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US-Wahl und die Medien Eine Niederlage für den Journalismus

Das Entsetzen über Trumps Sieg zeigt, dass der Journalismus in Amerika wie hierzulande den Draht zu weiten Teilen der Gesellschaft verloren hat. Kritische Distanz zu den Eliten und ein offener Blick auf die Gründe des Volkszorns tun not.

Frisch gedruckte Zeitung (

"Im Moment sind die Menschen hier in einer Schockstarre....", sagte die USA-Korrespondentin des Nachrichtensenders N-TV am Morgen nach der Wahl Donald Trumps zum nächsten amerikanischen Präsidenten. Ähnlich hätte man vermutlich auch die Stimmung in Deutschland beschreiben können.

Zumindest im unmittelbaren Umfeld derjenigen Menschen, die über Wahlen berichten, wird das auch zutreffend sein. Aber die Aussage der NTV-Journalistin ist natürlich trotzdem falsch. Denn "die Menschen" in Amerika haben bekanntlich Trump gewählt. Und diese Menschen freuen sich vermutlich – oder empfinden zumindest Genugtuung. Vermutlich auch ein gar nicht so unbeträchtlicher Teil der Deutschen, der Franzosen und anderer Nationen.

Gerade wir Journalisten können oder wollen dieses Wahlergebnis kaum fassen. Vermutlich auch, weil wir zwar über Trump schreiben, aber kaum jemals mit seinen Anhängern sprechen. Für französische Journalisten und den Front National gilt das ähnlich wie für deutsche und die AfD. In westlichen Gesellschaften hat sich ein Graben aufgetan und die große Mehrheit der Journalisten steht auf derselben Seite – da wo auch die politischen Eliten stehen.

Diese Diskrepanz zwischen dem medialen Urteil und der Wahlentscheidung der Mehrheit der Amerikaner ist ein wichtiger Teil des Ereignisses, dessen Zeugen wir geworden sind. Vielleicht berührt es sogar dessen Kern. Ein Kollege vom „Stern“ schreibt: „Offensichtlich blicken wir, die liberalen Eliten, es schlicht nicht mehr. … Der Siegeszug der Populisten zeigt, dass sich die politische Tektonik verschoben hat, ohne dass wir es mitgekriegt oder auch nur um Ansatz begriffen hätten.“   

Da hat der Kollege zweifellos recht. Nicht nur das politische, sondern auch das publizistische Establishment hat offensichtlich den Draht zu einem großen Teil der Gesellschaft verloren. In Amerika ist es, wie diese Nacht gezeigt hat, die Mehrheit.

Den Draht verloren haben allerdings auch die Demoskopen. Ihre Vorhersagen werden immer unzuverlässiger – in den USA wie in Europa. Die falschen Voraussagen für den Sieg des Remain-Lagers in Großbritannien und jetzt Clintons in den USA dürften Indizien dafür sein, dass die Befragten ahnen, welche Antwort dem Demoskopen sympathischer ist. Man spricht vom „Shy Trump Effekt“.  

Wenn eine Machtelite an Autorität verliert und neue Wettbewerber auftreten, die ihr die Macht streitig machen, so muss man die Gründe dafür vernünftigerweise bei den bisherigen Eliten suchen. Sollte man meinen. Doch ganz offensichtlich haben die überkommenen politischen Eliten die Bürger in einem Ausmaß enttäuscht, das sie bislang nicht wirklich wahrgenommen haben.

Was den Washingtoner Eliten, deren Inkarnation nun einmal Hillary Clinton ist, zum Verhängnis wurde und die politischen Kreise in anderen westlichen Hauptstädten ebenso existentiell gefährdet, ist ein Mangel an grundlegendem Selbstzweifel und Bereitschaft zur offenen Selbstkritik innerhalb dieser Eliten.

Und als ein Teil dieser selbstunkritischen Eliten erscheint auch der mediale Komplex. Der Aufstieg der so genannten Populisten wurde nicht als das erkannt, was er im Kern ist, nämlich ein Aufstand gegen das Establishment. Statt die Gründe im offensichtlichen Versagen der Regierenden zu suchen, stürzte man sich auf die Rüpel selbst.

Nach den Quellen des Zorns suchen

Der Wunsch sie bloßzustellen, sie als boshaft und gefährlich zu entlarven, obsiegte meist über die unbequeme Aufgabe, nach den ökonomischen und anderen Gründen des Zorns ihrer Wähler zu forschen. Was nicht heißen soll, dass die Bloßgestellten nicht tatsächlich boshaft und gefährlich sein können.

