Umstrittene Wahlen in Ost-Ukraine Fähnchen gegen die „Faschisten“

Eine Woche nach den ukrainischen Parlamentswahlen gehen Einwohner der separatistischen Ostgebiete zur Wahl – und feiern ihre selbst deklarierte „Volksrepublik Donezk“, obwohl die Wirtschaft kollabiert.

Die Wahlen in der Ostukraine sind vorbei: Aber wer darf feiern? Quelle: Nils Bröer für WirtschaftsWoche

Rings um den Prachtboulevard Donezk sind die Fenster von Bankfilialen vernagelt, Rollläden der meisten Geschäfte heruntergelassen, die wenigen geöffneten Restaurants schließen rasch nach dem Einbruch der Dunkelheit. Trotzdem kehrt das Leben zurück ins Kriegsgebiet im Osten der Ukraine: Neben dem Lenin-Denkmal im Zentrum trällert eine kasachische Tanzgruppe ihre Folklore von der Bühne. Gut 300 Besucher singen und tanzen ausgelassen, fast jeder von ihnen schwenkt papierne Fähnchen für die „Volksrepublik Donezk“ oder einen „freien Donbass“, die Dutzende junger und alter Frauen jedem in die Hand drücken. Heute ist Wahltag, jetzt gilt's!

Seid ihr alle nur gekauft? Eher unwahrscheinlich. Die Menschen in Donezk glauben ernsthaft an den Mythos, dass ihre „Freiheitskämpfer“ gegen „Faschisten“ kämpfen – so wie es auf den Fähnchen steht, so wie es russische Fernsehsender seit Monaten propagieren. Große Teile der Regionen Lugansk und Donezk, wo jetzt die pro-russischen Separatisten herrschen, klammern sich an die Imagination des eigenen Heldentums. Und vergessen darüber, wie sehr Arbeitslosigkeit und in der Folge auch Armut die sonst so stolze Industrieregion im Grenzgebiet zu Russland schütteln.

Krisenländer von Russland bis Nordafrika

Ganz trivial gesehen, ist die Show auch eine der seltenen Chancen, mal wieder fröhlich zu sein. Mit dem Tanz scheinen die Einwohner von Donezk die Qualen der vergangenen Monate verjagen zu wollen. Immer wieder war es im Krieg zwischen Separatisten und der regulären ukrainischen Armee zu Granatbeschüssen und Schießereien gekommen, deren Urheber sich in den wenigsten Fällen ausmachen ließen. Mehr als die Hälfte der sonst fast fünf Millionen Einwohner in den Gouvernements ist wenigstens vorübergehend aus der Stadt geflohen. Nur die Armen blieben, die sich nicht einmal die acht Euro für den Kleinbus nach Dnjepropetrowsk leisten können. Erst seit dem Waffenstillstand im September kehren die meisten Einwohner zurück – aber ins Nichts.

Die Wirtschaft im Gebiet Donezk liegt weitgehend am Boden. Ein Großteil der Unternehmern hat die Stadt für immer verlassen, denn die „DNR“ droht mit der Verstaatlichung der Betriebe. Europa ist als Absatzmarkt der nicht anerkannten „Republik“ völlig verschwunden, nach Russland ist der Transport logistisch auch nicht einfach. Investoren gibt es nicht, das Bankenwesen liegt völlig brach, die Geldautomaten sind leer. Die selbst ernannte Volksrepublik blutet aus, auch weil der Traum eines Anschlusses an Russland nicht in Erfüllung ging.

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Trotz des offenkundigen Zusammenbruchs der Wirtschaft gehen die Separatisten dieser Tage aufs Ganze: An jedem Sonntag sind drei Millionen Wahlberechtigte zur Abstimmung über einen „Volksrat“ aufgerufen. Internationale Beobachter sind nicht zugelassen, ein Stimmrecht für die Rückkehr zur Ukraine ist nicht vorgesehen. Präsident des Volksrats wird mit Sicherheit der joviale Ukrainer Andrej Sachartschenko werden, der auch den Waffenstillstand mit ausgehandelt hat und als volksnah gilt. Offiziell anerkannt wird die Wahl außer von Russland wohl von keinem Staat der Welt. Aber sei's drum. An diesem Sonntag ist den Menschen von Donezk mal wieder zum Feiern zumute – egal, weshalb.

 

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