WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Thailand Aufstand der Wohlhabenden

In Thailand prallen die Interessen der städtischen Mittelschicht und der armen Landbevölkerung aufeinander. Das Land ist tief gespalten. Die politische Krise könnte auch internationale Unternehmen empfindlich treffen.

Auf einer von Regierungsgegnern aufgebauten Barrikade in Bangkok steht

Noch vor einer Woche verkaufte sie Versicherungen im Stadtzentrum von Bangkok, nun will sie die Regierung zu Fall bringen. Naphapond Binshesoh campiert seit Montag im besetzten Finanzministerium, das die Demonstranten in Thailand als ihr Hauptquartier nutzen. Ihr Lager hat die 50-Jährige in der Eingangslobby aufgeschlagen. Eine Plastikfolie am Fußboden dient als Schlafstelle, ein T-Shirt zum Wechseln hat sie dabei. “Ich gehe hier erst wieder weg, wenn wir das System aus Korruption und Vetternwirtschaft besiegt haben, das unser Land seit Jahren lahmlegt”, sagt sie.

Naphapond gehört zu Bangkoks aufstrebender, konservativer Mittelschicht. Sie trägt einen Hut mit der Aufschrift “Wir lieben unseren König”, spricht gutes Englisch und erzählt von ihre Tochter, die gerade in Australien studiert. Es sind gut gebildete und wohlhabende Menschen wie sie, die derzeit zu Zehntausenden durch die thailändische Hauptstadt ziehen und ein Regierungsgebäude nach dem anderen umzingeln. Sie demonstrieren gegen eine politische Klasse, die sich ihrer Ansicht nach nur selbst bereichert, und sehen für sich keine Chance, mit demokratischen Wahlen daran etwas zu ändern.

Doch der Blick auf die Besetzer des Finanzministeriums und ihre Motive zeigt nur einen Teil der thailändischen Tragödie. Die Gesellschaft des Landes ist zutiefst gespalten: Der Wohlstand, den viele Bewohner Bangkoks nun mit der Macht der Straße verteidigen wollen, ist bei den meisten Menschen im ländlich geprägten Norden des Landes noch gar nicht angekommen. Sie leben vom Anbau von Reis und Zuckerrohr und unterstützen die Regierung für ihre sozialen Wohltaten.

Am tiefsten sind die Gräben, wenn es um einen Mann geht: Thaksin Shinawatra, Ex-Premierminister und Self-Made-Milliardär, außerdem der ältere Bruder der aktuellen Regierungschefin Yingluck. Der Politiker und Unternehmer aus Nordthailand ist aus Sicht der Landbevölkerung ein Held, seit seinem Erdrutschsieg im Jahr 2001 beherrscht er die thailändische Politik. Bei jeder Parlamentswahl, die seither abgehalten wurde, gewannen die ihm nahestehenden Parteien eine Mehrheit. Nur ein Militärputsch im Jahr 2006 konnte Thaksin aus dem Amt vertreiben. Weil er kurz darauf wegen Korruption und Amtsmissbrauch zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, lebt er im Exil.

Seine Gegner im besetzten Finanzministerium behaupten: Vom Ausland aus lenkt Thaksin nach wie vor die Regierungsgeschäfte, seine Schwester Yingluck sei nur eine Marionette. Ein Gesetzesvorhaben, das die Regierung vor wenigen Wochen durchsetzen wollte und das unter Umständen die straffreie Rückkehr des polarisierenden Politikers ermöglicht hätte, reichte aus, um genug Mitstreiter für eine der größten Protestaktionen in der Geschichte des Landes zu mobilisieren. “Wir verachten ihn”, sagt eine Demonstrantin, die sich als Frau Narvemon vorstellt. Auf einem Banner der Protestbewegung ist eine Fotomontage zu sehen: Thaksins blutender, abgetrennter Kopf.

Zuspitzung könnte Lieferengpässe bedeuten

Proteste in Thailand weiten sich aus

Es sind wirtschaftspolitische Initiativen wie zum Beispiel ein milliardenschweres Subventionsprogramm für Reisbauern, die in der Hauptstadt die Emotionen hochkochen lassen. Yinglucks Versprechen, den Landwirten Reis deutlich oberhalb des Marktpreises abzukaufen, verhalf ihr 2011 zum Wahlsieg. Doch obwohl das Programm die Einkommenssituation in den ländlichen Regionen zweifelsohne verbessert, ist es auch hochgradig ineffizient. Millionen Tonnen an Reis rotten nun in staatlichen Silos vor sich hin, erhebliche Teile der Staatsgelder versickerten in undurchsichtigen Kanälen.

Protestführer Suthep Thaugsuban sieht die Reis-Subventionen als typisch für das “Thaksin-Regime”, das er vollständig eliminieren möchte. Premierministerin Yingluck konterte gestern: “Es gibt kein Thaksin-Regime. Es gibt nur Demokratie.” Ein Misstrauensvotum im Parlament konnte sie am Donnerstag dank einer komfortablen Mehrheit der eigenen Partei überstehen. Die Situation bleibt jedoch festgefahren, beide Seiten stehen mit dem Rücken zur Wand: Die Opposition muss ihren Anhängern zeigen, dass ihre Proteste nicht wirkungslos verpuffen. Die Regierung muss trotz besetzter Ministerien versuchen, handlungsfähig zu bleiben. Wie es weitergeht, ist völlig offen.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Internationale Unternehmen verfolgen die Entwicklung mit großer Sorge: Denn Thailand ist nicht unwichtig für die globalen Lieferketten. Das hat zuletzt das Hochwasser in Thailand im Jahr 2011 gezeigt: Bei Festplatten kam es zu Lieferengpässen, Toyota hatte mit erheblichen Produktionsausfällen zu kämpfen.

Obwohl es durch die Demonstrationen zwar derzeit zu großen Verkehrsproblemen in Bangkok kommt, ist die Wirtschaft bisher aber kaum betroffen. “Es gibt keine Beeinträchtigung unserer lokalen Produktion sowie der Lieferkette”, sagt Günter Raichle, Thailand-Geschäftsführer des Münchener Brillenherstellers Rodenstock, der eine Fabrik am Stadtrand betreibt. “Auch unsere Mitarbeiter kommen wie immer pünktlich zur Arbeit.”

Dennoch gibt es die Sorge vor einer Zuspitzung der Lage: “Wir hoffen, dass Regierung und Opposition sehr bald an den Verhandlungstisch zurückkehren, um negative Auswirkungen auf Industrie und Tourismus abzuwenden.”

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%