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Türkei Das kleine Wirtschaftswunder am Bosporus

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Der EU-Prozess

Recep Tayyip Erdogan, Türkischer Ministerpräsident Quelle: dapd

Und wo bleibt da die europäische Perspektive? Türkische Regierungspolitiker versichern zwar, die EU-Mitgliedschaft sei weiterhin ein wichtiges Ziel. Aber das sind eher Lippenbekenntnisse. Nur noch 38 Prozent der Türken wollen die Vollmitgliedschaft – gegenüber 73 Prozent vor sieben Jahren, als die Beitrittsverhandlungen begannen. Nicht die Türkei brauche Europa, sondern umgekehrt, ist eine häufig geäußerte Ansicht. Die Türkei sei Europa mittlerweile „in vielen Bereichen voraus“, meint auch der Banker Marcus Slevogt, Vizepräsident der Auslandsabteilung des einflussreichen türkischen Unternehmerverbandes Tüsiad. Der Bankensektor ist ein Beispiel: Früher und konsequenter als europäische Länder regulierte die Türkei nach der schweren hausgemachten Finanzkrise von 2001 ihre Geldinstitute. Vor allem darum überstanden die türkischen Geldhäuser die Lehman-Krise, ohne nach Staatshilfen rufen zu müssen. Heute verfügen die meisten dieser Banken über Eigenkapitalquoten von 15 Prozent und mehr. Europa bleibe zwar in vielem Vorbild, sagt Slevogt, aber „der Beitritt zum Klub erscheint derzeit nicht besonders reizvoll“.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Beitritt zwar nach seinem Amtsantritt 2003 zur politischen Priorität erhoben – auch in der Absicht, unter Berufung auf europäische Standards die Macht der türkischen Generale zu brechen. Das ist gelungen, aber dann folgten die Probleme mit den Gegnern des türkischen EU-Beitritts in Berlin und Paris, der wirtschaftliche Aufstieg der Türkei und die Umbrüche in der arabischen Welt, die aus türkischer Sicht vor allem große Chancen bieten.

Wenn Erdogan heute sein Regierungsflugzeug besteigt, geht die Reise meist nach Osten oder Süden. Und wenn seine Piloten Westkurs steuern, führt die Route häufig hoch über Europa hinweg geradewegs nach Washington. Erdogan will sein Land zur Führungsmacht im Nahen Osten und zum Global Player machen.

Ausland



Der Weg ist das Ziel

Das ist auch für viele deutsche Unternehmer verlockend, die anfangs gerade wegen der EU-Beitrittsperspektive in die Türkei gekommen waren. Das Thema EU stehe zwar weiterhin pro forma auf der politischen Tagesordnung, sagt BASF-Manager Hammes. Wichtiger als der Beitritt seien aber die auf dem Weg dorthin bereits umgesetzten Reformen: „Das hat der türkischen Wirtschaft enorm geholfen.“

Der Weg ist das Ziel: So sehen die meisten türkischen Unternehmer den EU-Prozess. Mit der 1996 in Kraft getretenen Zollunion hatte sich die Türkei die wichtigsten wirtschaftlichen Vorteile der Anbindung an EU-Europa bereits gesichert. „Die Zollunion war der entscheidende Impuls für unsere Wirtschaft, weil wir uns dem Wettbewerb stellen mussten und uns angepasst haben“, sagt Bahri Yilmaz, Wirtschaftsprofessor an der Istanbuler Sabanci-Universität. Die Vollmitgliedschaft sieht Yilmaz eher als „Wunschtraum“, der frühestens in zehn Jahren in Erfüllung gehen werde, wenn überhaupt. Aber auch immer mehr Unternehmer beginnen sich von der europäischen Vision innerlich zu verabschieden. Denn eine politische Integration könnte dem dynamisch wachsenden Land neue Fesseln anlegen, meint Siemens-Chef Gelis. Er spricht von den Sonderwirtschaftsverträgen der Türkei mit 20 Ländern und den Abkommen über die Aufhebung der Visumspflicht mit 60 Staaten. „Wäre das in der EU möglich?“, fragt er zweifelnd.

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