WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Tyson Barker „Mit Trump kann es für Deutschland nur schlechter werden“

Die Weltpolitik unter Donald Trump besteht vor allem aus Unsicherheit, findet der Politikberater Tyson Barker. Warum das schlecht für Deutschland ist – und wie die Bundesrepublik ihre Außenpolitik aufstellen muss.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Tyson Barker. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Barker, wie schlägt sich Donald Trump auf seiner ersten Auslandsreise?
Tyson Barker: Bei den Stationen in Saudi-Arabien und Israel war er gar nicht so übel. Da hat er jedenfalls keine Fehler gemacht. Was für ihn aber noch wichtiger ist: Seitdem er unterwegs ist, sind in den USA die Geschichten über seine innenpolitischen Fehltritte aus den Schlagzeilen verschwunden. Für ihn kommt die Reise zum perfekten Zeitpunkt. Sie verschafft ihm Luft, seine Präsidentschaft noch einmal neu zu erzählen. Für sein politisches Ansehen ist das super gut.

Donald Trump besucht fünf Länder in neun Tagen, er ist beim Papst und trifft Dutzende Regierungschefs. Welche Ziele verfolgt er denn?
Auf den ersten Etappen wollte Trump die alte Allianz mit Saudi-Arabien und Israel wiederbeleben. Im Nahen Osten sind das wichtige Partner für ihn. Anders als Obama betont Trump keine einheitliche Wertevorstellungen, sondern gemeinsame Interessen. So ist auch der Waffendeal mit Saudi-Arabien entstanden. Der ist für beide Seiten ein gutes Geschäft und gut zu verkaufen. Trump liebt solche Deals – und das haben die Saudis erkannt.

So harmonisch wird es bei der Nato in Brüssel nicht zugehen.
Das glaube ich auch nicht. Es gibt ein paar Anzeichen für eine Annäherung zwischen der Nato und Trump, aber die sollte man nicht überbewerten. Nur weil die Amerikaner ein wenig Geld für das neue Nato-Hauptquartier beisteuern, heißt das nicht, dass Trump das auch gut findet. Ich fürchte, er wird plump auf das 2-Prozent-Ziel drängen. Seine Nato-Rede stammt von Stephen Miller, einem Vertrauten von Steve Bannon. Das ist kein gutes Zeichen.

Zur Person

Eine neue alte Allianz mit Saudi-Arabien und mehr Geld von den Europäern. Sieht so die „Neue Weltordnung“ unter Trump aus?
Wenn es überhaupt so etwas wie eine „Neue Weltordnung“ unter Trump gibt, dann besteht sie aus einer neuen Unsicherheit. Bei Trump steht immer alles auf dem Spiel, nie ist etwas endgültig beschlossen, Trump ist so sprunghaft wie ein kleines Kind. Gut möglich, dass er bald wieder die amerikanische Mitgliedschaft in der NATO in Frage stellt. Wer weiß das schon. Auf diese Unsicherheit müssen sich alle Mächte der Welt einstellen.

Unberechenbarkeit kann auch eine Strategie sein.
Naja, so wollen es einem die Trump-Berater jedenfalls verkaufen. Die merken doch auch, wie sprunghaft ihr Präsident ist. Und daraus haben sie nun eine Scheinstrategie gebastelt. Sie tun einfach so, als sei Trumps Unberechenbarkeit Absicht. So verwandeln sie seine nicht vorhandene Disziplin in eine Tugend. Dabei ist Trump vor allem ignorant und faul. Eine Strategie erkenne ich in seinem Handeln nicht.

Was bedeutet das für Deutschland?

Was bedeutet das für Deutschland?
Die Bundesrepublik findet sich plötzlich zwischen zwei Großmächten wieder, die das internationale System nach ihren Interessen neu ausrichten wollen. Auf der einen Seite Russland – auf der anderen die USA. Beide Länder drängen auf Veränderungen. Für Deutschland ist das ein Problem, denn Deutschland findet das aktuelle internationale System gut. Es profitiert von der Nato mit ihren Schutzgarantien und von Europa mit seinem Wirtschaftsraum. Wenn die USA und Russland versuchen, ihre Interessen durchzusetzen, kann Deutschland fast nur verlieren.

Gilt das auch für die Wirtschaft?
Ja. Trump hat sich noch nicht direkt zum Freihandelsabkommen TTIP geäußert. Ich glaube aber, dass es erst mal für unbestimmte Zeit im Eisfach liegt. Außerdem überprüfen die Amerikaner gerade ihre Handelsbilanzdefizite mit allen Ländern der Welt. Und für Deutschland fällt das besonders hoch aus: 65 Milliarden Dollar pro Jahr. So was mögen die Amerikaner nicht. Da könnte es Gegenmaßnahmen geben. 

Welche?
Ich glaube, die Border Adjustment Tax ist vom Tisch. Stattdessen könnte es noch härtere „Buy American“-Richtlinien geben. So könnte Trump sicherstellen, dass auch wirklich jeder Dollar, den der Staat ausgibt, in den USA bleibt. Auch nicht-tarifäre Handelshemmnisse, also besonders harsche Vorschriften für den Import von Agrarprodukten kann ich mir gut vorstellen. Trump hat dafür zumindest schon mal eine extra Abteilung im Agrarministerium erstellt.

Wie wichtig die USA für die deutsche Wirtschaft sind

Welche Veränderungen sind gefährlicher für Deutschland: die ökonomischen oder die außenpolitischen?
Beide sind brenzlig. Deutschland geht es derzeit so gut wie selten - mit Trump kann es für Deutschland nur schlechter werden. Vor fünf Jahren hätte ich gesagt, dass die ökonomischen Veränderungen die größere Herausforderung sind. Aber jetzt gibt es zwei Gefahrenherde: der Nahe Osten und Russland. Beide sind stark mit Deutschland verbunden – und beide könnten durch Trump destabilisiert werden. Das hätte jeweils starke Auswirkungen auf Deutschland.

Also muss Deutschland aufrüsten und selbst zur Führungsmacht werden?
Es gibt ja dieses Konzept des dienenden Führens für Deutschland. Ich finde das gar nicht verkehrt. Aber ich glaube, die deutsche Kultur gibt das nicht her. Mit Aufrüstung und Militär kann man in Deutschland keine Wahlen gewinnen. Stattdessen Deutschland könnte Europas Einheit wieder stärken. Es könnte helfen, Frankreich wieder aufzubauen. Es könnte dafür sorgen, dass militärische Kommandostrukturen harmonisiert werden. Es könnte mehr Geld für die Infrastruktur ausgeben. Teilweise macht Deutschland das alles auch schon – aber es sind bislang eher Babyschritte.

Vielleicht weil das alles nicht ganz billig ist.
Klar. Vor einigen Jahren habe ich mal Thomas de Maizière in Harvard getroffen, er war damals noch Verteidigungsminister. Als wir über Sicherheitspolitik sprachen grinste mich de Maizière an und sagte: Alle fordern, dass Deutschland wieder eine stärkere Führungsrolle übernimmt – aber am Ende meinen alle eigentlich nur Geld. Da hat er Recht gehabt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%