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Trotz Corona Las Vegas hofft auf einen neuen Boom

Casino-Stadt Las Vegas wagt den Neustart nach dem Coronatief. Quelle: imago images

Corona hat die Spielermetropole Las Vegas hart getroffen. Doch nun setzen Hotel- und Casinobetreiber sowie Investoren auf einen neuen Boom: Sie hoffen, dass die Einreisesperre aus Europa fällt. Schon wird das bislang teuerste Mega-Casino gebaut.

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Draußen sind 18 Grad, es bläst ein leichter Wind. An einem Mittwoch im März stauen sich die Autos auf dem Las Vegas Boulevard – schlicht Strip genannt – schon am Vormittag. Der Asphalt und die Zufahrten zum „Resorts World“, einem neuen Mega-Casino, werden gerade erneuert, es geht nur im Schritttempo voran. Weiter südlich schieben sich Menschentrauben über den Gehweg vor den Fontänen des Bellagio Resorts und der Vulkan-Simulation vor dem Mirage. Viele tragen grüne Hüte oder Jacketts mit Kleeblättern, manche auch nur grüne Bikinis, lassen Bierflaschen kreisen oder wedeln mit überdimensionierten Cocktail-Gläsern mit gigantischen Trinkhalmen. Es ist Saint Patricks Day, der wichtigste Feiertag der über die ganze Welt verstreuten Iren, die für ihre Trinkfestigkeit berühmt sind. Am Crystal Shopping Center neben einer Leuchtreklame für Gucci und Dolce & Gabbana drängen sich Besucher dicht an dicht in einen Fahrstuhl.

Es wirkt wie ein ganz normaler Tag auf dem Las Vegas Strip. Wären das nicht die Masken, die geschätzt jeder Dritte auf dem Gehweg trägt. Und die großen Hinweisschilder an den Türen der Casinos, die auf Maskenpflicht in den Gebäuden hinweisen. Als sanfte Ermahnung ist die große Cäsar-Statue, die auf den Las Vegas Strip schaut, mit einem goldfarbenen Mund-Nasenschutz ausgestattet.

Nevada Gouverneur Steve Sisolak von den Demokraten, der als Unternehmer mit Werbeartikeln reich wurde, will seinen Staat wieder zu alten Zeiten zurückführen, allerdings behutsam. Zwei Tage vor dem St. Patricks Day hat er den Casinos gestattet, wieder auf 50 Prozent Kapazität von zuvor 35 Prozent hochzufahren. Veranstaltungen mit bis zu 250 Personen dürfen wieder stattfinden, auch die Pools und Restaurants sind offen. In den Casinos selbst hat sich mit der Pandemie wenig verändert. Blackjack-Spieler sind mit Plexiglas-Scheiben voneinander getrennt, überall stehen Clorox-Spender, einige der einarmigen Banditen sind abgebaut. Aber ansonsten dudeln die Automaten wieder so vertraut wie früher, wird die Ausgabe von Gewinnen durch Münz-Geschepper simuliert, obwohl seit Langem nur noch Bons mit Barcodes ausgedruckt werden. Nur die opulenten Buffets vermisst man – wann sie wieder zurückkommen, ist ungewiss.

Quelle: Matthias Hohensee

Klar ist nur, dass Las Vegas endlich aus seiner bislang schlimmsten Krise kommen muss. In der Metropole residieren zwei Drittel der 3,1 Millionen Einwohner Nevadas. Die wichtigsten Industrien sind die Hotel-, Messe-, Unterhaltungs- und Gastrobranche, gefolgt vom Glücksspiel. Fast alles hängt an diesem Entertainment-Komplex, auch die Transport- und Baubranche. Im April und Mai vergangenen Jahres, als erstmals die Lichter am Strip ausgingen und Hotels geschlossen wurden, schnellte die Arbeitslosigkeit in Las Vegas auf sagenhafte 34,2 Prozent – Zimmermädchen, Pagen, Kellner, Croupiers und Köche standen auf der Straße. Momentan sind es noch immer knapp zehn Prozent. Unter den amerikanischen Ballungszentren ist nur Los Angeles mit 11,5 Prozent stärker getroffen.

