Ukraine-Krise Putin muss jetzt abrüsten!

Der Abschuss eines Flugzeugs der "Malaysian Airlines" mit fast 300 Todesopfern geht auf das Konto wild gewordener Separatisten – und bringt den Kreml in Bedrängnis. Russland muss die Radikalen endlich entwaffnen!

Passagierjet im Krisengebiet der Ukraine abgestürzt
Eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines mit 295 Menschen an Bord ist am Donnerstag im Osten der Ukraine abgestürzt und in umkämpftem Gebiet zerschellt. Das berichteten russische und ukrainische Quellen übereinstimmend unter Berufung auf Sicherheitskreise. Es gab keine Überlebenden. Quelle: REUTERS
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Unglücks machten sich die ukrainische Führung und die Separatisten gegenseitig für einen Abschuss der Passagiermaschine verantwortlich. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko warf den Separatisten vor, die Boeing 777-200 des Flugs MH 017 abgeschossen zu haben - wie zuletzt mehrere ukrainische Militärflugzeuge. Die ukrainische Luftwaffe habe mit der Tragödie nichts zu tun, teilte er mit. Poroschenko ordnete umgehend die Bildung einer Untersuchungskommission an. „Wir sind überzeugt, dass die Verantwortlichen für diese Tragödie zur Verantwortung gezogen werden.“ Quelle: REUTERS
Die prorussischen Kräfte hingegen warfen den ukrainischen Streitkräften den Abschuss vor. Die Boeing 777 sei nahe der Großstadt Donezk abgestürzt, sagte der selbst ernannte Premierminister der nicht anerkannten „Volksrepublik“, Alexander Borodaj. Die Aufständischen hätten keine Abwehrwaffen, um Maschinen in einer Höhe von 10.000 Metern abzuschießen. Es handele sich um eine „Provokation“ der ukrainischen Luftwaffe, sagte Borodaj. Quelle: REUTERS
Die malaysische Regierung bestätigte die Berichte über den möglichen Abschuss vorerst nicht und rief stattdessen zur Ruhe auf. „Wir haben keine Bestätigung für einen Abschuss!“, schrieb Verteidigungsminister Hishammuddin Hussein am Donnerstag auf Twitter. „Unser Militär wurde angewiesen, dies zu untersuchen.“ Quelle: REUTERS
Die Boeing 777 hatte Amsterdam um 12.15 Uhr Ortszeit verlassen und sollte am Freitagmorgen um 6.10 Uhr malaysischer Ortszeit in Kuala Lumpur ankommen. „Malaysia Airlines bestätigt, dass sie von der ukrainischen Luftraumüberwachung informiert wurde, dass der Kontakt mit Flug MH17 um 1415 (GMT) etwa 30 Kilometer vom Tamak-Wegpunkt verloren ging, etwa 50 Kilometer vor der russisch-ukrainischen Grenze“, teilte die Fluggesellschaft über Facebook mit. Quelle: REUTERS
Eine Rauchwolke steigt vom Absturzort auf. Die Lufthansa reagierte umgehend und änderte wie andere Fluggesellschaften auch ihre Flugroute nach Asien. Der ostukrainische Luftraum werde bis auf weiteres weiträumig umflogen, sagte ein Sprecher am Donnerstag in Frankfurt. Quelle: AP
Beim Flugzeugabsturz über der Ostukraine wurden nach Angaben der Fluggesellschaft Malaysia Airlines vom Freitag 298 Menschen getötet. Darunter waren 154 Niederländer, 43 Menschen aus Malaysia (einschließlich der 15 Besatzungsmitglieder und zwei Kinder), 27 Australier, 12 Indonesier (darunter ein Kind), 9 Personen aus Großbritannien, 4 Deutsche, 4 Belgier, 3 Philippiner sowie ein Kanadier. Von 41 Menschen konnte die Nationalität noch nicht festgestellt werden. Quelle: REUTERS

