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Touristenboom Hat Kubas Ausverkauf bereits begonnen?

Kuba: Welche Folgen hat der Tourismusboom für die Karibikinsel? Quelle: imago

Der kubanische Autor Pedro Juan Gutiérrez sieht den morbiden Charme seiner Heimat bedroht – von Kempinski, Armani und Airbnb. Tatsächlich nehmen die Folgen des Touristenbooms in Kuba teils bizarre Formen an.

Schneller Sex in einsturzgefährdeten Altbauten, ein täglicher Kampf ums Überleben und abends ein Glas Rum auf der Dachterrasse mit Blick auf den Sonnenuntergang über der Uferpromenade Malecón: Mit seinem Buch „Schmutzige Havanna Trilogie“ hat der kubanische Schriftsteller Pedro Juan Gutiérrez seiner Heimatstadt vor 20 Jahren ein Denkmal gesetzt. Er beschreibt eine Stadt am Abgrund. In der sogenannten Sonderperiode Mitte der 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fehlt es auf der sozialistischen Karibikinsel an allem. Es gibt weder Seife noch Wasser, weder Essen noch Arbeit - und Geld schon einmal gar nicht. Ständig fällt der Strom aus und Tausende Kubaner fliehen auf kaum seetüchtigen Flößen in die USA.

„Das waren schreckliche Jahre. Du hast dieses politische Projekt aktiv verteidigt, und plötzlich fällt alles in sich zusammen“, sagt Gutiérrez. „Es ist ein schmerzvolles Buch. Ich habe es in einer persönlich schwierigen Phase meines Lebens geschrieben. Und auch das Land war in einer wirtschaftlichen, sozialen, moralischen und ethischen Krise.“ Sein schonungsloser Blick auf das raue Leben im Tropensozialismus kam bei den Offiziellen in Regierung und Parteizentrale nicht gut an. Während die „Schmutzige Havanna Trilogie“ in 23 Sprachen übersetzt und in rund 80 Ländern veröffentlicht wurde, darf Gutiérrez berühmtestes Buch in seiner Heimat bis heute nicht erscheinen.

Die entbehrungsreiche Sonderperiode ist allerdings lange vorbei. Nun verändert der Tourismus die Insel. Im vergangenen Jahr besuchten rund 4,7 Millionen Urlauber Kuba und spülten viel Geld in die leeren Kassen. Jetzt soll die 5-Millionen-Grenze geknackt werden. In Havanna eröffnen neue Hotels, Bars und Restaurants - renovierte Wohnungen werden über Airbnb an Touristen vermietet. „Die Stadt könnte zerstört und in einem Themenpark verwandelt werden“, fürchtet Autor Gutiérrez. „Ich bin pessimistisch - wir werden eine Gentrifizierung mit sehr schnellen Veränderungen erleben. Schon jetzt werden ganze Gebäude aufgekauft und alle Wohnungen in Hostels umgewandelt.“

Tatsächlich nehmen die Folgen des Touristenbooms in Kuba zum Teil bizarre Formen an. Während der staatliche Durchschnittslohn noch immer bei umgerechnet knapp 30 Euro pro Monat liegt, kann ein Abendessen in einem guten Paladar - wie die neuen Privatrestaurants genannt werden - leicht das Doppelte kosten. Im alten Stadtzentrum Havannas, das Gutiérrez in seiner Trilogie noch als das heruntergekommene Jagdrevier der Säufer, Huren und Kleinkriminellen beschreibt, zieht der Luxus ein. Gegenüber vom Kapitol hat Kempinski das Gran Hotel Manzana eröffnet. Eine Nacht in dem Fünf-Sterne-Hotel kostet je nach Zimmertyp zwischen 400 und 2500 US-Dollar.

In der Einkaufspassage im Erdgeschoss haben sich Luxusmarken wie Armani, Montblanc und Versace eingemietet. Touristen können nun auf der Dachterrasse des Hotels einen Sundowner für zehn Dollar schlürfen oder im Bulgari-Shop eine Uhr für mehr als 10.000 US-Dollar kaufen. Das ursprüngliche Kuba, das so viele auf der Karibikinsel suchen, dürften sie in dem Luxus-Tempel aber kaum finden.

