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US-Autoindustrie Stimmung wendet sich gegen weitere Staatsmilliarden

Das Verhältnis der Amerikaner zu ihrer heimischen Autoindustrie schwankt zwischen verblendetem Stolz, grenzenloser Selbstüberschätzung und resignativer Verachtung. Präsident Barack Obama muss in den nächsten Wochen eine der schwierigsten Entscheidungen seiner kurzen Regierungszeit treffen: Soll er noch mehr Steuergelder in Unternehmen stecken, die bisher eigentlich nur bewiesen haben, dass sie im Wettbewerb nicht mithalten können?

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General-Motors-Chef Rick Quelle: dpa

Der Obama-Fauxpas hatte noch keine Bush-Dimension. Die meisten Amerikaner werden ohnehin nicht einmal bemerkt haben, dass der bewunderte neue Präsident offenbar mit den Fakten nicht so ganz vertraut war. In der vergangenen Woche - während der von Millionen Zuschauern verfolgten Rede vor den versammelten Kongressabgeordneten -, behauptete er jedenfalls, Amerika sei „die Nation, die das Auto erfunden hat“ und deshalb könne man der ums Überleben kämpfenden Branche nicht den Rücken zu wenden.

In Detroit atmete man auf und in Online-Foren brach eine erhitzte Debatte aus, in der Besserwisser den Präsidenten korrigierten: Tatsächlich seien doch die Schwaben Carl Benz und Gottlieb Daimler die Erfinder des Autos. Das wiederum provozierte Jen Psaki, eine Sprecherin des Weißen Hauses, zu der trotzigen Aussage in „USA Today“, es „mag zwar fraglich sein, wer das Auto erfunden hat“, aber „wir bauen immer noch die besten Autos hier in Amerika“. Diese so selbstbewusste wie wirklichkeitsfremde Aussage ist nicht verwunderlich in einem Land, dessen Erziehungskonzept zu weiten Teilen darauf beruht, das Tina-Turner-Mantra „You´re simply the best“ immer und immer wieder zu wiederholen.

Beste Autos, beste Arbeiter, beste Fabriken

Tatsächlich sind wahrscheinlich die meisten Bürger der Autonation Amerika fälschlicherweise der Meinung, Henry Ford sei der Erfinder des Autos gewesen. Kann ja auch gar nicht anders sein. Und wer zum Beispiel mit Fabrikarbeitern von General Motors in Lansing spricht, der Hauptstadt von Michigan und einem Produktionsstandort mit mehreren Fabriken, wird verblendeter Selbstirreführung immer wieder begegnen: Ja wir bauen die besten Autos, wir haben die besten Arbeiter hier, die besten Fabriken, heißt es dort. Fragt sich nur, warum die tollen US-Modelle fast niemand mehr gekauft hat, warum General Motors, Chrysler und Ford seit Jahren im Heimatmarkt dramatisch Marktverluste erleiden und Milliardenverluste auftürmen. Von den ausreichend dokumentierten Qualitätsproblemen ganz zu schweigen. Das blenden die Blaumänner in Michigan lieber aus.

Wenn es darum geht, jemandem die Schuld für ihre Misere zuzuweisen, zeigten sie in den vergangenen Jahren gerne in Richtung Washington: Die Politiker dort hätten unfairen Wettbewerb zugelassen, vor allem die Japaner hätten durch eine angebliche Unterbewertung des Yen den amerikanischen Markt mit ihren Produkten überschwemmen können. Die Schuldzuweisungen in Richtung der Außenpolitiker in Washington sind allerdings verstummt, seit GM-Chef Rick Wagoner und Chrysler-Boss Bob Nardelli dort mit dem Bettelstab aufkreuzten. Eigene Fehler? Fehlanzeige. Niemand hätte voraussehen können, dass sich die Nachfrage auf dem US-Markt so schnell und so dramatisch zu kleineren Autos mit sparsameren Motoren verschieben würde.