Im Lügen und Manipulieren sind russische Staatsmedien geübt, seit der Kreml gegen die Ukraine und den Westen einen Informationskrieg führt – und die Machthaber entsprechende Kreativität von ihren Soldaten erwarten. Der Abschuss einer Boeing-777 der „Malaysian Airlines“ am Himmel über der schwer umkämpfen Ost-Ukraine brachte die Demagogen Donnerstag dennoch in Not. Wie soll man es auch schaffen, die Attacke der Ukraine zuzuschreiben? Ein Versehen dilettanter ukrainischer Soldaten, hieß es erst. Rasch kam die Verschwörungstheorie auf, die Ukrainer hätten eigentlich das Flugzeug des russischen Präsidenten erwischen wollen. Ein Flugzeug der ukrainischen Armee hat den Passagierflieger gejagt, will ein ungenannter Augenzeuge der früher mal seriösen Agentur RIA Novosti mitgeteilt haben – einer mit Adleraugen, denn die Maschine flog in zehn Kilometern Höhe.

Letztlich gaben sich die russischen Mediensoldaten einmal mehr der Lächerlichkeit preis. Kurz nach dem Moment des Verschwindens vom Radar hatte ein den Separatisten und dem Kreml nahe stehendes Internet-Portal gemeldet, die selbst ernannten Freischärler hatten eine kleine Antonow-24 vom Himmel geholt. Hiermit müssen sie wohl den Linienflieger verwechselt haben, dessen fast 300 Passagiere nun in den Trümmern nahe der Separatisten-Stellung liegen. Dass diese eine sowjetische Flugabwehrstation vom Typ Buk besitzen, die Ziele in solcher Höhe erfassen kann, ist dank der Berichte des russischen Nachrichtensenders Vesti ebenfalls bekannt.

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Die Gewaltspriale wird sich weiterdrehen

Wladimir Putin war so klug, als einer der ersten Staatsmänner der Regierung von Malaysia für das Unglück zu kondolieren. Allerdings wand er sich geschickt heraus: Die Ukraine trage die Verantwortung für Unfälle auf ihrem Territorium, sagte der Kremlchef. So als sei die Region nicht in Rebellenhand und stehe unter Kontrolle der ukrainischen Flugsicherung. In Wahrheit weiß Putin sehr genau, dass die Welt jetzt mehr denn je kritisch auf den Kreml schaut: Der zuletzt lokal begrenzte Konflikt – medial schon so fern, dass nicht einmal alle Fluggesellschaften umkämpfte Gebiete umflogen – fordert zufällig Opfer völlig unbeteiligter Länder: Unter den Opfern sind vor allem Holländer, aber auch Malaysier, Amerikaner und offenbar vier Deutsche. 

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Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) wirkt am späten Donnerstagabend betroffen und eine Weile fast abwesend, nachdem ihn die Nachricht in Mexiko-City erreicht hat. Vom anderen Ende der Welt kondoliert er und fordert im Pressegespräch umfassende Aufklärung. Derweil besteht kein Zweifel, dass die Bemühungen des Ministers um einen Kompromiss zwischen den Konfliktparteien abermals zurückgeworfen wurden. Rasch wird sich die Gewalt- und Sanktionsspirale wieder schneller drehen. Ab sofort wird die Welt ganz genau schauen, wie und womit Russland die Rebellen versorgt. Nicht nur Europa ist betroffen, sondern auch Russlands Möchtegern-Partner Asien. Kaum mehr lassen sich Hinweise ignorieren, wonach Moskau die Freischärler mit schweren Waffen versorgt oder deren Lieferung zumindest duldet. Zwar ist es schwer, Fakten von Fakes zu unterscheiden, denn auch ukrainische Medien manipulieren gern. 

Aber es scheint, dass Russland den Konflikt bewusst am Köcheln hält. Deswegen wird der Druck auf Putin in den kommenden Tagen massiv zunehmen. Es bleibt zu hoffen, dass Putin die Entwaffnung der Separatisten endlich forciert, sich klar von deren Ansinnen distanziert und eine internationale Beobachtermission für die Region befürwortet. Der Krieg war von Beginn an keiner, den die Region wollte oder brauchte - sondern das Werk weniger, die damit Geld verdienen wollen. Es gilt jetzt, alles für ein Ende der sinnlosen Kampfhandlungen zu tun – solange das noch möglich ist. Putin hat den Geist des Separatismus in der Ost-Ukraine heraufbeschworen, nun muss er ihn wieder in die Flasche zwingen.

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