sagt Simon Powell, Öl- und Erdgas-Experte bei CLSA, einer Investmentfirma aus Hongkong. „Bis 2016 könnte die Provinz zum größten Energieversorger Chinas werden.“

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Im Tarim-Becken werden riesige Öl- und Erdgas-Vorkommen vermutet. Die Ausbeutung hat gerade erst begonnen. 11,6 Millionen Tonnen Öl wurden 2013 gefördert. 2011 waren es noch sieben Millionen Tonnen. Darüber hinaus liegen hier 38 Prozent der Kohlereserven Chinas und 2580 Milliarden Kubikmeter Wasser in Form von Gletschern. Das Gebiet durchziehen drei wichtige Pipelines, die China mit Erdgas und Öl aus Zentralasien versorgen.

Die Regierung in Peking geht daher mit Zuckerbrot und Peitsche gegen Autonomiebestrebungen vor. Auf Attentate folgen Massenverhaftungen und verstärkte Kontrollen. Den bekannten Universitätsprofessor und PEN-Preisträger Ilham Tohti, der immer wieder auf die systematische Benachteiligung der Uiguren hinwies, sperren die Chinesen ein. Seit dem Bombenanschlag im Mai in Urumqi wurden nach Regierungsangaben 32 Terrorgruppen zerschlagen und 315 Personen verurteilt.

Unterstützung für lokale Unternehmen

Gleichzeitig wurde aber auch kurzerhand allen Familien im Süden der Provinz das Schulgeld erlassen. Außerdem investiert die Provinzregierung 900 Millionen Yuan (rund 100 Millionen Euro) in 195 Programme, um lokale Fertigungen und kleine Unternehmen in der Region zu unterstützen. Eine andere Verordnung zielt darauf ab, dass in jeder Familie mindestens ein Mitglied Arbeit hat.

Im Norden der Hauptstadt wird gerade eine neue Stadt aus dem Boden gestampft. Wanderarbeiter aus ganz China ziehen hier Hochhaus für Hochhaus in den Himmel. Vierspurige Alleen führen in ein Gewerbegebiet: Shanghai Volkswagen hat hier im vergangenen Jahr ein Werk eröffnet – ganz freiwillig sei die Standortwahl allerdings nicht abgelaufen, munkelt man. Um die Erlaubnis für ein neues Werk in Foshan in Südchina zu erhalten, mussten die Autobauer ein anderes hier im unwirtlichen Nordwesten eröffnen. In enger Nachbarschaft haben Coca-Cola und Baumaschinenhersteller Sany ihre Werke. Gerade erst hat Mercedes-Benz eine imposante Händlerniederlassung eröffnet.

Nur wenige Autominuten weiter entsteht ein Bahnhof, der Urumqi 2015 an das chinesische Hochgeschwindigkeitszugnetz anschließen soll. Die Fahrt ins 2500 Kilometer entfernte Peking dauert dann 16 Stunden, ab 2017 soll eine U-Bahn die verstopften Straßen entlasten.

Die Stadt wird zum Museum

Große Fantasien weckt der Austausch mit Zentralasien. Schon jetzt ist Urumqi ein Handelsknotenpunkt: Auf dem Hualin-Export-Markt am Rand der Staat reihen sich schier endlos kleine Läden aneinander. Gelbe, rote, blaue und grüne Schilder werben in kyrillischer, lateinischer, arabischer und chinesischer Schrift. Händler aus Russland, Kasachstan, Usbekistan und Pakistan kaufen hier chinesische Kühlschränke, Waschbecken und Motorräder und bringen sie zurück in ihre Heimat.

Die faszinierenden Metropolen Chinas
Chongqing ist eine Millionenstadt in der Volksrepublik China. Sie liegt auf einer wie ein Komma geformte Halbinsel am Zusammenfluss von Jangtsekiang und Jialing. Das Verwaltungsgebiet der Stadt ist annähernd so groß wie die Fläche von Österreich. Mit 28,85 Millionen Einwohnern gehört Chongqing zu einer der größten Megastädte Chinas. Quelle: Reuters
Guangzhou ist eine Stadt im Süden Chinas mit 8,86 Millionen Einwohnern. Sie ist ein bedeutender Industrie- und Handelsstandort, weshalb sie auch die „Fabrik der Welt“ genannt wird. Im Oktober 2010 wurde in Guangzhou der höchste Fernsehturm der Welt (600 m) eröffnet. Quelle: Reuters
Die Küstenstadt Zhuhai gehört zu der chinesischen Provinz Guangdong und hat eine Einwohnerzahl von 1,45 Millionen. Zhuhai trägt in China den Beinamen „Stadt der Romantik“ aufgrund der vielen Buchten und Küsten. Die Stadt ist sehr sauber, der Lebensstandard sehr hoch. Zhuhai ist ein beliebtes Wochenenddomizil für Geschäftsleute aus Hongkong. Quelle: Reuters
Wuhans Einwohnerzahl beträgt 8,33 Millionen. Die Stadt in der Provinz Hubei besteht aus drei zusammengelegten Städten. Das ebene Stadtbild ist von zahlreichen Seen geprägt. Quelle: Reuters
Die Stadt Chengdu hat 10,44 Millionen Einwohner. Sie hat sich zum Wirtschaftszentrum Westchinas entwickelt. 2006 erreichte Chengdu den vierten Platz der lebenswertesten Städte Chinas. Quelle: dapd
Peking ist die Hauptstadt und das politische Zentrum der Volksrepublik China. Dort leben etwa 17,6 Millionen Einwohner. Durch die dreitausendjährige Geschichte Pekings beherbergt die Stadt ein imposantes Kulturerbe. Quelle: dpa
Dongguan hat 8,2 Millionen Einwohner. Sie liegt östlich des Perlflusses an der Mündung in das chinesische Meer. Viele Auslandschinesen in Hongkong stammen aus Dongguan. Quelle: Reuters

