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US-Strafzölle Die gute Seite des Handelskriegs

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Große Bedeutung der neuen Handelsabkommen

So sieht das Abkommen mit Japan, immerhin der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, eine Abschaffung von fast 99 Prozent aller Zölle vor. Das öffnet europäischen Unternehmen einen Markt von 127 Millionen Konsumenten, die zudem zu den am besten verdienenden der Welt gehören. Schon jetzt exportieren deutsche Unternehmen Waren im Wert von fast 20 Milliarden Euro im Jahr nach Japan. Laut einer Studie des ifo-Instituts könnte diese Summe um mehr als 70 Prozent steigen. Insgesamt, so die Münchener Wirtschaftsforscher, könnte Deutschlands BIP durch das Abkommen um 0,7 Prozent, also 20 Milliarden Euro jährlich, steigen. Schon das ist ein Wert, den die negativen Effekte des Streits mit den USA bisher bei weitem nicht erreichen.

Die Folgen der anderen avisierten Vereinbarungen sind etwas weniger eindeutig zu prognostizieren. Eine Studie der EU nimmt an, dass durch ein Freihandelsabkommen mit Australien der Handel mit dem Kontinent um elf Milliarden Euro im Jahr zunehmen könnte, davon würden wohl vor allem die jetzt schon in Australien präsenten europäischen Unternehmen wie Aldi oder der französische Technologiekonzern Thales profitieren.

Die europäischen Konsumenten dürften vor allem beim Einkauf von Nahrungsmitteln profitieren, das gleiche gilt für den Vertrag mit Neuseeland. Auf Seiten der Exporteure kommen die größten Gewinner der Vereinbarung ebenso wie beim Handel mit Japan aus der Chemieindustrie und dem verarbeitenden Gewerbe.

Die neuen Abkommen mit Mexiko und Singapur werden zwar keine mit dem Japan-Deal vergleichbare direkte ökonomische Wirkung haben. Ihnen kommt jedoch aus anderen Gründen große Bedeutung zu. So belegt der Vertrag mit Mexiko zum einen, wie schnell die EU zum Handeln in der Lage ist, wenn der Druck nur groß genug ist. Vergingen doch von den ersten Gesprächen bis zur grundsätzlichen Einigung im Frühjahr nur zwei Jahre - ein Wimpernschlag der internationalen Wirtschaftsdiplomatie. Das Abkommen mit Mexiko ist zudem der offensichtliche Beleg dafür, dass sich der freie Handel tatsächlich lohnt. Denn der jetzt vereinbarte Deal setzt auf einer bereits seit dem Jahr 2000 geltenden Übereinkunft auf.

Deren Wirkungen sind inzwischen belegbares Exempel für die Kräfte des Handels. Eine Studie der niederländischen Rabobank weist nach, dass der Handel mit Mexiko durch das Abkommen pro Jahr um vier bis fünf Prozent höher ausfiel, als es ohne Abkommen der Fall gewesen wäre. Eine Zahl, die für die Beziehungen mit dem wirtschaftlich deutlich bedeutenderen Japan Großes vermuten lassen.

Der Vertrag mit Singapur soll derweil als Türöffner zum Handelsbund Asean dienen. Singapur ist die Drehscheibe der Wirtschaft in Südostasien, inhaltlich soll das Abkommen als Blaupause dienen. Die Verhandlungen mit Vietnam zeigen, dass Grund zur Hoffnung besteht.

Die Frage, ob all diese Vereinbarungen letztlich genügen, um die negativen Konsequenzen des Handelskriegs mit den USA aufzuwiegen, lässt sich volkswirtschaftlich zwar nicht eindeutig beantworten. Dafür sind die konkreten wirtschaftlichen Folgen der neuen Abkommen und der Strafzölle zu unklar. Ebenso ist nicht absehbar, in welchem Maße ein eskalierender Streit zwischen den USA und China auf die gesamte Weltwirtschaft abstrahlen würde. Eines sind sie auf jeden Fall: Ein Beleg, dass sich freier Handel auch in Zukunft lohnt. Egal, was andere twittern.

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