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US-Präsident in Berlin Obama muss Europa für sich gewinnen

Der US-Präsident kommt nach Deutschland und bringt reichlich Zündstoff-Themen mit. Das Verhältnis zu Merkel war frostig, doch beide fanden doch noch zueinander. Das will der Staatsgast auch demonstrieren.

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Jetzt kommt Barack Obama wieder nach Deutschland, nicht, wie beim letzten Mal, fast beiläufig auf der Durchreise, sondern als Staatsgast, am Dienstag und Mittwoch nächster Woche. Quelle: dpa

Jetzt kommt er wieder nach Deutschland, nicht, wie beim letzten Mal, fast beiläufig auf der Durchreise, sondern als Staatsgast, am Dienstag und Mittwoch. Und prompt taucht auch das alte Gerücht von der unterkühlten Beziehung zwischen Barack Obama und Angela Merkel wieder auf. Immerhin fünf Jahre, so heißt es, habe der amerikanische Präsident die deutsche Kanzlerin auf seinen ersten offiziellen Besuch warten lassen. Eine Retourkutsche für ihre Weigerung, ihn im Sommer 2008 als Präsidentschaftskandidaten vor dem Brandenburger Tor auftreten zu lassen, sagen die einen. Ein Symbol für Amerikas Abwendung von Europa, für die Verlagerung seiner Interessen nach Asien, sagen andere.

Was aus Obamas Wahlversprechen wurde
Die Schließung von Guantánamo  Die USA zogen nach den Anschlägen vom 11. September in den „Krieg gegen den Terror“ – und verloren ihren moralischen Kompass. So wurde unter anderem der US-Navy-Stützpunkt Guantánamo Bay auf Kuba um ein Internierungslager erweitert, indem in Spitzenzeiten mehr als 1000 Insassen festgehalten wurden. Ohne Gerichtsverfahren, ohne ihre Rechte als Kriegsgefangene.  Laut FBI-Bericht wurden Häftlinge und deren Angehörige bedroht, mit Schlafentzug mürbe gemacht und mit Koran-Schändungen provoziert. Und: Waterboarding, eine Verhörmethode, bei der der Eindruck des Ertränkens erzeugt wird, sei regelmäßig angewendet worden, so das FBI.  „Wir werden Guantánamo schließen“, versprach Barack Obama im Wahlkampf 2007/2008. Quelle: dapd
Die Schließung von Guantánamo  Unmittelbar nach seiner Vereidigung zum US-Präsidenten ließ Barack Obama alle laufenden Militärgerichtsverfahren gegen Insassen des kubanischen Lagers für 120 Tage aussetzen, um sie zu überprüfen. Zudem ordnete er die Schließung des Militärgefängnisses auf Guantánamo Bay innerhalb eines Jahres an.  Dazu ist es nie gekommen. Zuerst verweigerte der Senat die Bewilligung von Geldern zur Schließung, anschließend gibt es weder im In- noch im Ausland große Bereitschaft, die Gefangenen aufzunehmen. Noch heute werden mindestens 170 Gefangene auf Guantánamo Bay festgehalten, Obamas Wahlversprechen ist gescheitert. Quelle: AP
Eine Krankenversicherung für alle Amerikaner  Es ist – zumindest aus europäischer Sicht – unvorstellbar, dass noch 2009, zu Beginn von Barack Obamas Amtzeit, 47 Millionen US-Bürger keine Krankenversicherung besitzen. Arztbesuche können sich diese Menschen nicht leisten; immer wieder bieten Ärzte in Stadt- und Turnhallen ehrenamtlich Massen-Untersuchungen an, um eine Grundversorgung zu gewährleisten. Zustände, wie in einem Entwicklungsland.  Barack Obama will das ändern. Er verspricht, sich an eine Gesundheitsreform zu wagen, an der vor ihm bereits sieben Präsidenten gescheitert sind. Eine Krankenversicherung soll keine Ausnahme für Wohlhabende mehr sein. Quelle: dpa
Eine Krankenversicherung für alle Amerikaner  Nach zwei Jahren und unzähligen Verhandlungen gelingt Barack Obama im März 2010 sein größter innenpolitischer Erfolg: Nach dem Senat billigte auch das Repräsentantenhaus mit 219 zu 212 Stimmen seine Gesundheitsreform.  Sie ist im Vergleich zu Obamas Entwurf abgemildert. Aber: 32 Millionen bislang unversicherte Amerikaner werden bis 2013 eine Absicherung im Krankheitsfall bekommen. Damit wären dann 95 Prozent aller US-Bürger krankenversichert. Die Kosten für den Staat belaufen sich nach Schätzungen der unabhängigen Budget-Behörde in den kommenden zehn Jahren auf rund 940 Milliarden Dollar (696 Milliarden Euro). Sie sollen durch Steuererhöhungen von Besserverdienenden größtenteils gedeckt werden. Quelle: Reuters
Beendigung des Irak-KriegsSchon früh lehnte Obama einen Krieg gegen den Irak ab. „Ich weiß, dass eine Invasion im Irak ohne klare Begründung und ohne starke internationale Unterstützung nur die Feuer des Nahen Ostens anfachen wird, die schlechtesten statt der besten Antriebe der arabischen Welt fördern und den Rekrutierungsarm der al-Qaida stärken wird“, sagte der damals noch weitgehend unbekannte Obama 2002 bei einer Antikriegskundgebung. „Ich bin nicht gegen alle Kriege. Ich bin gegen dumme Kriege.“ Für ihn ist im Wahlkampf fünf Jahre später klar: Der (falsche) Irak-Krieg muss beendet werden. Quelle: Reuters
Beendigung des Irak-KriegsIm Februar 2009, Obama ist gut vier Wochen im Amt, kündigt er den Abzug der US-Truppen innerhalb von 18 Monaten an. Noch im Sommer 2009 verlassen die ersten Kampftruppen die irakische Hauptstadt Bagdad, Ende August 2010 ziehen die restliche Truppen ab. Nur noch wenige US-Soldaten sind zum Schutz der Botschaft und zur Ausbildung des Militärs im Land. Quelle: dpa
Bekämpfung der Staatsschulden  Im Wahlkampf 2008 rissen die USA die Schuldengrenze von 10 Billionen US-Dollar. Die beiden Kriege in Afghanistan und im Irak, sowie Steuersenkungen und Konjunkturprogramme hatten die Staatsverschuldung in die Höhe schießen lassen. Obama versprach im Wahlkampf, die Ausgaben stärker zu überwachen und Staatsschulden abzubauen, indem staatliche Einnahmeneinbußen durch Einsparungen in anderen Haushaltsetats ausgeglichen werden. Quelle: dpa

