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USA Das Ende der Supermacht

Rasant steigende Staatsschulden, hohe Arbeitslosigkeit, blutleeres Wachstum und eine kränkelnde Industrie – Amerika ist zum Problemfall für die Weltwirtschaft geworden. Ist der Niedergang der größten Volkswirtschaft der Welt noch aufzuhalten?

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Demonstrant als Uncle Sam Quelle: laif

Zeit, durch die Straßen zu laufen, hat er ja eigentlich nicht. Doch Bürgermeister Cory Booker patrouilliert häufig durch die heruntergekommenen Vororte von Newark. Im Herbst vergangenen Jahres musste Booker rund 160 Polizisten entlassen, die Stadtkasse ist leer. Jetzt will der große, athletische Mann zeigen, dass er sich kümmert um seine Stadt.

Aber weniger Polizisten – ausgerechnet in Newark? Die Bürger der Stadt an der amerikanischen Ostküste können darüber nur den Kopf schütteln. Die mit rund 270 000 Einwohnern größte Stadt im Bundesstaat New Jersey, nur 16 Kilometer von New York entfernt, zählt zu den 30 Städten in Amerika mit der höchsten Kriminalitätsrate. Die Wirtschaftskrise hat ein Loch von rund 70 Millionen Dollar in den Haushalt gerissen, die Stadt ärmer gemacht und der Kriminalität Auftrieb gegeben. Knapp ein Drittel der Menschen lebt unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenquote liegt über zwölf Prozent.

Niedergang einer Großmacht

Nicht nur Newark, ganz Amerika leidet unter den Spätfolgen der schweren Wirtschaftskrise. Zwei Jahre nach der großen Rezession ist das Land meilenweit entfernt von einer kräftigen Erholung. Die Wirtschaft wächst langsamer als erwartet, die Unternehmen schaffen kaum neue Jobs, die industrielle Basis droht zu erodieren und der Schuldenberg des Staates steigt rasant. Eine langfristige Strategie, den Haushalt zu sanieren, ist nicht in Sicht. Amerikas Kreditwürdigkeit steht auf dem Spiel.

Schwarzmaler wie Nouriel Roubini, Professor an der Stern School of Business in New York, haben nun wieder Hochkonjunktur. „Den USA und der Weltkonjunktur stehen schon bald die nächsten großen Verwerfungen ins Haus“, warnt der Ökonom. Auch sein Kollege, der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, geht hart ins Gericht mit den USA: „Das Einzige, was wir geschafft haben, ist, die Banken zu retten. Da haben wir die Verluste sozialisiert und die Profite privatisiert. Ansonsten geben wir Milliarden Dollar pro Woche in Afghanistan aus, kürzen aber hier an unseren Schulen die Lehrerstellen. Das ist der perverse Niedergang einer Großmacht.“

Ist die größte Volkswirtschaft der Welt dem ökonomischen Niedergang geweiht, ist das amerikanische Jahrhundert schon zu Ende?

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in den USA Quelle: Thomson Reuters

In internationalen Statistiken haben die USA ihre Spitzenposition längst eingebüßt. Um zwei Plätze sind sie beim Vergleich der Wettbewerbsfähigkeit von 139 Ländern nach hinten gerutscht. Nun stehen die Vereinigten Staaten hinter der Schweiz, Schweden und Singapur nur noch auf Platz vier der Rangliste des World Economic Forum. Die meisten US-Bürger scheinen den Kampf um die Spitze in der Weltwirtschaft aufgegeben zu haben. Umfragen zufolge glaubt eine Mehrheit, China und nicht mehr die USA sei die führende Wirtschaftsmacht der Welt.

So viel Selbstzweifel in God’s own country hat es schon lange nicht mehr gegeben. Jahrzehntelang lagen die USA in fast allen Wirtschaftskategorien weltweit an der Spitze. Nach jeder Krise, zuletzt auch nach dem Platzen der Dotcom-Blase, fanden die USA schnell zu neuer Stärke zurück – und zogen mit ihrer gewaltigen Wirtschafts- und Nachfragemacht die Volkswirtschaften anderer Nationen aus dem Sumpf. Ihre Innovationsstärke, das freie Unternehmertum, der hoch flexible Arbeitsmarkt und der Verzicht auf einen aufgeblähten Wohlfahrtsstaat – das alles galt liberalen Ökonomen als vorbildlich.

