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Transatlantische Beziehungen Die Besuche von Merkel und Macron bei Trump könnten unterschiedlicher kaum sein

Hier der Staatsbesuch Macrons in Washington, dort Merkels Arbeitstreffen mit Trump – wer am Ende mehr erreicht, ist völlig offen.

Washington/Paris/BerlinOb er will oder nicht: US-Präsident Donald Trump muss sich diese Woche mit den Befindlichkeiten, Sorgen und Nöten der Europäer beschäftigen. Der französische Präsident Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel kommen nach Washington, die beiden wichtigsten Politiker der Europäischen Union. Der Charakter der Besuche könnte unterschiedlicher kaum sein. Während der Franzose mit allem Pomp empfangen wird, ist Merkels kurzer Aufenthalt am Freitag nicht mehr als ein nüchternes Arbeitstreffen. Für beides gibt es gute Gründe.

Es ist der zweite Auftritt der Kanzlerin im Weißen Haus – und einiges ist passiert seit diesem 17. März 2017. Damals waren es noch sechs Monate bis zur Bundestagswahl. Als „Anführerin der freien Welt“ kündigten damals die „New York Times“ und die US-Nachrichtenseite „Politico“ die deutsche Regierungschefin blumig an.

Diesen Titel wird diesmal wohl niemand der Kanzlerin verleihen. Zu lange hat es gedauert mit der Regierungsbildung in Berlin, zu lange war Deutschland in der Weltpolitik fast abgemeldet. Und jetzt hat sich Berlin auch noch beim Militäreinsatz der USA, Frankreichs und Großbritanniens in Syrien fein herausgehalten. Es gab Gesprächskanäle, aber wirklich gefragt wurde Berlin nicht.

2017 wurde Merkel immerhin von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitet. Das ist diesmal nicht der Fall. Auch ein Treffen mit Trumps Tochter Ivanka oder anderen Vertrauten des Präsidenten ist bisher nicht vorgesehen. Vom ersten Treffen Merkel/Trump im Weißen Haus blieb dann vor allem die bizarre Debatte über den ausgebliebenen Handschlag vor den Fotografen in Erinnerung.

Kommt nun also Macron als mächtigster Mann Europas? Wenn er am Mittwoch vor den US-Kongress tritt, will er den ganz großen Bogen schlagen – über das jahrhundertealte Bündnis der beiden Länder bis in die Gegenwart.

Macron bekommt mit dem ersten Staatsbesuch der Trump-Ära den ganz großen roten Teppich ausgerollt. Ein Zeichen dafür, dass der junge Franzose irgendwie einen Draht zum impulsiven US-Präsidenten gefunden hat, den er demonstrativ als seinen Freund bezeichnet. Irgendwie können die beiden miteinander. „Er darf Trump Sachen sagen wie international kaum ein Zweiter“, hieß es in US-Medien vor dem Besuch.

Ob substanziell bei dem Treffen allerdings viel herauskommen wird, ist eine andere Frage. Zunächst einmal liegt dem Amerikaner extrem viel daran, dem Franzosen zu zeigen: Gloria und Pomp und Geschichte und Show? Das kann ich auch.

Macron empfing Donald und Melania Trump im Juli 2017 mit großem Glanz in Paris, Abendessen im Eiffelturm inklusive, und so etwas mag der Amerikaner ja sehr. Macron habe Trumps Vertrauen gewonnen, sagte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire der Zeitung „Le Monde“. „Es ist ihm sogar gelungen, der einzige Gesprächspartner Trumps in Europa zu werden.“

Und so fährt der US-Präsident seinem Gast ein möglichst eindrucksvolles Potpourri auf. Zum Auftakt geben die Trumps für Emmanuel und Brigitte Macron unweit der Hauptstadt ein privates Dinner im geschichtsträchtigen Mount Vernon, Landsitz des ersten Präsidenten George Washington. Die Sicht auf den Potomac ist fantastisch. 1961 schipperten hier die Kennedys mit der Yacht des Präsidenten an die Gestade und speisten mit Pakistans Präsidenten.

Am Dienstag dann der offizielle Teil mit allem, was das Protokoll für Macron hergibt. Weißes Haus, südlicher Garten. Auf bilaterale und hochrangig besetzte Gespräche folgen ein Besuch des Militärfriedhofs Arlington und seiner schier endlosen Gräberreihen. Gemeinsame Pressekonferenz im Rosengarten. Abends Staatsbankett im State Dining Room unter der ganz persönlichen Obhut Melania Trumps, die auf einen Eventplaner verzichtete und sich mit ihrem Team selbst um Porzellan, Blumen und 1000 Details kümmerte.


Keine Stars, kein Hollywood, kein Pop

Dieses Dinner wird völlig anders sein als bei den Obamas. Keine Stars, kein Hollywood, kein Pop. Unter den rund 150 Gästen, schreibt Politico, sind keine Demokraten und keine Vertreter der großen Medien. Trump habe sie nicht eingeladen.

Merkel, die nüchterne Protestantin, gilt als gänzlich uninteressiert am oft doch recht männlichen Gepränge und Gedröhne von Paraden und Tschingderassa, wenn der Unterschied zwischen Staats- und Arbeitsbesuch doch auch ins Auge fällt. Trumps Verhältnis zur Kanzlerin ist so mittel. Er trat 2016 gegen Werte an, für die sie steht. Dass Merkel ihn nach seiner Wahl an diese Werte erinnerte, Freiheit, Fairness, Demokratie, wird er ihr nicht vergessen haben. Für so etwas hat der quecksilbrige Präsident ein langes Gedächtnis.

Merkel dürfte den Besuch außerdem noch rasch im April untergebracht haben, weil mit dem Mai für Deutschland sehr wichtige Daten nahen. Zwar liegen für beide Treffen die Themen auf der Hand: Syrien und Russland, der Iran und China, das Klima und die Wertegemeinschaft der freien Welt. Vor allem aber wird es um den Handelskonflikt zwischen den USA und der EU gehen.

Bis zum 1. Mai muss Trump entscheiden, ob er die Europäer von den Strafzöllen auf Stahl und Aluminium weiter ausnimmt oder eben nicht. In Washington heißt es, es sei ein Vorteil, dass die Besuche kurz aufeinander folgen, hebe das doch Europa wieder auf den Schirm. Ein starker französischer Präsident, der für Europa werbe, sei gut für alle. Zwischen Merkel und Macron werde kein Blatt passen. Und dann ist da noch der 12. Mai, wenn Trump über den Iran-Deal entscheiden wird. Dieses Thema liegt im größten gemeinsamen Interesse Europas.

Immerhin hatte das Weiße Haus die Ankündigung von Merkels Besuch mit der Aussicht verknüpft, beide würden „die deutsch-amerikanische Partnerschaft als Grundstein der transatlantischen Beziehungen und der Zusammenarbeit in der Nato bekräftigen“. Merkel sagt, die transatlantische Partnerschaft sei wichtig, selbst wenn es Meinungsverschiedenheiten gebe.

Und dann fügt die Kanzlerin einen für sie ungewöhnlich gefühligen Satz an: „Das transatlantische Bündnis ist angesichts vieler nicht demokratischer Entwicklungen auf dieser Welt ein großer Schatz, den ich jedenfalls auch hegen und pflegen möchte.“

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