Für zwei Regierungschefs, die angeblich wenig miteinander anfangen können, unterhalten sich die beiden allerdings erstaunlich viel. Auf Besuchen und Gipfeltreffen haben sich Obama und Merkel mehr als ein Dutzend Mal zu Vieraugengesprächen zurückgezogen. Alle paar Wochen telefonieren sie, oft per Videoschaltung. Ob Iransanktionen oder Afghanistankrieg, Arabischer Frühling oder Terrorbedrohung, ob globales Finanzchaos oder Euro-Debakel - über jede Krise haben der Präsident und die Kanzlerin ausführlich miteinander gesprochen. Auf die Frage des Time Magazine, mit wem in der Welt er am engsten zusammenarbeite, antwortete Obama im Februar 2012: Angela Merkel! Erst danach nannte er die Premiers und Präsidenten anderer westlicher Verbündeter wie Indien, Südkorea und Großbritannien.

Dass die beiden bei ihren Begegnungen immer noch etwas hölzern und distanziert wirken, sei halt so bei zwei abgeklärten "Vernunftmenschen", sagt Jim Steinberg, bis vor zwei Jahren Vize-Außenminister der USA und mehrfacher Augenzeuge der Kanzlerin-Präsidenten-Treffen. "In der Welt von heute geht es um Interessen und nicht um Freundschaften."

Er will sein Land erneuern, sie das ihre so wenig wie möglich verändern

Erklärt das schon alles? Wie gut können sie miteinander, der Präsident und die Kanzlerin? Und wie wirkt sich ihr Verhältnis auf die transatlantische Partnerschaft aus, jetzt, da in Fragen der Euro-Krise, der Krisen im Nahen Osten oder im jüngsten US-Datenskandal immer neuer Konfliktstoff auftaucht? Ist die Berlin-Visite mehr als ein nachgeholter Routinebesuch?

Obama verteidigt Abhöraktionen

Obama redet mitreißend, Merkel langweilig. Er will sein Land von Grund auf erneuern, sie das ihre so wenig wie möglich verändern. Er polarisiert, sie umarmt den politischen Gegner. So unterschiedlich die beiden auf den ersten Blick sind - inzwischen trauen sie einander.

