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Trumps Wirtschaftspolitik Rätselraten um Trumponomics

Amerikas führende Ökonomen warnen Donald Trump vor Protektionismus und ausufernden Staatsschulden.

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Donald Trump: Die Wirtschaftspolitik des zukünftigen US-Präsidenten bereitet Ökonomen Kopfzerbrechen. Quelle: dpa

Nur wenige Tage noch, dann zieht Donald Trump als neuer Präsident Amerikas in das Weiße Haus. Doch was der neue starke Mann an der Pennsylvania Avenue wirtschaftspolitisch plant, weiß niemand so genau. Daher kann es nicht verwundern, dass unter Amerikas Ökonomen, die sich am vergangenen Wochenende zur Jahrestagung der American Economic Association, dem größten Ökonomentreffen der Welt, in Chicago versammelten, kein Thema so heftig diskutiert wurde wie die Frage nach dem wirtschaftspolitischen Kurs des künftigen Präsidenten.
Die Organisatoren der Tagung hatten deshalb extra eine Podiumsdiskussion zum Thema “ Die ökonomischen Herausforderungen für den neuen Präsidenten“ angesetzt - in der Hoffnung, ein Mitglied des Trump-Teams würde nach Chicago kommen und die konkreten Pläne des künftigen Präsidenten vorstellen. Doch Pustekuchen. Man habe das Trump-Team um eine Teilnahme gebeten, sagte der Harvard-Professor Gregory Mankiw: “Doch es wollte niemand kommen”.

Deutlicher hätte Trumps Mannschaft nicht zeigen können, was sie von der akademischen Ökonomen-Elite hält: Nichts. So blieben die Wissenschaftler in Chicago unter sich - und durften munter spekulieren, was wirtschaftspolitisch auf die USA und die Weltwirtschaft unter dem neuen Präsidenten zukommt.

Trumps wirtschaftspolitische Pläne

Einig war man sich in Chicago, dass Trump trotz der guten Lage auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren vor großen wirtschaftspolitischen Herausforderungen steht. Jason Furman, wirtschaftspolitischer Chefberater von Noch-Präsident Barack Obama, wies auf das seit mehr als zehn Jahren rückläufige Produktivitätswachstum, die schwachen Investitionen und die nach wie vor wachsende Einkommensungleichheit in den USA hin. Alan Krueger von der Princeton-Universität sagte, dass von den jungen erwerbstätigen Amerikanern derzeit weniger als die Hälfte über ein höheres Einkommen verfügt als die Generation ihrer Eltern. Dagegen hätten frühere Generation es immer geschafft, ihre Eltern beim Einkommen zu überflügeln.

Ebenso wie die meisten Industrieländer stehen auch die USA vor einer demografischen Zeitenwende. Das unterscheidet die aktuelle Situation fundamental von derjenigen unter Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren, mit dessen Wirtschaftspolitik manche Beobachter die Ankündigungen Donald Trumps, die Steuern zu senken, vergleichen.

Damals sorgte eine wachsende Erwerbsbevölkerung für einen zusätzlichen Schub beim Wirtschaftswachstum. Derzeit hingegen sinkt die Zahl der Erwerbspersonen, was den langfristigen Wachstumstrend zusätzlich zur schwachen Produktivitätsentwicklung nach unten drückt.

In der nächsten Dekade sei daher nur mit einer jahresdurchschnittlichen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent zu rechnen, sagte Furman. Zum Vergleich: Von Anfang der 1950er Jahre bis 2010 hatte die Rate noch bei mehr als drei Prozent gelegen. Trump dürfe die USA daher für Einwanderer nicht komplett abschotten, sondern müsse auf die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften setzen.

Zuspruch für Steuersenkungen

Die von Trump geplanten Steuersenkungen sehen die meisten Ökonomen positiv. Glenn Hubbard, Professor an der Columbia Universität in New York und ehemaliger Chefberater von US-Präsident George W. Bush, glaubt, dass Steuerentlastungen den langfristigen Wachstumstrend um bis zu 0,5 Prozent pro Jahr steigern könnten.

Dass das Defizit im Staatshaushalt durch Steuersenkungen kurzfristig steige, sei kein Beinbruch. Entscheidend sei, dass Trump Maßnahmen gegen das langfristige strukturelle Defizit ergreife. Dazu sei es unvermeidlich, das Wachstum der Sozial- und Gesundheitsausgaben deutlich zu begrenzen.
Treibe Trump hingegen die Schulden des Staates weiter in die Höhe, könnten die Finanzmärkte nervös reagieren, warnte Edmund Phelps, Nobelpreisträger von der Columbia-Universität in New York. “Startups hätten es dann schwerer, an Geld für Innovationen zu kommen“, so Phelps.

