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Umweltabkommen zwischen USA und China Die Klimafarce

Das "historische Abkommen" zwischen den USA und China zur Reduzierung der Treibhausgase beinhaltet weder Neues noch Notwendiges. China steuert weiter auf eine Umweltkatastrophe zu.

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Schnelle Wege aus der Klimafalle
Klimaexperten haben mehr als 400 Methoden zur Bekämpfung des Klimawandels unter die Lupe genommen. Im Fokus der im Wissenschaftsmagazin „Science“ veröffentlichten Untersuchung stand ausnahmsweise nicht der Klimakiller CO2, sondern das Treibhausgas Methan sowie Ruß, der in der Atmosphäre dafür sorgt, dass weniger Sonnenstrahlung ins All reflektiert wird. Schon mit einigen einfachen Maßnahmen, so die Wissenschaftler, ließe sich der Ausstoß von Methan und Ruß so stark reduzieren, dass der globale Temperaturanstieg bis zum Jahr 2050 um ein Drittel geringer ausfallen würde als bislang vorhergesagt. Die zehn wichtigsten Maßnahmen im Überblick. Quelle: dpa
Durch eine bessere Filterung bei der Entlüftung von Kohleminen würde deutlich weniger Methan freigesetzt. Quelle: dpa
Lecke Gaspipelines sind eine weitere Treibhausgas-Quelle, die sich mit relativ geringem Aufwand schließen ließe. Quelle: dpa
Deponie-Gas, dessen Hauptbestandteil Methan ist, entsteht durch den bakteriologischen und chemischen Abbau von organischen Inhaltsstoffen des Mülls. Seine Freisetzung zu verhindern und es nutzbar zu machen, würde dem globalen Klimawandel entgegenwirken, so die Forscher. Quelle: dpa
Durch unkontrolliertes Abblasen bei der Ölförderung gelangen ebenfalls große Mengen Methan in die Atmosphäre, die durch verbesserte Fördertechnik eingefangen werden könnten. Quelle: dpa
Auch durch eine bessere Aufarbeitung der bei der Nutztierhaltung anfallenden Exkremente – etwa durch Vergärung in Biogasanlagen – ließe sich der Methanausstoß deutlich verringern. Quelle: dpa
Keine andere Kulturpflanze setzt soviel Methan frei wie Reis. Durch verbesserte Anbaumethoden, weniger Dünger und eine weniger intensive Bewässerung ließe sich der Methanausstoß beim Reisanbau reduzieren. Quelle: dpa

In Shanghai hat die Smog-Saison begonnen. Am Mittwochvormittag stiegen die Luftverschmutzungswerte auf über 250 - "very unhealthy", nennt das die Messstation des amerikanischen Generalkonsulats in Shanghai. Das bedeutet für die Bewohner: So wenig Zeit wie möglich draußen verbringen, Atemmasken tragen, Luftreiniger anschmeißen.

Immer wenn der Winter naht und die Menschen zu heizen beginnen, blasen die Kohlekraftwerke in den umliegenden Provinzen Dreck in die Luft. Die Shanghaier hoffen dann auf Wind, der die Giftwolke raus auf's Meer bläst.

Ziemlich zeitgleich feierten US-Präsident Barack Obama und Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping in Peking ein "historisches Abkommen", wonach beide Länder ihre Treibhausgase reduzieren wollen. Für den APEC-Gipfel hatte man extra die Dreckschleudern in der umliegenden Provinz Hebei abgeschaltet und den Pekingern Zwangsurlaub verordnet, um so die Zahl der Autos gering zu halten. Historisch ist an dem Abkommen nur die Tatsache, dass erstmals beide Länder gemeinsam diese Absicht bekunden. Der Inhalt des Abkommens dagegen ist eine Farce.

Für die Volksrepublik ändert sich de facto nichts. China hat lediglich bekanntgegeben, den Höhepunkt seiner Emissionen 2030 zu erreichen. Das ist nicht neu, das nicht ausreichend, das ist zu spät.

