Tourismus Die Chinesen kommen

Jährlich wächst die Zahl der chinesischen Touristen, die nach Europa reisen. Doch mit Zehn-Tage-in-zehn-Ländern hat das kaum mehr etwas zu tun. Langsam bildet sich in China eine Nachfrage für hochwertigen, individuellen Tourismus.

Chinesische Touristen Quelle: dpa

Die meisten Chinesen trinken warmes Wasser. Kaltes halten sie für ungesund. Deshalb sollte überall dort, wo sich chinesische Touristen für längere Zeit aufhalten, auch ein Wasserkocher bereitstehen. Das ist nur einer der Punkte, den laut Alison Gilmore, Reiseveranstalter und Hotels beachten sollten, wenn sie Gäste aus China in Europa beherbergen wollen. Die Britin ist Veranstalterin der "IInternational Luxury Travel Market Asia" in Shanghai.

Andere häufige Fehler sind: Kein chinesische sprechendes Personal, ausschließlich europäisches Essen und zu wenig Wissen über die Besonderheiten chinesischer Touristen. So wird unter Reiseveranstaltern oft die Geschichte eines Hotels erzählt, das abbrannte, weil chinesische Gäste im Zimmer ihr Essen mit einem Gaskocher zubereiteten. Dabei lohnt sich die Vorbereitung auf das Klientel auf jeden Fall: "Immer mehr reiche Chinesen wollen ins Ausland reisen. 2011 waren es 77 Millionen, 12 Prozent mehr als im Jahr zuvor", sagt Alison Gilmore. "Europa steht nach wie vor ganz oben auf der Liste."

Zwar gibt es nach wie vor die reisbetriebenen Reisegruppen, die mit Bussen in zehn Tagen in zehn Länder hetzen, in dieser Zeit in schlechten chinesischen Restaurants essen und billigen Hotels am Stadtrand übernachten. Doch neben diesem Sturmtrupp-Tourismus bildet sich langsam auch eine Nachfrage für qualitativ hochwertigen, individuelleren Tourismus. Vor allem das Luxus-Segment bietet große Chancen.

Die Reisen der jungen Millionäre

Klientel mit viel Geld gibt es in Fernost reichlich. 2,7 Millionen Dollar-Millionäre leben in China. 61 Prozent geben im "Hurun-Report", einer Reichen-Umfrage, Reisen als liebste Freizeitaktivität an. Hinzu kommt: Chinesische Superreiche sind verhältnismäßig jung - während in den USA 50 Prozent aller Millionäre älter als 50 sind, gilt das nur für 30 Prozent der chinesischen.

Die Firma "Affordable Luxury Network" organisiert Reisen für reiche Chinesen. Längst nicht alle Chinesen wollen kurz aus dem Bus aussteigen und ein Foto machen, sagt Frank Lin, Mit-Gründer der Agentur: "Unsere Kunden bleiben zum Beispiel drei Tage in Rom und fahren anschließend in eine Villa in der Toskana zum Entspannen. Eine solche Neun-Tages-Tour kostet zwischen 40000 und 80000 RMB (ca. 5000 bis 10000 Euro).

Mit einem Foto vor dem Eiffelturm und einem auf dem Canal Grande hat das nicht mehr viel zu tun. Steve McLaughlins Kunden "haben alles schon gesehen, alles gekauft und sind etwas gelangweilt von allem". Der Veranstalter Orion Expedition Cruises hat sich auf extravagante Reisen für Chinas Superreiche spezialisiert. Die Australier bieten Kreuzfahrten in die Antarktis an und Besuche von Orang-Utan-Farmen in Borneo. Nach wie vor aber würden superreiche Chinesen am liebsten in Gruppen reisen. Manager von Orion, erzählt von einem polyglotten Golfplatz-Besitzer aus Hongkong, der auf einer Kreuzfahrt strikt darauf bestand, neben Chinesen zu sitzen. Orion verkauft an Chinesen deswegen nur noch Charterreisen. "Der Markt ist noch nicht ausgereift", sagt McLaughlin. "Aber die Nachfrage wächst."

