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Tunesien Sommer der Anarchie

Deutsche Investoren, arbeitslose Jungakademiker und islamisch geprägte Politiker testen im Revolutionsland, wie weit sie gehen können. Chancen und Risiken im Ferienparadies.

Demonstranten in Tunesien im Quelle: dpa

Fünf, sechs Dutzend junge Männer und Frauen demonstrieren vor dem Bildungsministerium in Tunis. Sie fordern Einlass, nicht in das stacheldrahtgesicherte Bürogebäude, sondern in den Schuldienst: "Wir sind Lehrer und dürfen nicht unterrichten", steht auf den französischen und arabischen Spruchbändern. Etwas verlegen passiert eine kleine ausländische Besuchergruppe die Demonstrantenkette und die Polizeiabsperrung.

Taieb Baccouche, Bildungsminister und Sprecher der revolutionären Übergangsregierung, empfängt die Delegation aus Deutschland. Für ihn ein wichtiger Termin: Seine Besucherin Dagmar Wöhrl, CSU-Abgeordnete aus Nürnberg und im Bundestag Vorsitzende des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit, nimmt Einfluss auf die Verteilung der Gelder, mit denen die Bundesregierung den demokratischen Wandel in Nordafrika unterstützen will. Nach gegenwärtiger Beschlusslage wird Berlin mit sechs Millionen Euro neue politische Strukturen unterstützen, mit acht Millionen Euro soll ein Bildungsfonds vor allem duale Berufsausbildung in den befreiten arabischen Ländern fördern. Und 20 Millionen Euro sind für den Wirtschaftsfonds vorgesehen, der vornehmlich Mikrokredite für Existenzgründer bereitstellen soll.

Entschieden wird fast nichts

Die angedachten Hilfen sollen Demokratisierung und marktwirtschaftliche Stabilität in der ganzen Region fördern, und das Gleiche gilt auch für die zumindest auf dem Papier großzügigen Versprechungen anderer Industrieländer. Wenn alle sich an ihre Zusagen halten, kommt da schnell ein dreistelliger Millionenbetrag zusammen. Nur weiß keiner, was Versprechungen aus dem Frühling des arabischen Aufstandes in einem Herbst wert sind, der für Europa und die USA von erheblichen Sorgen um die eigenen Volkswirtschaften geprägt ist. "Und wir Tunesier konkurrieren natürlich mit 80 Millionen Ägyptern um eure Hilfe", sagt ein Mitarbeiter des Bildungsministers besorgt. Umso wichtiger ist es, vor Entscheidungsträgern aus Europa einen guten Eindruck zu machen.

Minister Baccouche gibt sich alle Mühe. Der 67-jährige Sprachwissenschaftler, wie die meisten seiner heutigen Ministerkollegen Absolvent einer französischen Universität, hat als Präsident des Arabischen Instituts für Menschenrechte jahrelang tapfer dem Diktator Zine-el Abidine Ben Ali und seiner Geheimpolizei getrotzt. Weil er und alle seine Ministerkollegen versprochen haben, nach den demokratischen Wahlen am 23. Oktober aus der Politik auszuscheiden, droht in Tunesien jetzt auch kein Machtwechsel von einer räuberischen und brutalen Machtelite zur nächsten.

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