Die Besucherzahlen brachen 2020 um über fünfzig Prozent auf 19 Millionen ein. Die Belegungsrate der Hotels halbierte sich von 89 Prozent auf 42 Prozent. Viel günstiger wurden die Zimmer dadurch nicht. Der durchschnittliche Preis für eine Übernachtung sank von 132 Dollar auf 120 Dollar. Ohne die zaghaften Öffnungen im Sommer und den Januar und Februar 2020, als Corona noch als chinesisches Problem gesehen wurde, wäre es noch viel schlimmer gekommen.

So düster war es noch nie, auch wenn Las Vegas schwere Zeiten gewohnt ist. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 blieben Besucher aus Angst vor neuerlichem Terror fern. Doch ein Jahr später war das vergessen. Eindrücklicher machte sich die Finanzkrise von 2008 bemerkbar. Damals steckte der Strip voll im Bau-Boom und einigen der Bauherren ging das Geld aus. Die Deutsche Bank wurde deshalb ganz offiziell das, was ihr seit Jahren scherzhaft nachgesagt wird: der Betreiber eines Casinos. Im Mai 2014 verscherbelte das Geldinstitut das vier Milliarden Dollar schwere Cosmopolitan-Casino für 1,7 Milliarden Dollar an den Vermögensverwalter Blackstone. Die wirtschaftliche Erholung setzte zwar schon in den Obama-Jahren ein. Aber in den Lohntüten vieler Amerikaner machte sie sich nur zaghaft bemerkbar. Ab 2015 wendete sich das Blatt. Im Jahr 2016 verzeichnete Las Vegas 42,9 Millionen Besucher, ein historischer Rekord.

Quelle: Matthias Hohensee

Mitte März 2020 kam Corona mit voller Wucht und ließ die Lichter ausgehen. „Ich will, dass alles offen bleibt“, barmte Las Vegas Bürgermeisterin Carolyn Goodman in einem inzwischen berühmten CNN-Interview. Und empfahl, die Spielerstadt in einem Modell-Versuch einfach auszunehmen, um zu studieren, ob es auch ohne Schließungen gehe. Goodman, inzwischen 81 Jahre alt und seit zehn Jahren Bürgermeisterin der Spieler-Metropole, ist noch immer überzeugt, dass die von Gouverneur Sisolak verhängten Schließungen falsch waren. „Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass vollständige Schließungen mehr bewirkt haben als es moderate, mehr nachvollziehbare Maßnahmen getan hätten“, erklärte sie gerade vor ihren Stadträten. Auch die derzeitige Beschränkung auf 50 Prozent Kapazität macht für Goodman keinen Sinn. „Wir müssen zurück zu mehr persönlicher Verantwortung und persönlicher Freiheit.“

Inzwischen macht sich wieder Optimismus breit. Nevada hat knapp über eine Million seiner 3,1 Millionen Einwohner geimpft. Schon Anfang April soll jeder, der es möchte, sich für eine Impfung anmelden können. Und Las Vegas ist bislang aus jeder Krise stärker hervorgegangen. „Die Leute möchten sich amüsieren, Unterhaltung ist ein Grundbedürfnis“, hofft Tom Reeg, CEO des Casinobetreibers Caesars Entertainment. „Wir sehen wieder Licht am Ende des Tunnels.“ Auch Las Vegas Veteran Jim Murren, ehemaliger Chef der MGM Gruppe, ist optimistisch. „Ich erwarte in der zweiten Jahreshälfte eine robuste Erholung, die im nächsten Jahr noch mehr Fahrt aufnehmen wird.“

Quelle: Matthias Hohensee

Das gilt nicht nur für die High-Roller, die besonders hohe Beträge verspielen oder Weinflaschen für zehntausende Dollar ordern, auch Wale genannt. Sondern auch für die normale Mittelklasse. Resorts wie das Sahara am nördlichen Ende des Las Vegas Strip, das dem kubanisch-amerikanischen Immobilien-Milliardär Alex Meruelo gehört, verschicken wieder an potentielle Spieler Gutscheine über zwei freie Übernachtungen, 20 Dollar Kredit im Restaurants und 35 Dollar für ein paar Züge am einarmigen Banditen.