Chinesen sehen Europa als ein Land

Was Chinesen an Deutschland lieben
Touristinnen aus Asien fotografieren mit ihren Digitalkameras den Dom in Köln. Quelle: dpa
Triers Wahrzeichen, die Porta Nigra Quelle: dpa/dpaweb
Der Rhein bei Düsseldorf Quelle: dpa/dpaweb
Der Kölner Dom im Abendlicht Quelle: dpa
Boss Produkte in einem Geschäft in Metzingen Quelle: dpa
Die Skyline von Frankfurt am Main Quelle: dpa

Noch reisen nach wie vor die meisten reichen Chinesen am liebsten innerhalb Chinas. Doch auch das ändert sich mehr und mehr. Außerhalb sind vor allem die USA, Frankreich, die Malediven, Japan und die Schweiz beliebt. Europa nehmen viele Chinesen allerdings eher als ein Land wahr, denn als eine Vielzahl von Staaten. Fast alle wollen nach Paris, mit ihrer Eleganz, dem klangvollen Namen wie den Champs Elysee oder dem Eiffelturm, für Chinesen die romantischste Stadt der Welt. Hinzu gesellt sich ein weiterer Vorteil eher profanerer Natur: Luxus-Produkte wie Chanel-Kleider oder Louis-Vuitton-Taschen kosten dort ein Drittel weniger als in China, wo eine Luxussteuer anfällt. (Louis Vuitton, Cartier und Hermès sind die drei beliebtesten Marken, die Chinesen im Ausland kaufen, gefolgt von Moutai, einer chinesischen Reisschnaps-Marke und Apple.)

Deutschland ist bei chinesischen Gästen zwar beliebt, in erster Linie aber als Reiseziel für Business-Delegationen. Ralf Ostendorf vom Reiseveranstalter "Visit Berlin" beklagt in diesem Zusammenhang die strenge Visum-Vergabe der deutschen Behörden. Jeder, der einen Antrag auf ein Deutschland-Visum stellt, muss sich einem bürokratisch aufwändigen Check unterziehen. Interviewtermine in den Konsulaten sind auf Wochen und Monate ausgebucht (wiwo.de berichtete). Wer im Juni ein Visum nach Deutschland beantragt, kann frühestens im August dorthin reisen. "Manche denken immer noch, wenn Chinesen nach Deutschland wollen, sind das Wirtschaftsflüchtlinge. Dabei verschlafen wir hier eine Entwicklung, die im Zeitraffer stattfindet", sagt Ralf Ostendorf. Auch viele Hotels schätzen die Gäste nicht richtig ein. "Die denken immer noch an Billigtouristen."

Überraschung über europäische Dimensionen

Die Gäste wiederum seien erstaunt über die Offenheit und Lebenslust der Stadt. "Mit Deutschland verbinden Chinesen ja nur Effizienz, Arbeit und Qualität. Wenn sie dann im Sommer die Berliner in Cafés sitzen sehen, sind sie überrascht." Ostendorf muss seine Gäste auch immer auf die europäischen Dimensionen vorbereiten. Wenn Chinesen hören, dass Berlin 3,5 Millionen Einwohner hat, sind sie erstaunt - das entspricht der Größe einer mittleren Provinzstadt in China. Und 80 Millionen Deutsche? So viele leben in der Provinz Sichuan oder in den drei größten Städten des Landes, Peking, Schanghai und Chongqing, zusammen.

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Auch Europäer müssen sich auf andere Dimensionen einstellen. Fotografierende Japaner in den Fußgängerzonen europäischer Städte sind längst normal. Frank Lin aber meint: "Es werden fünf- bis zehnmal so viele Chinesen kommen."

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