Es hatte gar nicht so lange gedauert, bis sie ihre gegenseitige Skepsis überwanden. Im Frühjahr 2009 - Merkel hatte auf dem G20-Gipfel in London Obamas Wunsch nach einem großen europäischen Konjunkturpaket zur Ankurbelung der Weltwirtschaft gerade eine brüske Abfuhr erteilt - platzierte der britische Premier die Deutsche beim Abendessen rechts neben den Amerikaner. Die Stimmung sei angespannt gewesen, berichten enge Mitarbeiter von Obama. Merkel tippte zwischendurch auf ihren Blackberry, aber irgendwann kamen sie dann doch ins Gespräch.

The German stubbornness

Merkel bleibt die mächtigste Frau der Welt
Platz 10 - Indra Nooyi (CEO PepsiCo)Unter ihrer Führung wurde der US-Lebensmittelkonzern im abgelaufenen Geschäftsjahr kräftig umgekrempelt. Mit Erfolg: Zuletzt konnte der Quartalsumsatz um 1,2 Prozent auf 13 Milliarden Dollar zulegen, vor allem weil die Preise für die Snacks Doritos und Cheetos erhöhte. Ein neuer Süßstoff soll dem Konkurrenten Coca-Cola nun auch den Rang als größter Getränkehersteller ablaufen. Quelle: AP
Platz 9 - Sonia Gandhi Nooyi (Präsidentin des indischen Nationalkongresses)Noch nie stand eine Person länger an der Spitze der indischen Regierungspartei als Sonia Gandhi. Die Unternehmerstochter ist zwar nicht blutsverwandt mit dem indischen Widerstandskämpfer Mahatma Gandhi, doch gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten der politischen Familiendynastie. Ihr Sohn Rahul gilt als ihr möglicher Nachfolger. Quelle: ASSOCIATED PRESS
Platz 8 - Janet Napolitano (US-Ministerin für Innere Sicherheit)Die Demokratin führt das drittgrößte Ministerium der USA mit 240.000 Angestellten und verwaltet ein Budget von 48 Milliarden Dollar. Insbesondere im Kampf gegen die Cyberkriminalität kommt ihrer Behörde eine Schlüsselrolle zu. Als Krisenmanagerin hat sich die US-Politikerin bereits einen Namen gemacht. Quelle: REUTERS
Platz 7 - Christine Lagarde (IWF-Chefin)Die erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds schafft es bei Forbes auch dieses Jahr in die Top Ten. Mit ihrem Kampf gegen die Schuldenkrise ist die IWF-Chefin vor allme in Südeuropa derzeit omnipräsent - und stößt mit ihren Vorschlägen zur Schuldenbekämpfung auf den Widerstand von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Quelle: dpa
Platz 6 - Sheryl Sandberg (COO, Facebook)Im vergangenen Jahr landete Facebooks Frontfrau nur knapp in der Top Ten, dieses Jahr konnte Mark Zuckerbergs ihre Macht festigen. Mit ihrem Buch "Lean In: Women, Work and the Will to Lead" trat sie in den USA eine Debatte über die Führungsrolle der Frau los. Das Buch beherrschte die US-Bestsellerlisten über Wochen. Auch geschäftlich läuft es rund: Mit neuer mobiler Werbung konnte die 43-Jährige Facebooks Umsatz deutlich steigern. Quelle: REUTERS
Platz 5 - Hillary Clinton (Politikerin)Obwohl die ehemalige First Lady, ehemalige Senatorin und ehemalige Außenministerin mittlerweile kein politisches Amt mehr inne hat, gehört sie weiterhin zu den mächtigsten Persönlichkeiten der USA. Sie gilt als Favoritin für die Präsidentschaftskandidatur 2016. Nach aktuellen Umfragen würden satte 65 Prozent für sie stimmen. Damit könnte Bill Clinton erster Mann im Staate werden - an ihrer Seite. Quelle: REUTERS
Platz 4 - Michelle Obama (First Lady)Nicht wenige Beobachter sind sich sicher: Erst durch das souveräne Auftreten seiner Gattin konnte US-Präsident Barack überhaupt erst wiedergewählt werden. In dem Beliebtsheitswerten hängt die Harvard-Absolventin ihren Mann mittlerweile weit ab. Insbesondere in Talkshows sammelt die Präsidentengattin immer wieder Sympathiepunkte. Quelle: AP

Merkel erzählte von ihrem Leben in der DDR und Obama von seinen Kindheitsstationen Hawaii und Indonesien. Der schwarze Präsident und die ostdeutsche Kanzlerin scherzten, wie sie es als Angehörige einer "Minderheit" an die Staatsspitze geschafft hätten. Obama erfuhr, dass Amerika schon früh Merkels "Sehnsuchtsort" gewesen sei, dass sie gleich nach dem Fall der Mauer mit ihrem Mann nach Kalifornien geflogen sei.

