WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

US-Notenbank Der Fed droht ein Teufelskreis

Der Renditeanstieg wird zur Gefahr für die US-Notenbank. Die von ihr erzeugten Anlageblasen drohen zu platzen. Die BIZ, eine Art Zentralbank der Notenbanken, warnt, ähnlich drastisch wie vor Ausbruch der Finanzkrise.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
US-amerikanische Geldscheine sind vor einer USA-Fahne zu sehen Quelle: dpa

Der Streit, ob das OMT-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB) nun rechtmäßig ist oder nicht, ist eigentlich überflüssig. Schließlich haben die Notenbanken der USA, Großbritanniens und Japans unter dem Obergriff „Quantitative Easing” (QE) die monetäre Staatsfinanzierung durch den Ankauf von Staatsanleihen bereits in allen Varianten durchexerziert - erfolglos. Das eventuell an Auflagen gebundene OMT-Programm der EZB wäre bestenfalls eine Lightversion oder - mit Blick auf Italien - eine Palliativ-Variante von QE.

Nullzinspolitik und Anleihekäufe hätten, wenn überhaupt, nur einen geringen Einfluss auf das reale Wirtschaftswachstum. Das räumte jetzt gar die Federal Reserve Bank of San Francisco ein. Eine späte Erkenntnis. Die US-Notenbank nahm in den vergangenen vier Jahren Staats- und Hypothekenpapiere in Höhe von 16 Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung auf die eigene Bilanz. Zugleich wuchs die US-Wirtschaft seit dem Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama im Januar 2009 real nur um 1,075 Prozent pro Jahr – von einem selbst tragenden Konjunkturaufschwung keine Spur. Nur die Reichen wurden noch reicher. Während sich das Bruttoinlandsprodukt der USA seit dem Börsentief im März 2009 absolut um etwa 2,3 Billionen Dollar erholt hat, legte der Marktwert der an US-Börsen notierten Unternehmen um rund 12,3 Billionen Dollar zu. Gleichzeitig türmte Obama immer mehr Schulden auf, allein in seiner ersten Amtszeit mehr als alle seine 42 Amtsvorgänger zusammen.

Auch in Japan scheitert gerade die im April gestartete Extremvariante von QE. Die Bank of Japan will Summen mobilisieren, die etwa 25 Prozent der japanischen Wirtschaftsleistung entsprechen. Erstes Zwischenergebnis: Das reale Wachstum im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal erreichte magere 0,6 Prozent. Die japanische Industrieproduktion ging im Juni gegenüber Mai gar um 3,3 Prozent zurück. Die deflatorischen Kräfte aus der Überschuldung sind offenbar stärker.

Man muss kein Notenbanker sein, um zu erkennen, dass QE oder OMT nur neue und noch größere Probleme schaffen. Nullzinsen und Quantitative Easing haben in den USA zu keinem realen Wirtschaftswachstum geführt, dafür aber die Instabilität des Wirtschafts- und Finanzsystems weiter erhöht. Die Blase am US-Aktienmarkt wirkt inzwischen gefährlicher als jene vor dem Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008. Und die Jahrtausendblase am Anleihemarkt könnte bereits geplatzt zu sein.

Die späte Einsicht der Fed kommt möglicherweise zu spät. Sie könnte durchaus auch im Zusammenhang stehen mit den gigantischen Verlusten, die ihrem Portfolio aus US-Staatsanleihen drohen. Scott Minerd, Chefanlagestratege des US-Vermögensmanagers Guggenheim Partners, beziffert die unrealisierten Verluste der Fed allein aus dem Renditeanstieg in den drei Monaten bis August auf 192 Milliarden Dollar. Das wiederum würde in etwa den akkumulierten unrealisierten Gewinnen seit dem Start von QE vor vier Jahren entsprechen. Ein weiterer Renditeanstieg gefährdete jetzt das Eigenkapital der Fed in Höhe von 54 Milliarden Dollar. Nur noch 1,5 Prozent Ihrer Bilanzsumme ist mit Eigenkapital unterlegt. Die EZB kommt auf etwa 3,7 Prozent, die Bank of Japan auf knapp zwei Prozent. Lehman Brothers ging 2008 mit einem Eigenkapitalanteil von drei Prozent unter.

