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Türkei Erdoğan fährt sein Land gegen die Wand

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Europäische Abhängigkeiten

Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn hat Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei ins Spiel gebracht, als „absolutes Druckmittel“. Für die deutsche Wirtschaft wäre das aber eine Medizin, deren Nutzen unsicher, deren Schaden jedoch gewiss ist. Waren im Wert von 37 Milliarden Euro tauschten die beiden Länder im vergangenen Jahr aus. Die EU ist der wichtigste Handelspartner des Landes. Für die EU kommt die Türkei an immerhin fünfter Stelle. 6500 Unternehmen mit deutscher Beteiligung sind dort angesiedelt, allein Bosch beschäftigt im Land mehr als 15.000 Menschen.

Stabile Geschäfte: Handelsvolumen EU/Türkei. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Jan Noether von der deutschen Handelskammer in Istanbul betont daher, wie wichtig es gerade jetzt sei, weiter Kontakt zu halten. Strafaktionen wirkten immer gesprächshemmend: „Sanktionen würden der türkischen und der deutschen Wirtschaft schaden.“

Der deutsch-türkische Handel habe in den ersten acht Monaten dieses Jahres um acht Prozent zugelegt, wirbt Noether. Siemens biete gerade bei einem Ausschreibungsverfahren für Dutzende Schnellzüge, im Gesundheitsbereich erwarten Unternehmen zweistellige Wachstumsraten. „Die Türkei bleibt nach wie vor ein sehr interessanter Markt“, betont Noether.

Deutsche Konzerne, die in der Türkei in großem Stile investiert haben, darunter E.On, Bosch und die Allianz, beobachten die Situation ganz genau. Auf Vorstandsebene tauschen sie sich regelmäßig aus. Bisher haben sie der Türkei die Treue gehalten – eben weil sie dort gute Geschäfte machen. Das Wachstum war steil, Manager schwärmen von bestens ausgebildeten Mitarbeitern, die mit Elan an die Arbeit gehen, der Standort ist ideal als Drehkreuz in asiatische und afrikanische Märkte. Aber auch für sie kann der Punkt kommen, an dem die Risiken zu hoch werden.

Denn wie soll man mit einem Präsidenten kalkulieren, der sich einfach nicht um sein Ansehen im Ausland schert? „Wenn mich jemand Diktator nennt, geht das bei mir bei einem Ohr rein und beim anderen raus“, sagte Erdoğan vor Kurzem. Auch weniger ranghohe türkische Politiker lassen ihre europäischen Kollegen gerne spüren, dass Europa von der Türkei abhängig ist – zumindest in ihrer Wahrnehmung. Auf der UN-Vollversammlung in New York im September trumpfte etwa der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu gegenüber EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos auf: „Europa braucht die Türkei mehr, als die Türkei auf Europa angewiesen ist.“

Dabei ist ausgerechnet Avramopoulos, früher Außen- und Verteidigungsminister Griechenlands, einer, der sich wie kaum ein anderer darum bemüht, dass die EU und die Türkei im Gespräch bleiben. Im Zweifel zückt er sein Handy und ruft bei Erdoğan persönlich an. Die beiden kennen sich, seit sie beide in den Neunzigerjahren Bürgermeister waren: Avramopoulos in Athen, Erdoğan in Istanbul. Als 1999 in kurzen Abständen beide Städte von schweren Erdbeben getroffen wurden, initiierten sie Hilfe für die jeweils andere. Und beendeten auf diese Weise die diplomatische Eiszeit zwischen den Ländern.

Anfang September reiste Avramopoulos in die Türkei, er legte am Parlament einen Kranz nieder zwischen Scherben und Steinbrocken, der Schaden der Putschnacht war noch sichtbar. Seitdem weist Avramopoulos unablässig und verständnisvoll darauf hin, dass sich die Türkei in einer schwierigen Lage befindet: „Das Land steht unter großem Druck, es hat eine offene Front mit dem ‚IS‘. Seit dem Putschversuch kommt es regelmäßig zu Terroranschlägen.“ Er plädiert dafür, mit der Türkei im Gespräch zu bleiben.

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