Genau diese genuine Bewunderung für Amerika unterscheidet sie von manchen anderen Bundeskanzlern, besonders von ihrem direkten Vorgänger Gerhard Schröder. Der hatte sich mit George W. Bush über den Irakkrieg zerstritten und das Zerwürfnis im Wahlkampf genutzt. Auch Merkel verweigerte den USA im Libyenkrieg die Gefolgschaft. Nur trumpfte sie dabei nicht auf wie Schröder. Bei allen politischen Differenzen ist es nur schwer vorstellbar, dass ihr ein antiamerikanisches Wort über die Lippen käme. Ein ungetrübtes Bündnis mit Washington gehört für sie in gewisser Weise zur Staatsräson, unabhängig davon, wer gerade im Weißen Haus regiert. Ein Obama, der im Gegensatz zu George W. Bush nicht in absoluten Freund-Feind-Kategorien denkt, macht es ihr dabei leicht.

Und so trifft man in Washington und Berlin trotz oft krasser Differenzen in der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik auf eine verblüffende Wertschätzung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses.

Deutschlands Macht ist enorm gestiegen

"Deutschlands Macht", so der scheidende US-Botschafter in Berlin, Philip Murphy, "ist in den vergangenen vier Jahren enorm gestiegen." Von einer "Beziehung auf Augenhöhe" spricht Jeremy Shapiro, bis vor Kurzem hoher Europa-Berater im US-Außenministerium. Obama und Merkel, zwei "Realisten", hätten begriffen: In der Welt komme niemand an Amerika vorbei - und in Europa keiner an Deutschland.

Die beiden Länder, so Shapiro, seien jedes auf seine Weise indispensible nations, unverzichtbare Nationen. In Großbritannien, das sich von jeher seiner special relationship mit den USA rühmt, vernimmt man Sätze wie diese vermutlich mit Stirnrunzeln. Aber die Regierung in Washington hat - auch um den Eindruck eines Auseinanderdriftens von Amerika und Europa zu entkräften - ein neues Wunschprojekt: eine gemeinsame europäisch-amerikanische Freihandelszone. Dafür braucht sie als europäische Leitnation Deutschland.

"Sollte es das Programm geben, machen wir nicht mit"
Die „Washington Post“ und die britische Zeitung „Guardian“ berichten über ein bislang unbekanntes Abhörprogramm der US-Sicherheitsbehörden. Einige Folien einer Präsentation zum Programm „PRISM“ nennen Firmen, die demnach den Behörden weitreichenden Zugriff auf ihre Daten gestatten. Dazu gehört Apple, der Hersteller von Smartphones („iPhone“), Tablets und Computern. Das Unternehmen teilte mit: „Wir haben noch nie von PRISM gehört. Wir gewähren keiner Regierungsbehörde direkte Zugang zu unseren Servern und alle Behörden, die Kundendaten beantragen, müssen einen Gerichtsbeschluss erhalten haben.“ Quelle: dpa
Auch Google steht auf der Liste. Einer Präsentationsfolie zu PRISM zufolge, ist der Datenzugriff zwar abhängig vom jeweiligen Internetdienst, kann jedoch Daten wie E-Mail, Chat, Fotos und hochgeladene Dateien umfassen. Google sagt zu den Vorwürfen, dass es „keine Hintertür“ in die eigenen Systeme gebe. Quelle: AP
Auch die Google-Tochter YouTube steht auf der Liste. Video-Dateien sollen auch zum Umfang des Abhörprogramms gehören. Quelle: dpa
Auch das soziale Netzwerk Facebook hat die Anschuldigungen dementiert. „Wir gewähren keiner Regierungsorganisation direkten Zugriff auf Facebook-Server. Wenn von Facebook Daten zu spezifischen Individuen verlangt werden, prüfen wir gründlich, ob Anfragen dieser Art den anwendbaren Gesetzen entsprechen und geben Informationen nur in dem Umfang heraus, wie es das Gesetz verlangt.“ Quelle: dapd
Der veröffentlichen PRISM-Präsentation zufolge ist Microsoft bereits seit 2007 an dem Programm beteiligt. Auch der Windows-Hersteller und Anbieter von E-Mail-Diensten und Suchmaschinen weist die Vorwürfe zurück. Das Unternehmen gebe „niemals auf freiwilliger Basis“ Daten heraus, sondern nur auf Basis eines richterlichen Beschlusses. Außerdem dürften sich diese Beschlüsse nur direkt auf einzelne Accounts beziehen. Quelle: dpa
Auch der Internettelefonie-Dienst Skype steht auf der PRISM-Liste. „Sollte die Regierung ein größeres, freiwilliges Programm haben, um Kundendaten zu sammeln, nehmen wir daran nicht teil“, schreibt Microsoft in seinem Dementi. Quelle: dapd
Das Internet-Portal Yahoo steht angeblich seit Dezember 2008 für das Programm zur Verfügung. Das Unternehmen teilte dazu mit, den Datenschutz sehr ernst zu nehmen. „Wir gewähren der Regierung keinen direkten Zugriff auf unsere Server, Systeme oder Netzwerke.“ Quelle: AP


