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Ukraine-Krise Irrfahrt ins Unglück

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Betriebe sind kaum wettbewerbsfähig

Die Erinnerung tut ein Übriges: Stahlarbeiter und Kohle-Kumpel galten als Eliten des Arbeiter- und Bauernstaats; als hart arbeitende Werktätige erfreuten sie sich eines überdurchschnittlichen Lohns. Erst als die neue Zeit des Kapitalismus hereinbrach, begann der Abstieg der Region. Heute sind die Betriebe selbst im Vergleich mit Russland kaum wettbewerbsfähig; die Hälfte der Anlagen stammt aus den Dreißiger- oder Fünfzigerjahren. Plötzlich degenerierte die Elite der Gesellschaft zu deren Sorgenkindern – was gesellschaftliche Spannungen anheizte, zu Frustration führte und nach einem Schuldigen schrie – Kiew. Inzwischen glauben die Menschen in Donezk selbst, dass ihre „Freischärler“ gegen „Faschisten“ kämpfen, die laut staatlicher Propaganda die Macht im Lande übernommen haben.

Ausland



Auf dem Markt liegen die Nerven blank. „Hilfe, Hilfe, Polizei“, brüllt eine korpulente Marktfrau, als sie die Kamera erblickt. In kurzer Zeit stürmen Sicherheitsleute herbei. Wie sich herausstellt, fürchtet sich die Dame vor Spionen, die das Gelände auskundschaften. „Und dann kommt wieder die ukrainische Armee und bombardiert uns“, sagt sie, als sie sich beruhigt hat. Dort, am Spielplatz gegenüber, sei neulich erst eine Bombe eingeschlagen. Die Frauen, die den Markt beschicken, waren auch während der übelsten Kämpfe ständig vor Ort – erst langsam aber kehren wieder die Kunden zurück, da die ukrainische Armee den Beschuss aus der City längere Zeit nicht beantwortet hat.

So fern die Ukraine den Menschen auf dem Markt auch ist – der Handel zwischen Donezk und dem Kernland blüht. Lebensmittel beziehen die Marktfrauen aus der Ukraine, denn die Ware aus Russland ist mindestens doppelt so teuer. Kleidung aus China kommt von Großhändlern in Moskau über einen Distributor im ukrainischen Charkow in die Stadt. „Ich hoffe, dass es künftig einen regen Handel mit Russland gibt und wir die Ukraine nicht mehr brauchen“, sagt Tanja, die Obst und Gemüse feilhält. In Russland gebe es alles, was sie brauche. „Und dort herrscht der populärste Präsident, den die Welt je gesehen hat.“ Freilich muss sie sich nebenher mit der Realität in Donezk herumplagen. Den Kunden fehlt Bargeld. „Sie kaufen weniger und wenn, dann nur im Supermarkt, denn da nehmen sie Kreditkarten“, sagt Tanja. Es gab schon mal bessere Zeiten im stolzen Donbass.

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