Spielball der Märkte

Wie in Zentralbanken hineinregiert wird
Europäische Zentralbank (EZB)"Das vorrangige Ziel ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten", heißt es in Artikel 105 des Maastricht-Vertrags. Zwar soll die EZB auch für Stabilität an den Märkten sorgen und die Wirtschaftspolitik der EU unterstützen. Das allerdings nur, wenn dadurch das Ziel der Preisstabilität nicht beeinträchtigt wird. Diese klare Abgrenzung hat anfangs funktioniert. Seit der Euro-Krise jedoch ist die Geldpolitik Teil der EU-Wirtschaftspolitik. Die EZB begründet ihre Eingriffe mit ihrem Mandat der Marktstabilität und behauptet, dass hierdurch die Geldwertstabilität nicht gefährdet sei. Quelle: dapd
Europäische Zentralbank (EZB)Auch wenn EZB-Chef Mario Draghi früher bei Goldman Sachs arbeitete, besitzen private Banken bei der Zentralbank keine direkte Mitsprache. Das EZB-Kapital von 5,76 Milliarden Euro liegt bei den 27 Notenbanken der EU, die sich – bis auf ein paar Anteile der österreichischen Nationalbank – in öffentlichem Besitz befinden. Die Euro-Finanzminister wählen die Mitglieder des sechsköpfigen Direktoriums per Mehrheitsentscheid, die Regierungschefs bestätigen die Wahl. Auch das EU-Parlament darf mitreden. Vergangene Woche lehnten die Abgeordneten die Nominierung des angesehenen Luxemburger Nationalbankpräsidenten Yves Mersch für einen Sitz im EZB-Direktorium ab. Einziger Grund: sein Geschlecht. Sharon Bowles, Vorsitzende des Währungsausschusses: "Wir sind dagegen, dass die mächtigste Institution der EU ausschließlich von Männern geleitet wird." Quelle: dapd
Bank of England (BoE)Die "Old Lady" von der Londoner Threadneedle Street ist die älteste Notenbank der Welt. Doch erst 1997 wurde sie nach dem Vorbild der Deutschen Bundesbank in eine – relative – politische Unabhängigkeit entlassen. Der Einfluss der Politik ist geblieben: Der britische Schatzkanzler gibt der Notenbank ein konkretes Inflationsziel von 2,0 Prozent vor. Wird dieses Ziel verfehlt, muss der Notenbankchef dies gegenüber der Regierung rechtfertigen. Quelle: REUTERS
Bank of England (BoE)Am meisten leidet die Unabhängigkeit der BoE aber dadurch, dass sie mit Aufgaben zugeschüttet wird. Die BoE muss sich nicht nur um eine stabile Währung, sondern auch um die Konjunktur und Stabilität des Finanzsektors kümmern, im nächsten Jahr kommt die Bankenaufsicht hinzu. Zudem ist die persönliche Unabhängigkeit mancher Mitglieder im Zentralbankrat fraglich: Ben Broadbent etwa arbeitete vor seiner Zeit bei der BoE jahrelang für Goldman Sachs. Zuvor war schon sein Kollege David Robert Walton, Chefökonom von Goldman Sachs in Europa, Mitglied im Zentralbankrat geworden. Bis Ende August 2012 saß dort zudem mit Adam Posen ein Geldpolitiker, der enge Verbindungen zu Starinvestor George Soros pflegt. Quelle: dpa
Federal Reserve System (Fed)Die amerikanische Fed – ein Hort politischer Unabhängigkeit? Mitnichten. Die unter einem Dach zusammengeschlossenen zwölf regionalen US-Zentralbanken gehören 3000 privaten Instituten, darunter Großbanken wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Die Geldhäuser können direkt bei der Geldpolitik mitmischen, denn sie bestimmen die Direktoren der regionalen Fed-Ableger. Die Direktoren sind an der Wahl der regionalen Fed-Präsidenten beteiligt – und von diesen wiederum sitzen einige im Offenmarktausschuss, dem wichtigsten Gremium der Notenbank, das über die Geldpolitik der USA entscheidet. Der amerikanische Kongress hat der Zentralbank drei Ziele gesetzt, die nicht unbedingt miteinander harmonieren: Die Fed soll die Preise stabil halten, so viele Arbeitsplätze wie möglich garantieren und die Zinsen möglichst niedrig halten. Quelle: REUTERS
Federal Reserve System (Fed)Die Regierung darf den Währungshütern zwar nicht ins Tagesgeschäft hineinreden, aber Zentralbankpräsident Ben Bernanke muss dem Parlament regelmäßig Rede und Antwort stehen. Sollte es anhaltende Konflikte zwischen Fed und Politik geben, kann der Kongress die Unabhängigkeit der Fed beschneiden. Jüngste Debatten ließen darauf schließen, "dass es breite Unterstützung für Restriktionen geben könnte, wenn der Kongress mit der Fed-Politik nicht zufrieden ist", warnt der renommierte US-Ökonom Martin Feldstein. Die Notenbank stehe vor einem Dilemma: "Strafft sie die Geldpolitik, um die Inflation einzudämmen, riskiert sie Gegenmaßnahmen des Kongresses, die ihr die künftige Inflationsbekämpfung erschweren." Quelle: dapd
Bank of Japan (BoJ)Auf dem Papier ist die BoJ unabhängig, aber der politische Druck steigt. Mittlerweile ist es zur Regel geworden, dass ranghohe japanische Politiker offen drohen, das Notenbankgesetz zu ändern, falls die BoJ ihre Geldpolitik nicht noch stärker lockert. Was die Ankäufe von Fremdwährungen betrifft, um den Auftrieb des Yen abzumildern, handelt die Notenbank bereits im Auftrag der Regierung. Quelle: REUTERS