Obama wird für die Freihandelszone werben

Tatsächlich lässt Berlin sich nicht lange bitten. Eine Freihandelszone, sagt Außenminister Guido Westerwelle, sei eben auch Ausdruck einer "Werte- und Ideengemeinschaft" und damit ein mächtiges Gegengewicht zu den aufstrebenden Asiaten und Lateinamerikanern. Westerwelle sieht darin das "größte und dringlichste transatlantische Vorhaben" seit dem Ende des Kalten Krieges. "Wenn wir das nicht in den nächsten fünf bis zehn Jahren schaffen, ist es zu spät."

Gefahr für Obama

Was Obamas Sieg für deutsche Unternehmen heißt
deutsche bank Quelle: dpa
Deutsche TelekomFür 39 Milliarden US-Dollar wollte Telekom-Chef René Obermann seine angeschlagene US-Tochter T-Mobile an den Branchenriesen AT&T verkaufen. Doch der Mega-Deal scheiterte am Veto der Wettbewerbsaufsicht. Damit fiel auch eine Grundsatzentscheidung. Die zuständigen US-Behörden, an deren Spitze Barack Obama einige Weggefährten gesetzt hat, wollen keine Konsolidierung unten den Big Four, den vier großen Mobilfunkbetreibern Verizon, AT&T, Sprint und T-Mobile. Mit Obamas Wiederwahl ändert sich daran in den nächsten vier Jahren nichts. Obermann muss also weiter dafür kämpfen, dass die Aufsichtsbehörden der kürzlich angekündigten Fusion mit der Nummer Fünf MetroPCS ihren Segen geben. Die Entscheidung wird im nächsten Jahr fallen. Quelle: dapd
AutomobilindustrieDie deutschen Autobauer wuchern in den USA mit zwei starken Verkaufsargumenten: Dem guten Ruf von „German engineering“ und dem vergleichsweise geringen Verbrauch ihrer Autos. Bei dem Verbrauchsargument konnten sich VW, Daimler und BMW bislang auf Obamas tätige Mithilfe verlassen: Strengere Verbrauchsgrenzen gehörten zu den wenigen großen Projekten, die Obama vor seiner Wahl zum Präsidenten versprach und die er letztlich auch realisierte. Genüsslich störte der Präsident im August den Parteitag der Republikaner mit seiner Ankündigung, dass er den Verbrauch von Neuwagen in den USA bis 2025 halbieren wird – per Gesetz.  Zwischen 2017 und 2025 muss der Verbrauch der Fahrzeugflotte eines Herstellers schrittweise von 8,2 auf 4,3 Liter Benzin pro hundert Kilometer sinken. Die effizienteren Antriebe könnten Autos um rund 2500 Euro verteuern, rechnete die US-Umweltbehörde EPA aus, allerdings würden die Kunden durchschnittlich 8000 Euro an der Tankstelle sparen. BMW arbeitete, wie auch 12 andere Hersteller aus den USA und Asien, bei dem Gesetzesvorhaben mit der Obama-Administration zusammen. Daimler und Volkswagen dagegen waren nicht mit im Boot. Allerdings nicht, wie man vermuten könnte, weil sie gegen die verschärften Auflagen waren. Sie kritisierten, dass der Vorstoß Obamas nicht weit genug gehe. Die Wiederwahl Obamas gibt den deutschen Herstellern nun die Sicherheit, dass sie weiterhin gute Geschäfte mit ihren spritsparenden Modellen in den USA machen können. Romney, der strikt gegen die Verschärfung war, hätte das Gesetz womöglich kassiert. Der Absatz deutscher Diesel-Modelle wird weiter zulegen und in einigen Jahren werden starke Hybrid- und Elektromodelle hinzukommen. Vor allem VW wittert noch eine weitere Chance: Erdgas-Autos. Lange hat der Konzern diesen schadstoffarmen und günstigen Antrieb unterschätzt. Durch die Erdgas-Schwemme, die in den USA wegen neuer Fördermethoden erwartet wird, könnte Erdgas nun in den USA ein großes Thema werden. Das passt zu der neuen Modellstrategie von VW, nach der bei Kleinwagen teilweise schon heute Erdgas- satt Dieselvarianten angeboten werden. Quelle: REUTERS