Doch all das macht sich klein aus gegen das, was die Regierung für Kashgar geplant hat. Verwinkelte Gassen führen in der 2000 Jahre alten Altstadt zwischen windschiefen Lehmhäusern hindurch. Ab und an erlangt man einen Blick in einen der mit Bäumen bewachsenen Innenhöfe. Überall liegt der Geruch von gegrilltem Lammfleisch in der Luft. Männer mit langen Bärten und Kaftanen verkaufen Teppiche, in bunten Gewändern verschleierte Frauen huschen mit Kindern die Gassen entlang.

Ausländische Journalisten sind nicht gern gesehen und dürfen nur in drei Hotels der Stadt übernachten. Eine halbe Stunde nach Check-in erscheint die Polizei und fragt, was man hier zu suchen habe.

Seit 2008 modernisiert die chinesische Regierung Kashgar mit brachialen Mitteln. Ein Großteil der jahrhundertealten Lehmhäuser ist bereits durch Ziegelbauten ersetzt, auf die eine muslimisch anmutende Fassade angebracht wird. Die neuen Häuser sind stabiler, haben Strom und Wasser – doch wirkt die jahrtausendealte Karawanenstadt immer mehr wie ein Museum.

Von der Oasenstadt zur Metropole

Weiter draußen Richtung Flughafen stampfen Wanderarbeiter aus ganz China Wohnungen für Tausende von Menschen aus dem Boden. „Kashgar Development Zone“ steht in großen Lettern vor einer Baustelle. Daneben ein Bild zweier Türme: Hier soll das neue Wahrzeichen Kashgars entstehen, zwei 280 Meter hohe Zwillingstürme. Mit der uigurischen Oasenstadt hat das nichts mehr zu tun. 2020 soll hier eine Million Menschen leben, dreimal so viele wie heute. Die meisten Neubewohner werden Han-Chinesen sein.

Im Mai 2010 wurde in Kashgar eine 100 Quadratkilometer große Freihandelszone eingerichtet. Vorbild ist die Metropole Shenzhen in Südchina, von der aus einst die wirtschaftliche Öffnung des gesamten Landes begann. Kashgar soll in den nächsten Jahren zu einem zentralasiatischen Handelszentrum werden. Die Pläne sind ambitioniert: Eine Eisenbahnstrecke soll Kashgar mit Gadar, einem Hafen in Pakistan verbinden, eine Pipeline Öl von dort nach China bringen. Auch eine Bahnverbindung nach Teheran ist im Gespräch.

In einem kleinen Café in Kashgar sitzt Salahuddin Nadir und legt fünf Edelsteine von der Größe eines Fingernagels auf den Tisch. 1500 Yuan, rund 200 Euro, kostet einer. Die Steine erhält er jenseits des Pamir-Gebirges in Afghanistan und Pakistan. Hier, auf der chinesischen Seite, verkauft er sie und deckt sich mit iPhones und anderen Elektroartikeln ein.

Einmal die Woche fährt er auf dem Karakorum Highway von Pakistan über die Grenze nach China. Die einzige Verbindungsstraße zwischen beiden Ländern windet sich von der alten Oasenstadt Kashgar das Pamirgebirge hinauf. 1200, 3600 und schließlich 4700 Meter, zum höchsten Grenzübergang der Welt. Links und rechts erheben sich drohend Gletscher und Felsen. Bäume wachsen auf dieser Höhe nicht mehr. Die wenigen Menschen, die es in diese lebensfeindliche Region verschlagen hat, sind kirgisische Nomaden, die von der Yak- und Schafzucht leben.

Den Chinesen geht es besser

Die übrigen Menschen, die der pakistanische Familienvater auf seiner Fahrt sieht, sind chinesische Wanderarbeiter. Unterwegs zu der letzten größeren Stadt vor der Grenze, Tashkurgan, ist die Straße immer wieder unterbrochen. Firmen aus Südostchina erweitern den Highway. Denn der Handel mit Pakistan und anderen zentralasiatischen Ländern soll massiv ausgebaut werden. Laut Daten des chinesischen Wirtschaftsministeriums ist das Handelsvolumen zwischen China und zentralasiatischen Staaten zwischen 1992 und 2013 von wenigen Millionen auf 40,2 Milliarden Dollar gestiegen. Das Potenzial hält Peking für weitaus höher.

Ausland



Tatsächlich sind die meisten Bewohner Kashgars nicht gut auf Chinesen zu sprechen. „Wir haben nichts gegen die Modernisierung“, sagt Hussein, ein 30-jähriger Restaurantbesitzer. „Aber sie geht zu schnell, und wir haben nichts mitzureden. In ein paar Jahren ist das hier eine chinesische Stadt geworden.“ Mehmet, der junge Uigure aus Urumqi, klagt ebenfalls: Fast alle Regierungsstellen seien mit Chinesen besetzt. Wie überall im Land seien viele Beamten korrupt und betrieben Vetternwirtschaft – davon profitierten nur die Chinesen.

„Natürlich geht es allen besser hier“, sagt Mehmet, der junge Uigure. „Nur geht es den Uiguren ein bisschen, den Han-Chinesen aber viel besser.“

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