Eine Notenbank mit de facto insolventer Bilanz wird schnell zum Spielball der Märkte. Die eigene Währung wäre in ständiger Gefahr, was die Gefahr weiter steigender Zinsen zusätzlich erhöhte. Die jüngste Dollarschwäche kann so gesehen auch als eine direkte Folge der Fed-Verluste durch den Renditeanstieg gesehen werden. Der Fed droht ein Teufelskreis aus steigenden Renditen und schwacher Währung.

Dass ausgerechnet in einer solchen Situation Ökonomen um Marcel Fratzscher, der seit Februar das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin leitet, mit einem dramatisch formulierten Aufruf zur Unterstützung der EZB und ihres OMT-Programms an die Öffentlichkeit gehen, ist kurios – weniger für Fratzscher als für die anderen beteiligten Ökonomen. Schließlich arbeitete Fratzscher bis zu seinem Amtsantritt beim DIW in Berlin in Frankfurt für die EZB und leitete dort die Abteilung für internationale wirtschaftspolitische Analysen.

Selbst wenn die US-Notenbank den Renditeanstieg noch einmal unter Kontrolle bekommen sollte, an der Überschuldung der Industriestaaten wird sich nichts ändern. Sicher ist auch: Der nächste Zinsanstieg kommt bestimmt – mit oder ohne QE. Passieren wird das allein schon deshalb, weil die Renditen für langfristige Staatsanleihen in den Industriestaaten immer noch weit unter ihrem langjährigen Durchschnitt von sechs Prozent aus der Zeit vor der Finanzkrise liegen.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

In ihrem Jahresbericht 2012/2013 bezeichnet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel das Schuldenniveau in den Industriestaaten als unhaltbar und drängt auf einen Schuldenabbau. Sollte etwa in den USA das Renditeniveau über das gesamte Laufzeitenspektrum um 300 Basispunkte steigen, dann drohten den Haltern von US-Staatsschuldpapieren Verluste von über einer Billion Dollar. Die Summe entspricht acht Prozent der US-Wirtschaftsleistung. In Frankreich, Italien, England und Japan würden die Verluste für einen solchen Fall zwischen 15 und 35 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, warnt die BIZ.

Banken und Notenbanken mit großen Anleihen-Portfolios wären die größten Verlierer beziehungsweise insolvent. Einen Vorgeschmack auf dieses Szenario hat man in den vergangenen drei Monaten in den USA bekommen. In der Rückschau war es nie verkehrt, die Warnungen der BIZ ernst zu nehmen. Die auch als Bank der Notenbanken bekannte Organisation hatte auch vor dem Ausbruch der Finanzkrise rechtzeitig gewarnt.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%