Luftfahrt und RüstungObama und Romney schenken sich ist in puncto Rüstung nicht all zu viel. Beide favorisieren die heimische Industrie. Romney hätte jedoch nicht am Militärbudget gespart, sondern es eher noch aufgestockt. Mit knapperem Budget steigt die Chance für die deutsche bzw. europäische Rüstungsbranche als eventuell günstigerer Anbieter auch einmal zum Zug zu kommen. Obama zeigt sich zudem gegenüber den europäischen Verbündeten offener als Romney. Das könnte Unternehmen wie Airbus, die versuchten vermehrt in den USA Fuß zu fassen, zu Gute kommen.  Quelle: AP
Wind und SolarAufatmen bei vielen Unternehmen aus der grünen Energie-Branche. Mit Obama bleibt ein Freund von Solar- und Windkraft an der Macht. Ein Mann der einen Kurs favorisiert, der alle verfügbaren Energiequellen ausnutzt und den Schutz der Umwelt zu einem seiner Topthemen erklärt. Ganz im Gegensatz zu Mitt Romney. Vor allem um Wind- und Sonnenenergie werde nach Romneys Urteil zu viel "Ballyhoo" gemacht. „Grün“, so argumentiert Romney, sei kapitalintensiv und verdränge Arbeitsplätze, während Gas, Kohle und Atomenergie viel größeres Potenzial hätten. In wie weit deutsche Windkraftkonzerne wie Siemens, Nordex und Enercon oder Solarunternehmen wie Solarworld davon profitieren, ist offen. Denn Obama sagt auch:  „Wir müssen Weltmarktführer in erneuerbaren Energien werden. Ich werde nicht die Wind-, Solar- oder die Batterieindustrie Deutschland oder China überlassen.“ Quelle: dpa
InfrastrukturSiemens dürfte sich freuen. Der Technologiekonzern hat mit 43.000 US-Dollar etwa drei Mal so viel an Obama gespendet wie an Romney und hofft nun auf eine Wende in der Verkehrs- und Energiepolitik. In Charlotte, North Carolina, betreibt Siemens eine Fabrik für Windkraftturbinen, die Obama Anfang des Jahres persönlich besuchte. Außerdem produziert Siemens in einem Werk in Sacramanto, Kalifornien, Straßenbahnen - bereits jede dritte Straßenbahn in den USA stammt von Siemens. Auch beim Ausbau von Hochgeschwindigkeitsstrecken könnte Siemens profitieren. In Kalifornien, Nevada, Florida und Georgia gibt es Überlegungen, Städte per Schnellzug zu verbinden. Siemens fertigt Hochgeschwindigkeitszüge wie den ICE und Schienen-Infrastruktur wie Stellwerke und Signaltechnik. Quelle: REUTERS
Die Pharmaindustrie profitiert von Obamas Wahl. Seit seiner Gesundheitsreform 2010  sind weitere 32 Millionen Amerikaner krankenversichert – zusätzliche  Kunden für die Medikamenten-Branche. Herausforderer Romney hatte dagegen versprochen, die Reform rückgängig zu machen.     Quelle: dpa

Obama wird in Deutschland kräftig für die Freihandelszone werben. Sein Besuch erfolgt fast auf den Tag genau zum 50. Jubiläum der berühmten "Ich bin ein Berliner"-Rede von John F. Kennedy - und keine zehn Tage nach seinem ersten Treffen mit dem neuen chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

Wer will, kann in den Obama-Merkel-Bildern der kommenden Woche ein amerikanisches Signal an den alten Verbündeten Europa sehen: "Hey, keine Sorge, wir brauchen euch noch."