Doch mit dieser Mär von der Schuld der Anderen lassen sich die meisten US-Bürger nun nicht mehr für dumm verkaufen. Mittlerweile weiß fast jeder kleine Junge, der sich für Autos interessiert, dass die US-Hersteller die falschen Produkte bauen und anbieten. Das ging noch eine Weile gut, weil der Spritpreis zu Anfang dieses Jahrzehnts auf einen langjährigen Tiefstand rutschte und sich die Amerikaner auf Pump Geländewagen und andere schwere Kutschen zulegten. Doch als im vergangenen Jahr der Preis für eine Gallone Benzin auf mehr als vier Dollar schoss, zugleich die Kreditmärkte kollabierten und die Nachfrage wegen steigender Arbeitslosigkeit nachließ, offenbarten sich die Schwächen in den Produktportfolios schonungslos. Bei kleineren Autos sind GM und Chrysler fast blank, Ford bemüht sich mit einigen europäischen Modellen wie dem Focus, um wieder Anschluss zu finden.

Die Schuld für das Desaster lasten die Amerikaner  vor allem dem Management an. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Gallup Mitte Dezember waren 64 Prozent der Meinung, die Vorstände hätten es verbockt. Es folgen mit immerhin 43 Prozent die Gewerkschaften als Übeltäter. In einem Land, in dem es Arbeitnehmervertreter generell schwer haben, weil sie als Hemmschuh und natürlicher Feind des Unternehmers gelten, kommen dicke Pensionspakete und großzügige Sozialleistungen eben nicht gut an, wenn diese das Unternehmen in eine Situation bringen, in der es nach Staatshilfe schreit.

Für Obama ist das keine einfache Situation. Er hatte während des Wahlkampfes die Gewerkschaften geschlossen hinter sich. Kann er sie jetzt fallen lassen und weitere Hilfe für GM und Chrysler verweigern? Wohl kaum. Gleichzeitig sind aber vor allem Umweltschützer, die ebenfalls stark im Obama-Lager vertreten sind, nicht gut auf die US-Autokonzerne zu sprechen, weil diese über Jahre hinweg zum Beispiel gegen schärfere Abgasnormen und bessere Verbrauchswerte mit allen Mitteln der Lobby-Kunst abgewehrt haben.

Stimmungswandel bei Staatshilfen

Zudem haben die meisten Amerikaner die Nase voll davon, in selbst verschuldete Schwierigkeiten geratene Industrien mit weiteren Milliarden aus Steuertöpfen über Wasser zu halten. Mitte November hatten bei weiteren Gallup-Befragung noch 47 Prozent weitere Rettungsaktionen für Detroit befürwortet, rund 49 Prozent waren dagegen. Doch im Februar hat sich das Meinungsbild eindeutig gegen GM & Co. gewendet. 72 Prozent der Befragten sind dagegen, dass der Kongress weitere Überbrückungsdarlehen genehmigt, nur noch 25 Prozent dafür. Dennoch waren Ende Februar immerhin noch 51 Prozent der Befragten der Meinung, alle drei US-Hersteller werden die Krise überleben. 47 Prozent glauben, dass mindestens einer aufgeben muss. Im Dezember hatte dieser Wert noch bei 40 Prozent gelegen.

Angela Merkel wird aufpassen müssen, wenn sie tatsächlich deutsche Steuergelder für die GM-Tochter Opel locker macht. Denn an einer Realität kommt kein Politiker in den USA oder in Deutschland vorbei: Es gibt gigantische Produktionsüberkapazitäten. So bitter das für die betroffenen Opel-Mitarbeiter auch sein mag: Jedes Autowerk, das dicht gemacht wird, erhöht die Chancen für die anderen Hersteller, sichert dort Arbeitsplätze. Auch wenn das bei der Opel-Konkurrenz in Stuttgart, München, Wolfsburg oder Köln niemand laut sagen will.

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