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USA Die Herkulesaufgaben von Barack Obama

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46 Millionen Unversicherte

Patient tot - Das traditionsreiche Hospital St. Vincent's musste aus wirtschaftlichen Gründen schließen - auch weil viele Notfallpatienten ihre Rechnung nicht bezahlen konnten. Quelle: Getty Images

Das Paradoxe daran: Obwohl rund 46 Millionen Amerikaner unversichert sind, gibt kaum ein Land der Welt so viel Geld für die Gesundheitsversorgung aus wie Amerika. Jährlich belaufen sich die Gesamtausgaben auf rund 2,6 Billionen Dollar. Die Pro-Kopf-Ausgaben in den USA sind damit fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Derzeit machen die Kosten im Gesundheitswesen fast 18 Prozent des Bruttoinlandproduktes aus – Tendenz steigend. In Deutschland sind es 11,6 Prozent.

Das System sei ineffizient, zu teuer und zu bürokratisch, rügt Mark Smith, Chef der regierungsunabhängigen Organisation HealthCare Foundation. Auch ein Bericht des wissenschaftlichen Institute of Medicine in Washington zieht eine verheerende Bilanz. Danach verschwenden Ärzte und Kliniken jährlich rund 210 Milliarden Dollar für unnötige Behandlungen, 190 Milliarden Dollar an überflüssigen Ausgaben gehen auf das Konto des Verwaltungsapparats, 75 Milliarden Dollar gehen durch Betrug verloren.

Das amerikanische Gesundheitssystem ist eine Mischung aus privater und öffentlicher Vorsorge. Es gibt mehr als 1.000 private Krankenversicherungen; dort sind viele Arbeitnehmer über ihren Betrieb versichert. Wer aber seinen Job verliert, hat auch keine Krankenversicherung mehr.

Die Pannen bei den Wahlen
Es klingt wie in einem schlechten Film: Im Bundesstaat Pennsylvania leuchtete auf einem Wahlautomat konstant der Name Mitt Romneys auf. Auch dann, als der Wähler auf Obama gedrückt hatte. Ein Behördensprecher versicherte später, die "kleine Macke" sei behoben und der Apparat wieder in Dienst gestellt worden. Quelle: dapd
Wählen, auch wenn die Wahllokale schon geschlossen sind: In Miami-Dade County in Florida standen noch über vier Stunden nach der offiziellen Schließung der Wahllokale Bürger zur Stimmabgabe an, selbst als Präsident Barack Obama längst als Sieger feststand. Auch aus Virginia, South Carolina, Tennessee und anderen Staaten wurden lange Wartezeiten gemeldet. Doch Politiker und Prominente riefen den Bürgern Mut zu: Sie nutzten soziale Netzwerke dazu, die Wahlwilligen bei der Stange zu halten. "Bleibt in der Schlange", appellierte etwa die demokratische Politikerin Tammy Baldwin aus Wisconsin an ihre Wähler. "Wenn ihr bei Schließung eures Wahllokals angestanden habt, habt ihr immer noch das Recht auf Stimmabgabe", twitterte Filmregisseur Spike Lee. In den meisten Staaten dürfen Wartende auch nach der Schließung der Wahllokale noch wählen. Quelle: dapd
Ein weiteres Problem gab es in Pennsylvania nach Angaben der Behörden bei der Zulassung von Wählern. Ein Gesetz, das einen Lichtbildausweis zur Pflicht machte, um wählen zu können, wurde erst kurz vor der Wahl von einem Richter aufgehoben. In mehreren Wahllokalen sollen Helfer aber trotzdem Lichtbildausweise verlangt haben. Es war nicht klar, wie viele Wähler deshalb abgewiesen wurden. Auch in anderen Bundesstaaten wurde von ähnlichen Vorfällen berichtet. Eine Wahlrechtsgruppe bekam deswegen im Laufe des Tages bis zu 71.000 Anrufe, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Pennsylvania ist einer von neun US-Bundesstaaten, die Gesetze zur Identifizierung der Wähler verabschiedet hatten. In 17 Staaten müssen die Wähler irgendeine Art von Lichtbildausweis vorlegen. In den Vereinigten Staaten gibt es keinen Personalausweis (wie im Bild) im eigentlichen Sinne. Als Identifikation wird entweder der Führerschein oder die Sozialversicherungsnummer angegeben. Quelle: dpa
In Pinellas County im Bundesstaat Florida erhielten laut Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg mehr als 12.000 Wähler einen automatisierten Anruf vom zentralen Wahlbüro. Die Benachrichtigten hätten bis um sieben Uhr abends Zeit, noch wählen zu gehen. Und zwar bis Mittwoch, dabei dürfen die Wähler im Normalfall nur am Dienstag ihre Stimmen abgeben. Das Wahlbüro tätigte nochmal einen Anruf - und teilte den Wählern die richtigen Informationen mit. Auch in Washington ereilte ein automatisierter Anruf der demokratischen Partei einige Bürger, mit der Information, auch am Mittwoch wählen zu gehen. Die Partei korrigierte daraufhin die Informationen. Quelle: dpa
In New Jersey scheiterte die American Civil Liberties Union dabei, für Opfer des Hurrikan Sandys eine Verlängerung für die Stimmenabgabe zu erlangen. Ein Richter stoppte die Forderung der Organisation, wonach obdachlose Wähler bis zum 9. November Zeit gehabt hätten, um ihre Stimme gültig abzugeben. Quelle: Reuters
Der von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa ( OSZE) als Wahlbeobachter zur US-Wahl entsandte Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke äußerte sich gegenüber der Zeitung "Die Welt" kritisch über die Wahlabläufe. Klimke, der sich in den Staaten Virginia, Maryland und Washington D.C. ein Bild von den Wahlabläufen machte, beklagte, dass die OSZE-Vertreter in ihrer Arbeit eingeschränkt wurden. "Wir durften nicht so agieren wie bei Wahlbeobachtungen in anderen Ländern". Normalerweise bekomme er eine Liste von Wahllokalen und entscheide selbst, in welches er gehe. "Das ist hier nicht möglich", sagte der CDU-Politiker. Den Wahlbeobachtern seien die Wahllokale vorgegeben worden, die man besuchen dürfe. "Eine breite Überprüfung war damit gar nicht möglich", sagte Klimke. Die OSZE hat nach Angaben Klimkes 80 Wahlbeobachter zur US-Wahl entsandt. Quelle: REUTERS

