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US-Wahlkampf In zwei Stufen zum Sieg

Der Kampf um die US-Präsidentschaft ist kostspielig, episch und schmutzig. Der Republikaner Herman Cain muss sich gegen Belästigungsvorwürfe wehren. Dennoch liegt er im Rennen um die Spitzenkadidatur weiter vorne und bringt sich gegen Präsident Barack Obama in Stellung.

Präsident Barack Obama spricht bei einer Spendenveranstaltung Quelle: dapd

In anderen Ländern würde ein Amtsinhaber, dessen Zustimmungsrate ein Jahr vor dem nächsten Wahltermin auf weniger als 40 Prozent gefallen ist, wohl in Panik verfallen. Amerika aber ist anders. Ein einzigartiges Wahlsystem und die finanzielle Schlagkraft von Barack Obama bringen es mit sich, dass der Präsident von der Zunft der Politbeobachter noch nicht abgeschrieben wird – auch wenn Obama sich angesichts konstant schlechter Meinungsumfragen jüngst zum „Außenseiter“ ausgerufen hat.

Die USA kennen ein zweistufiges Auswahlverfahren, das zwar für einen spannenden und unterhaltsamen Präsidentschaftswahlkampf sorgt, aber auch viel Geld und Geduld erfordert. In einem ersten Schritt müssen die Parteien ihre Kandidaten bestimmen. Da Obama trotz einer murrenden Basis nicht mit einem ernsthaften demokratischen Herausforderer rechnen muss, richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien derzeit fast exklusiv auf die Republikaner, die bereits mitten im Vorwahlkampf stecken.

Obamas Konkurrenten
Die Kandidaten der Republikaner
Herman Cain Quelle: dapd
Michele Bachman Quelle: REUTERS
Jon Huntsman Quelle: dapd
Newt Gingrich Quelle: REUTERS
Rick Perry Quelle: dapd
Rick Santorum Quelle: dpa

Kandidaten brauchen Durchhaltevermögen

Politbeobachter prognostizieren ein hartes Ringen der zehn Kandidaten, in dem die beiden Parteiflügel heftig aufeinander prallen werden. Mit einer schnellen Entscheidung in den Vorwahlen, in denen die Parteitagsdelegierten bestimmt werden, sei deshalb nicht zu rechnen. Der letzte Urnengang ist auf den 26. Juni angesetzt. Dann geht es Schlag auf Schlag weiter, mit den Nominierungsparteitagen im Spätsommer und der heißen Phase des Wahlkampfes bis zum eigentlichen Urnengang am 6. November 2012. Obama hat es da einfacher, er kann sich bereits jetzt auf das Geldsammeln konzentrieren, und auf die Verfeinerung seines Wahlkampfskripts.

Erschwerend für die Republikaner kommt hinzu: Noch vor kurzem herrschte Unklarheit über den Wahlkalender. Schuld daran hatten vorwitzige Staaten wie Nevada im Westen und Florida im Süden, die eine Direktive des nationalen Parteivorstands ignoriert und ihre Vorwahlen auf den Januar angesetzt hatten. Dadurch fühlen sich die beiden Staaten angegriffen, die seit den Siebzigerjahren die Vorwahlsaison eröffnen: Iowa im Herzland der USA und New Hampshire im Nordosten.

Beide Staaten beanspruchen für sich das Vorrecht, im Feld der Präsidentschaftskandidaten die Spreu vom Weizen zu trennen – nicht wenige Politiker verlegen deshalb ihren Wohnsitz ins unwirtliche Des Moines (Iowa) oder ins frostige Manchester (New Hampshire), um den direkten Kontakt mit den Wählerinnen und Wählern zu pflegen. Darunter leidet die Bevölkerung in anderen Bundesstaaten, die einen Mitt Romney oder einen Herman Cain nur am Bildschirm zu Gesicht bekommt.

Animositäten zwischen den Staaten

Die republikanischen Präsidentschaftkandidanten Geschäftsmann Herman Cain, der ehemalige Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney und der texanische Gouverneur Rick Perry bei einer Fernsehdebatte. Quelle: dapd

Und obwohl sich Kritiker schon lange darüber mokieren, dass Iowa und New Hampshire mit dem Rest des Landes wenig gemein haben, sei es demographisch, wirtschaftlich oder kulturell, sicherten sie sich bisher ihre Vormachtstellung: Iowa (Wahltag: 3. Januar 2012) bevorzugt die offenen Wahlversammlungen (genannt Caucus), während in New Hampshire (Wahldatum noch offen) an der Urne abgestimmt wird. Nevada (14. Januar) und Florida (31. Januar) versuchen nun, diese Phalanx aufzubrechen und Würze in die Auseinandersetzung zu bringen.