Das ist politische Symbolik, aber vielleicht mindert es ja ein wenig den deutschen Eindruck, Amerika kehre unter Obama Europa den Rücken.

Für Deutschlands Ausscheren im Libyenkrieg hatte Obama offenbar weit mehr Verständnis als viele seiner Mitarbeiter im Weißen Haus - schließlich zögerte er selbst lange, bis er sich dem Vorstoß des damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy anschloss.

Annäherung bei Militäreinsätzen

Überhaupt nähern sich Washington und Berlin in ihrer Aversion gegen Militäreinsätze zunehmend an. Auch jetzt noch, nachdem sich Berichte über Chemiewaffeneinsätze häufen, versucht der Präsident, Amerika aus dem syrischen Gemetzel herauszuhalten. Laut der Obama-Doktrin werden Amerikas Kriege beendet und keine neuen begonnen. Die Deutschen, sagt der ehemalige Europaberater Shapiro, seien dabei durchaus eine Stütze. Ohne ihre Mithilfe wären die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran zahnlos, schließlich sei die Bundesrepublik Teherans größter Handelspartner. Und in Afghanistan helfe die Bundeswehr bis zum Schluss. So viel Solidarität, sagt Shapiro, wünsche man sich auch von einigen anderen Verbündeten.

Nicht dass es zwischen Obama und Merkel keine gravierenden Meinungsverschiedenheiten gäbe. Allerdings liegen sie weniger in der Sicherheitspolitik. Offene Konflikte und offenes Unverständnis herrschen vielmehr in der Währungs- und Migrationspolitik. Trotz vieler Versuche konnte Obama Merkel nicht davon überzeugen, doch endlich das deutsche Spardiktat zu lockern. Vor allem der vergangene Sommer stellte die Beziehungen auf eine harte Probe. Der Euro brach ein und bremste die US-Exporte, Amerikas Wirtschaft wuchs weit langsamer als erhofft. "Ein weiterer Schock aus Europa wird sich weit negativer auf Amerika auswirken als auf Deutschland", warnten US-Wirtschaftsexperten.

Das sind die mächtigsten Menschen der Welt
Platz zehnAlljährlich kürt das amerikanische Forbes-Magazin die mächtigsten Menschen der Welt. 100 Personen listet das Magazin auf, die dank ihres Vermögens, ihrer unternehmerischen Verantwortung oder ihres politischen Amtes Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Den zehnten Platz belegen im Jahr 2015 zwei Menschen: Die Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page teilen sich den Platz. Sie sind erst im letzten Jahr neu in die Top Ten der mächtigsten Menschen der Welt aufgestiegen. Quelle: AP
Indian Prime Minister Narendra Modi Quelle: REUTERS
Platz achtZum zweiten Mal unter den Top Ten der mächtigsten Menschen ist der britische Premier David Cameron. Im vergangenen Jahr belegte er noch den zehnten Platz, weil es ihm gelungen war, Schottland doch noch im Vereinten Königreich zu halten. Seiner Wiederwahl im Mai verdanke er den Aufstieg auf Platz acht. Quelle: AP
Platz siebenSie bestimmt nicht nur die Geldpolitik der USA, auch Aktienindizes wie der Dax reagieren auf ihr Wort: Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank Fed, ist die zweitmächtigste Frau der Welt. Quelle: REUTERS
Bill Gates Quelle: dapd
Platz fünfChinas Parteichef Xi Jinping ist nicht nur Chinas starker Mann. Im Ranking schafft er es auf Platz fünf der mächtigsten Menschen der Welt. Im Vorjahr belegte er allerdings noch den dritten Rang. Quelle: dpa
Platz vierWie in den zwei vorangegangenen Jahren landet der amtierende Papst Franziskus auf Platz vier. Im Jahr 2012 belegte das Oberhaupt der Katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI., Platz fünf. Quelle: dpa

Kurs der Kanzlerin galt als Gefahr für Obama

Im Weißen Haus war man alarmiert, die Euro-Krise und die harte Haltung der Kanzlerin galten als Gefahr für Obamas Wiederwahl.