Für die chinesische Bevölkerung ist die Situation eine Katastrophe. Wer in China lebt, schaut heute genauso oft auf eine App, die die Luftverschmutzung misst, wie auf den Wetterbericht. An gewöhnlichen Tagen liegt der Wert der PM2,5-Partikel bei etwa 100 Mikrogramm pro Kubikmeter. PM2,5-Partikel sind für den Menschen gefährlich, weil sie klein genug sind, über die Lunge in den Blutkreislauf zu gelangen.

Vor allem in Nordchina und um die Hauptstadt Peking werden oft Werte um 250 und mehr erreicht. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 25. In deutschen Städten liegen die Spitzwerte bei 35, 40.

Aus diesen Gründen schwitzt die Erde

Kohle ist der Hauptverursacher und für rund 60 Prozent des Smogs in chinesischen Städten verantwortlich. Nur 20 Prozent stammen von Autos, weitere 20 Prozent sind andere Industrieabgase.

China verbrennt mehr Kohle als alle anderen Länder der Welt zusammen. Das Land deckt mit dem Rohstoff mehr als 65 Prozent seines Energiebedarfs. Dass China den Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 20 Prozent steigern will, ist lobenswert, aber nichts Neues.

Kein anderes Land investiert so viel in grüne Technologien wie China. 75 Millionen Kilowatt könnten heute schon von Windkraftwerken produziert werden, wenn diese auch endlich ans Netz angeschlossen würden. Hinzu kommen 15 Millionen Kilowatt Solarstrom.

Kurzsichtig und unwirtschaftlich

In keinem Land werden so viele Nuklearreaktoren gebaut wie in China. 28 sind im Bau, weitere 30 in Planung. Heute stammen 14,6 Gigawatt aus atomarer Energie, 2030 sollen es 200 sein. In keinem anderen Land laufen so viele Projekte zur Kohle-Gas-Verflüssigung wie in China. China unternimmt damit weitaus mehr Anstrengungen als andere Schwellenländer wie zum Beispiel Indien.

Nur: Auch wenn der relative Anteil von Kohle sinkt, wird der absolute bei einem BIP-Wachstum von sieben Prozent dennoch steigen.

China und USA einigen sich auf neue CO2-Emissionsziele

Der Grund dafür liegt in der Wirtschaftsstruktur des Landes. Noch immer machen Investitionen in die Infrastruktur rund 50 Prozent des BIP-Wachstums aus. Die Baubranche braucht Stahl. Allein die Provinz Hebei - eine der dreckigsten Teile des Landes - produziert doppelt so viel Stahl wie USA. Die Industrie wiederum ist sowohl arbeits- als auch energieintensiv. Die Stahlwerke stillzulegen, würde Arbeitsplätze kosten. Weniger Investitionen in die Infrastruktur würde das ohnehin schwächelnde Wachstum weiter bremsen.

Also versucht sich Peking in einem Balance-Akt. In den nächsten Jahren will China die Luftqualität in den Regionen um die Hauptstadt, im Yangze-Delta um Shanghai und Perlflussdelta um Guangzhou um rund 20 Prozent senken. Das sind die Regionen, in denen eine Mittelschicht herausgebildet hat, die sich zunehmend über die Luftqualität beschwert. Rund 280 Milliarden US-Dollar sollen in den nächsten fünf Jahren dafür ausgegeben werden.

Dafür werden Teile der dreckigen Industrie in westlich gelegenere Provinzen ausgelagert werden - dort wo die Menschen zu wenig über die Folgen der schlechten Luft wissen und das Ausland nicht so genau hinschaut. Das ist zynisch für die Bewohner dieser Teile des Landes, und ob es etwas nützen wird, ist fraglich: Schon jetzt wird ein Großteil der Verschmutzung von Westen nach Osten geweht. So leiden auch Japan und Korea unter den chinesischen Kohlekraftwerken. Sogar in Kalifornien soll die Luftverschmutzung messbar sein.

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Das als "historisch" gefeierte Abkommen bedeutet also nichts anderes als, dass in den nächsten 15 Jahren wird die Luft in China noch schlechter werden. Die Wende nicht vorher zu schaffen, ist kurzsichtig und letztlich auch unwirtschaftlich. Pro Jahren sterben zwischen 350.000 und 500.000 Chinesen an den Folgen der Luftverschmutzung. Die OECD beziffert die Folgekosten auf 1,4 Billionen US-Dollar jährlich.

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