Nevada beispielsweise wurde von der Immobilienkrise besonders hart getroffen, Wirtschaftsthemen haben deshalb einen höheren Stellungswert. Florida wiederum ist dank der Nähe zur Karibik und Südamerika vielseitiger als South Carolina (21. Januar), bisher der erste Primary-Staat im Süden. Diese Animositäten sorgen nicht nur für dicke Schlagzeilen in der Presse; sie legen auch den republikanischen Kandidaten Steine in den Weg.

Obama berücksichtigt lokale Besonderheiten

Ein Kandidat, der im Caucus von Nevada auf Sieg setzt und dafür tief in die Kasse greift, stößt das Parteiestablishment in New Hampshire vor den Kopf. Bestes Beispiel dafür: Der „Union Leader“, einflussreichstes Blatt in New Hampshire, taufte Romney dieser Tage „Nevada Mitt“, weil er den Nordosten auf Kosten des Westens vernachlässige.

Dank eines Kompromisses konnte dieses Gerangel nun beigelegt werden. Die Republikantische Partei von Nevada zeigte sich damit einverstanden, den Caucus auf den 4. Februar zu verschieben. Mit einer raschen Entscheidung im Vorwahlkampf ist dennoch nicht zu rechnen. Je länger sich der republikanische Ausscheidungskampf aber hinzieht, desto mehr dürfte sich die Stimmung im Weißen Haus aufhellen.

Denn Obama kann sich bereits jetzt auf jene exklusive Gruppe von Bundesstaaten konzentrieren, in denen die Wahlen letztlich entschieden werden. Sein Wahlkampfmanager Jim Messina, der in Chicago angesiedelt ist, gab dieser Tage bekannt, dass der Präsident in seinem Wahlkampf stark Rücksicht auf lokale Besonderheiten nehme. „Wir werden in Nevada eine andere Kampagne führen als in Florida“, sagte Messina.

Der Kampf um die Wahlmänner

Der republikanische Präsidentschaftskandidate und ehemalige Gouverneur von Massachusetts Mitt Romney gilt als Obamas größter Konkurrent. Quelle: dapd

Politbeobachter zeigten sich von dieser Ankündigung nicht weiter überrascht, da sich am 6. November 2012 letztlich alle Augen auf rund ein Dutzend Bundesstaaten richten werden, die bei knappen Entscheiden den Ausschlag geben. Der Grund dafür liegt im Wahlverfahren: Die Präsidentenwahl ist „kein Kampf um die höchste Stimmenzahl im ganzen Land“, sagt Gerald Seib, der gewiefte Washington-Bürochef des „Wall Street Journals“. „Vielmehr geht es darum, 270 Elektoren zu gewinnen.“ 

Hier sei das indirekte Wahlsystem der USA in Erinnerung gerufen. Die 50 Bundesstaaten und der Hauptstadtbezirk (District of Columbia) bestimmen am Wahltag in 51 separaten Abstimmungen, welcher Präsidentschaftskandidat die jeweils dem Staat zustehende Zahl von Wahlmännerstimmen (Elektoren) gewinnt. Die Gesamtzahl der Elektoren beträgt 538. Dabei gilt die Faustregel: Je mehr Einwohner ein Bundesstaat zählt, desto mehr Wahlmänner bringt er auf die Waage.

Die Unterschiede zwischen dem größten Staat (Kalifornien mit 55 Elektoren) und den kleinsten Staat (Wyoming mit drei Elektoren) sind dabei beträchtlich. Davon profitieren die Demokraten, deren Stammwählerschaft in den urbanen, bevölkerungsreichen Gebieten wohnt. Wie Gerald Seib ausführt, entschied sich ein Block von 18 Staaten seit 1992 jeweils immer für den demokratischen Kandidaten, während sich 13 Staaten stets auf die Seite des Republikaners schlugen.

In Elektoren umgerechnet bedeutet dies: Obama hat, sollte er in der Gunst der Wähler nicht vollständig einbrechen, bereits heute 242 von 270 Elektoren sicher, sein republikanischer Gegner bloß 102. Im besten Fall muss der Präsident also im Herbst 2012 nur zwei weitere „Swing States“ gewinnen, die sich in der Vergangenheit sowohl für demokratische als auch für republikanische Kandidaten entschieden haben. Nicht erstaunlich also, dass Barack Obama dieser Tage besonders häufig in North Carolina, Virginia, Colorado und Nevada anzutreffen ist.

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