Auch die Investmentgesellschaften Apollo und Vici Properties setzen auf den Aufschwung. Gerade haben sie für 6,25 Milliarden Dollar das örtliche Hotel, Casino- und Veranstaltungsgeschäft von der Sands Gruppe übernommen, darunter das Flaggschiff Venetian und das Sands Expo-Center. Ihr Schöpfer Sheldon Adelson, der mit den Erlösen aus dem Verkauf der Computermesse Comdex zu einem Casino-Tycoon aufstieg, starb im Januar an Krebs. Die von ihm geschaffene Sands Gruppe fokussiert sich auf ihr Glücksspiel-Geschäft in Singapur und Macao.



Derweil fließt Geld aus Asien nach Las Vegas. Die Genting Group aus Malaysia hält an ihren Plänen fest, im Sommer das Mega-Casino „Resorts World“ zu eröffnen, das mit 4,3 Milliarden Dollar Baukosten bislang teuerste Projekt am Las Vegas Strip. Es befindet sich auf dem Gelände des 2007 abgerissenen Stardust Casino, dessen Geschichte bis in die 50er Jahre zurückgeht. Ursprünglich sollte es schon 2016 eröffnet werden, was unter anderem Klagen von Konkurrenten verzögerten. Nun ist es fast fertiggestellt. Neben einem 11.000 Quadratmeter großen Kasino, enthält es gleich drei 59stöckige Hotels, die von der Hilton-Gruppe betrieben werden und insgesamt 3500 Zimmer offerieren. Sie kommen laut dem Datenanbieter Statista zu den 143.000 Zimmern hinzu, die Las Vegas derzeit offeriert. Allerdings waren es zu Beginn der letzten Dekade schon mal über 150.000.



Die Rückkehr von Las Vegas könnte ebenso zäh werden wie in der Finanzkrise von 2008. Die Wirtschaft der Spielerstadt ist in den vergangenen zwanzig Jahren grundlegend umgebaut worden. Zwar versuchen sich laut Tourismusbehörde 81 Prozent der Besucher im Glücksspiel. Doch das Gros der Einnahmen kommt mittlerweile aus Hotelübernachtungen, Shows, Restaurant und dem Veranstaltungsgeschäft. „Es bedingt, dass viele Leute zusammenkommen“, sagt Steve Hill, CEO der Messe- und Tourismusbehörde LVCVA. Schweren Herzens musste er die wichtigste Messe, die Consumer Electronics Show für 2021 absagen. Ihr Veranstalter verlagerte sie ins Virtuelle. Ob die jeweils im Januar stattfindende weltgrößte Messe für Unterhaltungselektronik, die sich mittlerweile in eine Auto-Show gemausert hat, im Januar 2022 vor Ort über die Bühne geht, ist noch unklar. Hill hat die Zeit genutzt, um das Messegelände auszubauen und die während Corona bankrott gegangene Monorail-Einschienenbahn, welche die größten Kasinos und Hotels mit dem Messegelände verbindet, übernommen.

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Derzeit hofft man in Las Vegas, dass viele Amerikaner, die nicht so hart von Corona getroffen wurden, nach Las Vegas reisen und dort einen Teil ihres Stimulus-Geldes ausgeben. Vielleicht auch, um den Kurzurlaub vor Ort gleich mit einer Impfung zu verbinden, vor allem wenn das Johnson&Johnson-Vakzin in größeren Mengen verfügbar ist, welches nur eine Impfung erfordert. Und auch, dass die Einreisesperre aus Europa im Sommer fällt, die noch von US-Präsident Donald Trump verhängt und von Nachfolger Joe Biden verlängert wurde. Die Deutschen sind immer gern gesehene Gäste in Vegas.

Mehr zum Thema: In Europa fanden die Programmierer John und Patrick Collison einst keine Investoren. Mit der jüngsten Finanzierungsrunde ist ihr Unternehmen Stripe nun das wertvollste Start-up der USA mit 95 Milliarden Dollar.

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