John Taylor von der Universität in Stanford forderte von Trump eine radikale Wende in der Wirtschaftspolitik. “Wir brauchen keine neuen Konjunkturpakete, sondern durchgreifende Strukturreformen und Deregulierungen, um Wachstumskräfte freizusetzen”, sagt Taylor.

Bisher deutet vieles jedoch darauf hin, dass sich Trump im Weißen Haus gerieren wird wie der CEO der America Inc. Als Unternehmer lebt er davon, Deals zu machen. Das dürfte auch seinen künftigen Politikstil prägen. “Trump neigt dazu, fallweise in die Wirtschaft einzugreifen, um unternehmerische Entscheidungen in seinem Sinne zu beeinflussen“, charakterisiert Edmund Phelps, Nobelpreisträger von der Columbia-Universität, den Politikstil des neuen Präsidenten.

Möglicherweise gelinge Trump ein Deal mit Google oder einem anderen großen Unternehmen, der diese dazu veranlasse, Gewinne aus dem Ausland nach Amerika zu repatriieren. Langfristig aber richte ein solches wirtschaftspolitisches Mikro-Management mehr Schaden als Nutzen an. “Trump dürfte versuchen, die Wirtschaft am Gängelband zu führen wie ein Puppenspieler seine Figuren. Das wird die Innovationskraft der USA nicht stärken“, kritisiert Phelps.

Woher sollte der US-Präsident auch wissen, welche Investitionen und Arbeitsplätze in welcher Branche rentabel sind? Diese Entscheidung können nur die Unternehmer treffen. “Wer Unternehmen via Twitter auffordert, Standortverlagerungen ins Ausland zu unterlassen, gefährdet das langfristige Produktivitätswachstum in Amerika”, sagt Krueger unter Anspielung auf die jüngsten Warnungen Trumps an die US-Autohersteller, Arbeitsplätze nicht ins billigere Nachbarland Mexiko zu verlagern.

Was Trump zudem übersieht: Geht es Mexiko aufgrund amerikanischer Handelsbarrieren wirtschaftlich schlechter, nimmt der Migrationsdruck Richtung USA zu. Statt das Einwanderungsproblem zu lösen, droht Trump es zu verschärfen.

Sorge um den freien Handel

Die Globalisierung hat die Ungleichheit zwar erhöht, sagt Krueger, doch sei es allemal besser, die Verlierer der Globalisierung zu entschädigen als das Heil im Protektionismus und Interventionismus zu suchen. Erratische Politikentscheidungen im Weißen Haus schaffen Unsicherheit und machen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen unkalkulierbar.

So könnten bald gute Beziehungen und Kontakte zu Trumps Mannschaft zur wichtigsten Währung der Unternehmen im Kampf um Marktanteile und Gewinne werden, kritisiert Phelps. Welcher Unternehmer will in diesem Klima noch investieren und Innovationen auf die Schiene bringen? Phelps warnt daher: “Die Attraktivität Amerikas als Unternehmensstandort steht auf dem Spiel“.

Sorgen machen sich die Ökonomen auch um den freien Handel. Es sei höchste Zeit, Trump zu erklären, dass Importe und Exporte eng miteinander verzahnt sind, sagt Phelps. Viele US-Unternehmen schicken ihre Vorprodukte zur Weiterverarbeitung über die Grenze nach Mexiko, anschließend werden sie von dort zur Endbearbeitung wieder zurück in die USA geliefert.

Wer diese grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten durch Zölle oder andere protektionistische Maßnahmen stört, schadet der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und verteuert die Produkte für die Verbraucher in Amerika. Der einfache Mann auf der Straße, den Trump im Wahlkampf umgarnt hat, könnte so der Leittragende der Trumpschen Abschottungspolitik werden.

Noch allerdings hoffen die meisten Ökonomen, dass sich die rhetorischen Ausfälle Trumps gegen den Freihandel nicht in der politischen Praxis niederschlagen. Die Mehrheit der Republikaner im US-Kongress bestehe aus Freihändlern, sagt Hubbard: “Sie werden einen Rückfall in den Protektionismus nicht dulden”.

Dazu kommt, dass Amerikas Schuldenpolitik das Land von ausländischen Finanziers abhängig gemacht hat, allen voran von China und Japan. Trump fiele es schwer, das US-Staatsdefizit zu finanzieren, wenn er andere Länder beim Export nach Amerika ausbremst und so der Möglichkeit beraubt, Dollars zu verdienen, die sie zum Kauf der US-Staatsanleihen benötigen.

Trumps Vorstellungen, so konstatierten die Ökonomen in Chicago, böten mithin noch viel Potenzial für intensive wirtschaftspolitische Beratung. Fragt sich nur, ob Trump das auch so sieht.

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