Ukrainekrieg Lenkt Putin jetzt ein und nimmt das verzweifelte Angebot von Selenskyj an?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einer Ansprache am Montag. Quelle: dpa

Keine Nato-Mitgliedschaft und Verzicht auf Krim und Donbass – der ukrainische Präsident Selenskyj legt in einer dramatischen Fernsehansprache die letzten Karten auf den Tisch, um Friedensgespräche zu erreichen.

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat dem russischen Präsidentin Wladimir Putin angeboten, auf die Option einer Nato-Mitgliedschaft seines Landes zu verzichten, wenn die Waffen schweigen und sich die Truppen des Kreml zurückziehen. Auch über den Status der östlichen Landesteile sei er bereit zu reden, ließ Selenskyj gestern Abend in einer Fernsehansprache sein Volk wissen – allerdings nur wenn die Ukrainer dies in einem Referendum bestätigen würden. Ausdrücklich erklärte sich Selenskyj bereit, nach einer Feuerpause und weitreichenden Sicherheitsgarantien auch über den Status der von Russland annektierten Halbinsel Krim sowie über den von prorussischen Separatisten gehaltenen Donbass in der Ostukraine zu verhandeln.

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Es ist ein verzweifeltes Angebot, das der ukrainische Präsident da macht. Wer als verantwortlicher westlicher Politiker zu Jahresanfang noch gesagt hätte, Kiew solle angesichts des bedrohlichen Aufmarschs von Putins Truppen an der ukrainischen Grenze doch besser auf die Krim und die mehrheitlich von russischstämmigen Menschen bewohnten Gebiete verzichten, der hätte mindestens Kopfschütteln oder eher noch Unverständnis und Ablehnung erhalten. Ein deutscher Admiral, der in einem Hintergrundgespräch ähnlich argumentierte, musste seinen Hut nehmen.

Jetzt stehen die Truppen des Kreml in den Vororten von Kiew und Selenskyj weiß, dass ihm trotz der heldenhaften Gegenwehr seiner Landsleute kaum noch Zeit bleibt. Wenn er erst einmal von den Russen gefangengenommen wird, kann er froh sein, wenn ihm das Leben bleibt. In Handschellen lässt sich nicht mehr verhandeln.



Hinter dem „Angebot“ des ukrainischen Präsidenten steht die bittere Erkenntnis, dass Putins Kriegsmaschine trotz ihrer unerwartet großen Probleme doch nahe davorsteht, ihr Ziel zu erreichen. Bevor Kiew ähnlich wie andere ukrainische Städte in Schutt und Asche gelegt wird, unternimmt Selenskyj offenbar diesen letzten Versuch, die parallel zum Kriegsgeschehen laufenden Verhandlungen auf eine andere Ebene zu heben. Er bietet Putin viel an – vielleicht zu viel. Wenn der Kremlherrscher merkt, dass sein Gegner bereits die letzte Karte auf den Tisch legt, bevor er überhaupt Platz genommen hat, könnte er versucht sein, die Invasion weiter zu führen.

Andererseits hat Putin bereits tausende Soldaten verloren – US-Geheimdienste sprechen von bis zu 15.000 russischen Gefallenen – und er merkt, dass seine Armee weitaus weniger schlagkräftig ist als gedacht. Vor allem aber wirken die für ihn unerwartet harten westliche Sanktionen, der drohende Verlust bei den dringend benötigten Milliardeneinnahmen aus Öl und Gas und die Erkenntnis, dass die Ukrainer Russland nicht als „Brudervolk“ sondern als Aggressor betrachten.

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Es steht zu hoffen, dass Putin die Option abwägt, die Kriegshandlungen einzustellen und sich mit der bisherigen „Kriegsbeute“ aus Krim, Donbass und Luhansk zufrieden zu geben – einschließlich der Absage Kiews an die Nato. Es wäre für ihn die Chance, ohne einen aus seiner Sicht allzu großen Gesichtsverlust einen Feldzug zu beenden, der unsägliches Leid verursacht und ihn im Westen als Präsident seines Landes für alle Zeit diskreditiert hat. Niemand weiß, ob Putin so kühl kalkuliert und ob er noch rational handelt. Viel spricht leider nicht dafür.

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