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Ukraine-Krise Wladimir Putin buhlt um die Ost-Ukrainer

Es gibt keine Anzeichen, dass Russen mit weißen Lkw in der Ukraine einmarschieren werden – eher leistet Moskau wirklich nur humanitäre Hilfe. Und kommt Kiew im Kampf um die Herzen wieder mal zuvor.

In den Trucks, die aus Russland kommen, vermuten viele Ukrainer Soldaten statt humanitäre Hilfe Quelle: AP

Natürlich ist viel von „trojanischen Pferden“ die Rede, seit 280 weißen Lkw aus Russland in Richtung der ukrainischen Grenze rollen. Es soll sich um Armeefahrzeuge handeln, die eilig mit weißer Farbe lackiert und der Rote-Kreuz-Fahne versehen wurden, um tausende Tonnen Hilfsgüter und Schlafsäcke nach Lugansk zu bringen. Das sei bloß ein „Deckmantel“ für den Einmarsch, munkeln Beobachter im Westen in auffälliger Einigkeit. Am Ende will der Kreml die Ukraine doch besetzen.

Klar kann das so sein – doch echte Anzeichen für eine Finte gibt es nicht. Vielmehr hat Moskau zugestimmt, dass Vertreter des Roten Kreuzes mitfahren und die Verteilung organisieren. Sollte der Kreml wirklich in die Ukraine einmarschieren, dann werden das die zigtausend Soldaten an der Grenze zum Nachbarland übernehmen. Und zwar mit Panzern und Haubitzen, nicht zusammengekauert auf Kartons mit Konserven hockend. Der Preis, den Russland dafür zahlen müsste, wäre hoch. Aber in der Bevölkerung käme das gut an.

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Es gibt immer mehr zivile Opfer

Viel mehr spricht indes für ein perfideres Motiv hinter dem Rotkreuz-Treck gen Süden: Die Russen wollen tatsächlich „humanitäre Hilfe“ in großem Stil leisten, um Unterstützung der vom Krieg zermürbten Menschen im Osten der Ukraine zu sammeln. Dort tobt seit nunmehr drei Monaten ein Krieg der pro-russischen Separatisten, die das Chaos in die Region gebracht haben, obwohl sie dort kaum verwurzelt sind. Die ukrainische Armee, die der skeptisch betrachteten Politik-Elite in Kiew untersteht, schlägt immer härter zurück und verursacht zunehmend zivile Opfer. Was das geringere Übel ist – die Armee oder die Separatisten –, wissen die meisten Menschen in der Ost-Ukraine nicht mehr.

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Eine großangelegte Hilfsaktion wird der Kreml perfekt für seine Zwecke ausschlachten. Die staatlich kontrollierten Medien übertragen die Bilder vom Transport schon auf sämtlichen Kanälen in Russland und in der Ost-Ukraine. Wir Russen helfen den Brüdern in der Ost-Ukraine, lautet die verkürzte Botschaft, wogegen Kiew auf die eigenen Städte schießt. So könnte sich Russland die Unterstützung der Menschen für eine Zeit nach der absehbaren Niederlage der Separatisten sichern. Die ließen sich als Kreml-treue Anhänger künftig gegen Kiew auf die Straße bringen; Russland könnte die Ukraine über den Osten beeinflussen.

Wieder einmal kam der Westen viel zu spät. Wo ist die humanitäre Hilfe der EU für die vom Krieg geschüttelten Menschen in der Ost-Ukraine? Warum kämpft Kiew im Osten nur statt Lebensmittel aus der Luft abzuwerfen? Es ist ja richtig und wichtig, die Städte der Region sofort nach ihrer Rückeroberung an die Versorgungsnetze wieder anzuschließen, damit die Menschen wissen, wer für Anarchie und wer für Ordnung steht. Allein, für Donezk und Lugansk käme das zu spät: Dort spielt sich Russland mit Erfolg bereits als Retter auf – so, als hätte man mit den Separatisten nie etwas zu tun gehabt. Kiew und auch die EU werden es schwer haben, dagegen anzukommen.

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