Die zweite Säule sind die staatlichen Krankenversicherungen Medicare und Medicaid. Rentner ab 65 Jahren wechseln nach der Pensionierung in die staatliche Versicherung Medicare. Sozial Schwache sind auf die Basisversorgung Medicaid angewiesen. Die Zahl der Versicherten in beiden Gruppen steigt stetig. Die Reserven der staatlichen Krankenversicherung für Rentner sind nach Schätzungen der US-Regierung 2024 komplett erschöpft, wenn nicht die Beiträge angehoben oder Leistungen zusammengestrichen werden.

Verschuldete Krankenhäuser durch unversicherte Patienten

Milliardenkosten verursachen auch die unversicherten Amerikaner. Denn im Notfall müssen die Ambulanzen der Krankenhäuser auch unversicherte Patienten behandeln. Können die ihre Rechnungen nicht begleichen, bleiben die Kliniken auf den Kosten sitzen. Die Folgen sind vielfach verheerend: Im New Yorker Stadtteil Manhattan musste vor zwei Jahren das traditionsreiche Krankenhaus St. Vincent’s schließen. Der Andrang der unbezahlten Notfälle war so groß, dass das Krankenhaus am Ende mit einem zweistelligen Millionenbetrag verschuldet war.

Die peinlichen Fehltritte von Mitt Romney
Bei der dritten und letzten TV-Debatte zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney ging es um außenpolitische Themen - ein Feld, auf dem Obama nur schwer zu attackieren ist. Romney versuchte es trotzdem, und kritisierte, dass die Marine gegenwärtig weniger Schiffe habe als 1916. Obama konterte: "Ich denke, Gouverneur Romney hat vielleicht nicht genug Zeit damit verbracht nachzuschauen, wie unser Militär funktioniert", so der US-Präsident. Spottend klärte der Präsident den früheren Gouverneur über den militärischen Fortschritt auf. "Wir haben diese Dinger, Flugzeugträger genannt, da können Flugzeuge drauf landen", sagte er. Und im Übrigen verfüge die US-Armee mittlerweile auch über weniger Pferde und Bajonette. Bei Twitter überzogen die User den Republikaner mit Spott. "Romneys militärischer Plan von 1917 passt zu seinen Energie-Plänen von 1917", schrieb Demokrat Es Markey aus Massachusetts. "Wir haben noch sein Bajonett, falls die Regierung es zurückhaben will", twitterte Rich Gallup, dessen Ur-Großvater im Ersten Weltkrieg für die USA gekämpft habe. Es ist nicht das erste Mal, dass Romney in ein Fettnäpfchen traf. Zuletzt sorgte er für Empörung... Quelle: dapd
Republican presidential nominee and former Massachusetts Governor Mitt Romney Quelle: REUTERS
Mitt Romney Quelle: dapd
Mitt Romney Quelle: dapd
Romney und Miliband Quelle: dapd
Romney Quelle: REUTERS
'Car Guy' Mitt Romney Quelle: REUTERS

Etliche Politiker haben versucht, das System zu reformieren und zu sanieren – ohne Erfolg. Die umstrittene Reform von Präsident Obama, die er gegen massiven Widerstand der Opposition durchsetzte, versucht nun, den Versicherungsschutz auszudehnen, um so die Kosten besser zu verteilen. Doch die Hälfte der Amerikaner lehnt eine solche Zwangsversicherung ab. Präsidentschaftskandidat Romney will Obamas Reform wieder rückgängig machen, sollte er die Wahl gewinnen. Wie er das marode System sanieren will, verrät er nicht.

Am Grundsystem ändert Obamas Rezept ohnehin nichts, und auch die Finanzierung steht noch in den Sternen. Im Kern sieht die Reform vor, dass Versicherungsunternehmen Kunden mit Vorerkrankungen nicht mehr ablehnen dürfen und junge Leute bis 26 Jahre über die Eltern versichert bleiben. Zweitens muss jeder Amerikaner ab 2014 eine Grundversicherung abschließen – wer sich keine leisten kann, bekommt einen staatlichen Zuschuss.

Bei Zahnarzt Rosenkranz in Brooklyn könnte das die Geschäfte weiter ankurbeln. Bis dahin setzt er auf Selbsthilfe, um finanzschwachen Kunden das Bohren erträglicher zu machen – Unversicherten vermittelt er einen zinslosen Kredit über eine Bank. Ansonsten gilt das, was auf dem großen Schild am Empfang steht: „Bitte bezahlen Sie am Tag Ihrer Behandlung. Wir nehmen alle Kreditkarten.“

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