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Türkische Lira Erdogan und die Überbringer schlechter Nachrichten

Recep Tayyip Erdogan legt sich mit JP Morgan an Quelle: REUTERS

Die türkische Bankenaufsicht will gegen die Investmentbank JP Morgan wegen Marktmanipulation vorgehen. Das ist Futter für den Wahlkampf von Präsident Erdogan.

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Don’t kill the messenger, lautet ein altes Sprichwort. Genau auf den aber zielte die türkische Bankenaufsicht am Wochenende ab. Am Freitag hatten zwei Analysten der Investmentbank JP Morgan eine Handelsempfehlung für ihre Kunden gegeben: Sollte die Lira zum US-Dollar auf 5,50 abwerten, ergäbe sich weiteres Abwärtspotenzial in Richtung 5,90. Überhaupt sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die türkische Währung nach den Kommunalwahlen am kommenden Sonntag noch mal kräftig nachgebe. Sprich: Lira short, US-Dollar long.

Prompt kündigte die türkische Bankenaufsicht am Wochenende an, eine Untersuchung gegen die Bank einzuleiten. Es gäbe „Hinweise wonach ein Report den Ruf der türkischen Banken schädige und die Volatilität erhöhe“. Erdogan tönte auf einer Wahlkampfveranstaltung am Sonntag in Istanbul: „Investoren werden einen hohen Preis bezahlen, wenn sie sich an provokativen Akten gegen die Türkei beteiligten.“ Tatsächlich war die Lira am Freitag stark gefallen. Sie gab zum Dollar um bis zu sieben Prozent nach.

Für Erdogan werden unangenehme Erinnerungen an den vergangenen Sommer wach. Nach der Ernennung seines Schwiegersohns Berat Albayrak zum Finanzminister, einer Zinserhöhung in den USA und eines Zerwürfnisses mit US-Präsident Trump zogen internationale Investoren schlagartig ihr Kapital ab. In der Folge verlor die türkische Lira bis zu 40 Prozent ihres Wertes. Importe verteuerten sich und heizten die Inflation an. Aus der Finanz- wurde eine Wirtschaftskrise, und die macht der AKP zu schaffen. 

Jahrelang war die gute Entwicklung der türkischen Wirtschaft der Garant für die Wiederwahl der AKP. Breiten Bevölkerungsschichten gelang in den vergangenen 15 Jahren der Aufstieg in die Mittelschicht. Der Kurs der Lira hat sich in den vergangenen Monaten wieder weitgehend stabilisiert, aber aus der Finanz- wurde eine Wirtschaftskrise. Jetzt liegt die Arbeitslosigkeit so hoch wie seit 2008 nicht mehr. Stark gestiegen sind vor allem die Lebensmittelpreise, was besonders ärmere Schichten trifft. Zwar geht es am kommenden Sonntag nur um Kommunalwahlen. Die AKP aber könnte die größten Städte des Landes, Istanbul und Ankara, an die Opposition verlieren, was großen symbolischen Wert hat. 

Seit Monaten versucht die Regierung deswegen, die Lage zu beruhigen. Mal sollen Polizei-Einheiten durch Supermärkte patrouillieren, um vermeintliche Preistreiber zu entlarven, mal werden Dollar-Reserven auf den Markt geworfen, mal Lebensmittelpreise verbilligt an Verbraucher abgegeben. Allen ist klar, dass dies keine Dauerlösung ist. Viele vermuten wie JP Morgan deswegen einen weiteren Verfall der Lira nach den Wahlen. 

Andere sehen das Schlimmste bereits überstanden. „In US-Dollar nominierte Anleihen warten mit einer Rendite von sieben Prozent auf - das ist durchaus attraktiv für internationale Anleger“, sagt Gregor Holek, Fondsmanager bei der Raiffeisen Capital Management in Wien. „Zudem profitiert das Land von der geringen Staatsverschuldung. 30,8 Prozent - davon können viele europäische Staaten nur träumen.“

Problematisch ist allerdings nicht die Staatsverschuldung, sondern die Fremdwährungskredite der türkischen Unternehmen und Banken. Die Verbindlichkeiten liegen im hohen dreistelligen Milliardenbereich, und machen die Wirtschaft anfällig für Währungsschwankungen. Sobald die Lira stark nachgibt, geraten viele Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten. Immer wieder wird deswegen ein Engagement des IWF ins Spiel gebracht. Ein Programm des internationalen Währungsfonds hatte 2001 schon einmal das Land auf Wachstumskurs gebracht. Damals hatte es Erdogan den Weg zum wirtschaftlichen Aufschwung und politischen Macht geebnet. Nochmals internationale Hilfe in Anspruch zu nehmen, hat er bisher kategorisch ausgeschlossen. „Ein Engagement des IWFs ist politisch überhaupt nicht gewollt“, sagt Gregor Holek von der Raiffeisen Bank. „Da wird lieber Geld aus Katar genommen.“

Weitere Turbulenzen drohen wegen des Kaufs des russischen Raketenabwehrsystems S-400. Seit Monaten drängen die Amerikaner Ankara das Geschäft abzublasen, und stattdessen das um eine Milliarde teurere Patriot-System zu erwerben. Man fürchtet, durch den Kauf könnte Moskau Einblick in NATO-Waffensysteme bekommen und zudem die Türkei enger an Russland binden. Mehrfach haben hochrangige US-Beamte Konsequenzen angekündigt, sollte es tatsächlich dazu kommen. Die Frist hierfür läuft diese Woche ab. Ankara besteht auf den Kauf. Das russische System sei günstiger und besser, außerdem hätten auch andere NATO-Staaten wie Griechenland schon bei den Russen eingekauft. 

Und schließlich ficht der türkische Präsident noch eine Privatfehde mit dem israelischen Staatschef Netanyahu aus, in deren Verlauf sich beide wüst beschimpften. Nach dem Trump am vergangenen Freitag verkündet hatte, die von Israel 1967 besetzten Golan-Höhen als israelisch anzuerkennen, schäumte Erdogan umgehend - Spannungen, die sich negativ auf den Kurs der türkischen Lira auswirken.

Nach dem Kursrutsch vom Freitag kündigte die türkische Zentralbank an, die Repo-Zinssätze für eine Woche auszusetzen, was faktisch einer Zinserhöhung gleichkommt, da sich die Banken nun über den etwas höheren Übernacht-Zins finanzieren müssen. Der Kurs hat sich seitdem leicht stabilisiert. 

Und die Untersuchung gegen JP Morgan?

„Damit schießt sich die Türkei in den Fuß“, schreib der Fondsmanager und Türkei-Experte Timothy Ash auf Twitter. „Tatsache ist doch, dass Investmentbanken aufhören werden, Recherchen zu veröffentlichen, und ohne Berichte investieren normale Menschen nicht.“

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