In einem Telefongespräch versuchte der Präsident die Kanzlerin davon zu überzeugen, sie müsse mehr Geld für die Rettung Europas lockermachen. Die Weltwirtschaft, drängte er, werde nur gesunden, wenn die Verbraucher genug Geld in der Tasche hätten, um den Konsum anzukurbeln. Wer jetzt weiter auf strikter Haushaltsdisziplin bestehe, verschlimmere die Lage nur. Merkel blieb eisern. Pumpe Deutschland jetzt weitere Euro in den Süden, antwortete sie, würden die Regierungen dort nie lernen, verantwortungsvoll mit Geld umzugehen. Die deutschen Steuerzahler würden das nicht mittragen.

Beide sind offenbar nicht nachtragend

Die größten Gläubiger der USA
Der Schuldenberg der USA wächst und wächst. Inzwischen ist die 15-Billionen-Dollar-Marke locker geknackt. Mit rund einem Drittel der Summe steht Washington im Ausland in der Schuld. Staaten und Investoren aus aller Welt halten (Stand Mai 2012) US-Staatsanleihen im Wert von mehr als fünf Billionen US-Dollar. Dem südlichen Nachbar der USA, Mexiko, schuldete die größte Volkswirtschaft der Welt im Mai nach Angaben des US-Finanzministeriums 46,3 Milliarden US-Dollar. Innerhalb von zwölf Monaten haben die Mexikaner ihren Besitz an US-Schuldscheinen fast verdoppelt: Vor einem Jahr hatte Mexiko noch US-Anleihen im Wert von 27,7 Milliarden US-Dollar im Portfolio. Quelle: REUTERS
Obama, Merkel Quelle: dpa
Schweizer Flagge Quelle: REUTERS
Obama, Putin Quelle: dpa
Flagge Großbritannien Quelle: dpa
Meer vor Nassau Quelle: dapd
Brasilien entwickelt sich immer mehr zu einer Wirtschaftsmacht. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2010 um 5,5 Prozent. Die heimische Währung hingegen macht Probleme: Der Real verteuerte sich zunehmend gegenüber dem US-Dollar. Zwischen Ende 2008 und Oktober 2010 wurde der Real um 38 Prozent aufgewertet. Die Zentralbank erhöhte daraufhin ihre Dollarbestände um ein Viertel auf über 270 Milliarden Dollar. Das Land besitzt derzeit US-Staatsanleihen im Wert von 243,4 Milliarden US-Dollar, der Wert steigt konstant. Brasilien liegt damit auf Rang 4. Quelle: dapd

Deutsche Sturheit kritisieren die Amerikaner auch an Berlins Einwanderungskonzepten. Obama, so heißt es im Weißen Haus, könne nur schwerlich begreifen, warum das überalterte Deutschland nicht massiv in aller Welt um qualifizierte Ausländer werbe. Merkels Sorge um gesellschaftliche Überforderung und schwierige Anpassungsprozesse habe den Präsidenten nie überzeugt. Und er übersieht offenbar jene, die schon nach Deutschland kommen: Angehörige früherer Einwanderer, die nun nachziehen, oder Osteuropäer, die wegen der Krise nun fernab ihrer Heimat nach Arbeit suchen.

Für wen sich die USA außenpolitisch interessieren

Nichts von alledem hat das Verhältnis zwischen den beiden Regierungschefs ernsthaft getrübt. Dass der Amerikaner und die Deutsche sich trotz ihrer "philosophischen Differenzen" nie entzweit hätten, hält Jim Steinberg, der ehemalige Vize-Außenminister, für eine "historische Leistung". Viel zu telefonieren helfe wohl, sagt Jeremy Shapiro, der ehemalige Europa-Berater. "Beide wissen einfach immer genau, wie der andere denkt." Und beide sind, was politische Konflikte angeht, offenbar nicht nachtragend.

In Arbeit
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Vor knapp zwei Jahren, im Sommer 2011, hatte Obama der Kanzlerin in Washington die Freiheitsmedaille verliehen, eine Ehre, die nur sehr wenigen ausländischen Politikern zuteil wird. Damals wurde kolportiert, Obama habe mit dieser Geste versucht, Merkel im Euro-Streit zum Einlenken zu bewegen. Für so naiv muss man Obama nicht halten - und selbst wenn, hätte es nichts genutzt.

Verbürgt ist allerdings, dass die Kanzlerin dem Präsidenten damals versicherte, bei seinem nächsten Besuch in Berlin dürfe er sprechen, wo er wolle - selbstverständlich auch vor dem Brandenburger Tor.

Dieser Artikel ist zuerst auf zeit.de erschienen.

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