Offenbar waren all die von Journalisten offen gelegten Makel Trumps nicht entscheidend für den Wählerwillen. Entscheidend war offenbar vielmehr das Versagen der etablierten Eliten, gegenüber denen sich Trump als radikale Alternative präsentierte.

Vatikan betet für Erleuchtung Trumps
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon „Nach einem hart umkämpften und oft spaltenden Wahlkampf lohnt es, daran zu erinnern und sich neu bewusst zu machen, dass die Einigkeit in Vielfalt in den Vereinigten Staaten eine der größten Stärken des Landes ist“, sagte Ban laut Mitteilung am Mittwoch in New York. „Ich rufe alle Amerikaner dazu auf, diesem Geist treu zu bleiben.“ Die Vereinten Nationen erwarteten von den USA, dass sie sich auch weiterhin an internationale Kooperationen halten und unter anderem den Kampf gegen den Klimawandel und die Stärkung der Menschenrechte vorantreiben. Ban bedankte sich auch bei der unterlegenen Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton. „Sie ist ein mächtiges Symbol für Gleichberechtigung von Frauen und ich habe keinen Zweifel, dass sie weiterhin zu unserer Arbeit weltweit beitragen wird.“ Quelle: REUTERS
Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto„Mexiko und die USA sind Freunde, Partner und Verbündete, die weiterhin zusammenarbeiten sollten für die Wettbewerbsfähigkeit und die Entwicklung von Nordamerika“, schrieb Nieto am Mittwoch auf Twitter. „Ich vertraue darauf, dass Mexiko und die USA ihre Beziehungen in Kooperation und gegenseitigem Respekt weiter ausbauen.“ Quelle: REUTERS
Kanadas Premierminister Justin Trudeau Quelle: REUTERS
Chinas Präsident Xi Jinping Quelle: AP
Russlands Präsident Vladimir Putin Quelle: REUTERS
Bundespräsident Joachim Gauck Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU Quelle: REUTERS

Warum ist das so? Einer Antwort darauf kommt man vielleicht mit Hilfe der Indexing-Hypothese des amerikanischen Medienwissenschaftlers Lance Bennett näher. Er hat gezeigt, dass sich die Ansichten von Journalisten an der Bandbreite der Positionen im etablierten politischen Betrieb orientieren. Grundlegende Kritik von außerhalb des Establishments bleibt weitgehend außen vor. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Indexing-Effekt umso problematischer wird, je kleiner das Spektrum der im politischen Establishment vertretenen Positionen und je größer die Diskrepanz zu den in der breiten Bevölkerung vertretenen Positionen ist.

Indexing, also die Orientierung an den politisch tonangebenden Eliten ist eine dauernde Versuchung und Gefahr für den Journalismus. Denn es macht die Kritiker genauso blind für Probleme und Gefahren außerhalb des eigenen Sichtfelds wie diejenigen, die zu kritisieren ihre Aufgabe ist. Die Balance zwischen berufsbedingter Nähe zu den Mächtigen und kritischer Distanz zu finden, ist und bleibt eine Daueraufgabe. 

Zu der kritischen Distanz gehört aber auch, sich nicht mit dämonisierenden und pädagogischen Erklärungen für das Phänomen Trump oder die Erfolge des Front National in Frankreich oder der AfD zu begnügen. Denn sie sind nicht durch den irrationalen Hass provinzieller Hinterwäldler auf Einwanderer zu erklären. Das sind sozialpsychologische Folgen, nicht Ursachen.

Nach den Quellen des antielitären Zorns zu suchen und sie zu kartieren, bleibt eine noch längst nicht erfüllte Aufgabe für eine kritische Öffentlichkeit. Aufklärung tut not. Über die benennbaren, aber selten in der Öffentlichkeit benannten Probleme und durchaus begründeten, keineswegs irrationalen Ängste weiter Bevölkerungsteile. Über ein instabiles Weltwirtschaftssystem, das ihnen und ihren Nachkommen zunehmende Unsicherheit verheißt und einer kleinen Schicht den Löwenanteil der noch erwirtschafteten Zuwächse. Aufklärung also über die Auflösungserscheinungen politischer und ökonomischer Ordnungen, die mit dem Wahlsieg Trumps noch offenkundiger geworden sind.

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