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USA Absturz trotz Aufschwung

Die Wirtschaft in den USA zieht endlich wieder deutlich an. Doch viele Städte sind marode und pleite. Sie sind auf sich alleine gestellt, Umverteilung und Transferleistungen sind gänzlich unamerikanisch.

Die USA wachsen wieder - doch gleich mehreren Städte droht der Sturz ins Bodenlose. Quelle: Marcel Stahn

In Chicago sind Ferien. Die Schüler kaufen in der riesigen Woodfield Mall im Vorort Schaumburg ein, sitzen in einem der Cafés am Navy Pier oder liegen am North Avenue Beach, einem der vielen Stände der Stadt am fünfundvierzig Kilometer langen Ufer des Michigansees. Doch trotz des guten Wetters können mehr als Zehntausend Schüler die Ferien nicht sorglos genießen. Viele fürchten den Start des neuen Schuljahres – denn gleich 49 Schulen werden dann nicht wieder eröffnen. Das ist fast jede 14. Schule in der drittgrößten Stadt der USA. Chicago ist hoch verschuldet und muss überall den Rotstift ansetzen, auch bei der Bildung.

Eltern und Lehrergewerkschaft sprechen von der „größten Schulschließungsorgie in der Geschichte der Vereinigten Staaten“. Rahm Emanuel, Bürgermeister der Stadt und ein enger Verbündeter von US-Präsident Barack Obama, geht darauf nicht ein. Er weiß: Die Schulschließungen sind erst der Anfang. Soll Chicago nicht das gleiche Schicksal wie Detroit erleiden, muss die „windy city“ noch dramatischere Einschnitte durchsetzen.

So sind die Pensionsfonds der Stadt dramatisch unterkapitalisiert. Mindestens 20 Milliarden US-Dollar fehlen. Die Ratingagentur Moody’s rechnet gar mit einer Lücke in Höhe von 36 Milliarden US-Dollar – und stufte die Bonität der Stadt direkt um drei Stufen ab. Die leeren Pensionskassen sind längst nicht nur in Chicago zu einem Problem geworden.

Lage der USA

„Allein den Bundesstaaten und lokalen Behörden werden – konservativ gerechnet – zwischen zwei und drei Billionen Dollar fehlen, die man benötigt, um die Pensionsansprüche und Gesundheitsleistungen für die Angestellten im öffentlichen Dienst und die Beamten zu begleichen“, sagt Josef Braml, USA-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Autor des Buches "Der amerikanische Patient" (Siedler-Verlag). Die Haushalte seien traditionell schon schlecht auf den demografischen Wandel vorbereitet. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise (und den daraus resultierenden Einbruch der Steuereinnahmen) sei die Lage „aus dem Gleichgewicht geraten“.

Vor allem die ehemaligen Industriehochburgen um die großen Seen herum sind betroffen, neben Detroit also Städte wie Cleveland, Toledo oder Buffalo (Chicago hat große Finanzierungslücken, profitiert aber von seiner breit aufgestellten Wirtschaft), sowie kleinere Kommunen. „Wir müssen differenzieren: So wenig Griechenland für ganz Europa repräsentativ ist, so wenig steht Detroit für ganz Amerika“,  sagt Martin Thunert, Dozent und Politikwissenschaftler am Center for American Studies (HCA) der Universität Heidelberg. Detroit habe viele eigene Fehler gemacht und sich auch durch Korruption und Misswirtschaft in die Bredouille gebracht. „Wir werden keine Welle von Insolvenzanträgen sehen, vereinzelte weitere Pleiten sind aber nicht unwahrscheinlich“, so Thunert. Auch, weil die Städte nicht auf Hilfe und Solidarität der Gemeinschaft setzen können.

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