So abgewirtschaftet ist Kuba
Schon nach wenigen Minuten in der kubanischen Hauptstadt wird jedem Besucher klar: Hier fehlt es am Nötigsten. Die Häuserfassaden bröckeln, die Straßen weisen Schlaglöcher auf, die Taxis ruckeln zur Unterkunft. 11,5 Millionen Menschen leben auf Kuba. Der Großteil von ihnen... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
...hat Mühe, seine Grundbedürfnisse zu decken. Der Durchschnittsverdienst liegt bei etwa 29 US-Dollar im Monat. In Kuba gibt es zwei Währungen: den Peso cubano (CUP) für die Einheimischen – und den am US-Dollar gekoppelten Peso convertible (CUC).  Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Kuba liegt bei 12.389 US-Dollar. Zum Vergleich: Deutschland kommt auf einen Wert von 42.188 US-Dollar (Stand jeweils 2016). In diesem Jahr soll das BIP in Kuba leicht zulegen auf 12.994 US-Dollar pro Kopf. Auch, weil die Regierung sich verstärkt um die Modernisierung des Wirtschaftssystems bemüht. So hat der Staat 2010 beschlossen... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
… Kleinunternehmern in etwa 200 Berufsfeldern die Möglichkeit privatwirtschaftlicher Betätigung zu ermöglichen, etwa im Tourismus. Dort kann man – auch dank Trinkgelder – besser verdienen. Viele Uni-Dozenten, Ärzte oder Ingenieure verlassen ihren Job und verdingen sich als Taxifahrer oder Stadtführer. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Dennoch gilt das Gesundheitssystem noch immer als vorbildlich. Kuba exportiert seine Mediziner in alle Himmelsrichtungen. Die Kindersterblichkeit ist geringer als in den USA. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
Auch die Bildung ist top. Nahezu jeder Kubaner (99,8 Prozent) kann Lesen und Schreiben. Inzwischen wird auch in der Schule verpflichtend Englisch gelernt. Anders als in vielen Ländern Mittelamerikas können sich Touristen vor Ort immer häufiger verständigen. Die Sozialprogramme aber kosten viel Geld. Kuba ist pleite... Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche
... und dringend auf Investoren angewiesen. Doch diese haben es weiterhin schwer, Zugang zu Aufträgen und Märkten zu bekommen. Die Wirtschaft ist staatlich kontrolliert; öffentliche Unternehmen haben nach wie vor das Monopol in ihren jeweiligen Wirtschaftsbereichen. Quelle: Tim Rahmann für WirtschaftsWoche

Für die Kubaner, die jeden Tag für Lebensmittel anstehen oder wochenlang nach einem Sack Zement suchen, um ihre baufälligen Häuser auszubessern, muss die Protzerei wie Hohn wirken. Bereits jetzt öffnet sich die soziale Schere immer weiter zwischen jenen, die Zugang zu Devisen aus dem Geschäft mit den Touristen haben, und jenen, die mit dem staatlichen Einheitslohn auskommen müssen. Nach Einschätzung von Experten könnte das in der auf Gleichheit geeichten kubanischen Gesellschaft zu erheblichen Konflikten führen.

Schriftsteller Gutiérrez hat seine Schlachten schon geschlagen. Nach der Veröffentlichung seiner umstrittenen Havanna-Trilogie verlor der „karibische Bukowski“ seinen Job bei einem staatlichen Nachrichtenmagazin. Groll hegt er aber nicht. „Ich bin dankbar für meine Gegner und die Hindernisse - wenn du damit konfrontiert wirst, weißt du wenigstens, dass du nicht mittelmäßig bist.“

20 Jahre nach dem Erscheinen seines bekanntesten Buchs verhandelt der 68-Jährige nun über die Veröffentlichung der „Schmutzigen Havanna Trilogie“ in Kuba. „Es gibt jetzt eine etwas offenere Mentalität“, sagt Gutiérrez. In zwei oder drei Jahren soll es so weit sein.

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