Hohe Beschäftigung nötig

Dabei waren die beeindruckenden Wohlstandszuwächse der vergangenen drei Jahrzehnte nicht allein das Resultat harter Arbeit und genialer Erfindungen. Sie waren auch das Ergebnis einer allzu großzügigen Versorgung der Wirtschaft mit Geld und Kredit. Der Chicago-Ökonom Raghuram Rajan, Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), identifiziert darin einen Konstruktionsfehler des amerikanischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems.

Weil das soziale Sicherheitsnetz in den USA vergleichsweise dünn sei, so Rajan, stehe die Notenbank Fed permanent unter Druck, die Beschäftigung möglichst hoch zu halten. Deshalb lasse sie im Zweifelsfall die Zinsen lieber länger unten und pumpe zu viel Liquidität in die Wirtschaft. Hinzu kommt die Aversion der Amerikaner gegen höhere Steuern und staatliche Transfers. Das habe die Politiker dazu verleitet, Einkommensunterschiede mit günstigen Krediten für arme Häuslebauer zu bekämpfen. Die Folge war eine gigantische Kredit- und Immobilienblase, deren Platzen das globale Finanzsystem an den Rand des Abgrunds führte.

Statt aus diesen Fehlern zu lernen, halten die USA jedoch an ihrem Geschäftsmodell fest, Wachstum auf Pump zu erzeugen. Waren es Anfang des Jahrtausends die Unternehmen, später die Haushalte, die sich mit Schulden vollpumpten, so ist es jetzt der Staat, der sich immer mehr Kredite auflädt. Aktuell belaufen sich die Kreditmarktschulden aller Sektoren auf 350 Prozent des Bruttoinlands-produkts (BIP), mehr als in der Weltwirtschaftskrise Anfang der Dreißigerjahre (300 Prozent).

Rückgang der Häuserpreise in den USA Quelle: Thomson Reuters

Doch dieses Modell funktioniert nicht mehr, wie die verzweifelten Versuche von Präsident Barack Obama und Notenbankchef Ben Bernanke zeigen, die Wirtschaft mit immer mehr Geld und kreditfinanzierten Ausgabenprogrammen wieder in Schwung zu bringen.

Im vergangenen Jahr legte das BIP zwar noch um knapp drei Prozent zu. Doch die Hälfte des Wachstums war allein darauf zurückzuführen, dass die Unternehmen ihre in der Krise geräumten Lager wieder aufgefüllt haben. Diese Impulse entfallen jetzt. Damit wird deutlich, dass mit dem Platzen der Immobilienblase das langfristige Produktionspotenzial der amerikanischen Wirtschaft gesunken ist. Arbeitskräfte, Maschinen und Gebäude, die in der künstlich aufgeblähten Wirtschaft noch gut ausgelastet waren, finden jetzt keine rentable Verwendung mehr. „Die Krise hat das Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten dauerhaft verringert“, konstatiert die OECD in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick.

Doch nicht nur das Niveau des Produktionspotenzials ist gesunken, auch die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts dürften in den nächsten Jahren enttäuschend niedrig ausfallen. Das hat mehrere Gründe.

Schulden ohne Ende

Selten war das Land politisch so gespalten wie heute. Das zeigen die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Republikanern um die Anhebung der Schuldengrenze. „Unser Land ist heute polarisierter als zu Zeiten des Bürgerkrieges“, sagt der Ökonom Kenneth Goldstein vom Forschungsinstitut The Conference Board in New York. „Es gibt kein gemeinsames Verständnis mehr, und das treibt diese Nation immer weiter auseinander.“

Als Obama vor mehr als 30 Monaten das Amt des Präsidenten in Washington antrat, galt er als der große Hoffnungsträger, der sich nichts Geringeres vorgenommen hatte, als den amerikanischen Wohlstandsstaat neu zu erfinden und die US-Wirtschaft zu retten. Amerika sollte wieder produzieren, exportieren und wachsen. Sein oberstes Ziel: ein ausgeglichener Haushalt, keine Wirtschaft mehr auf Pump. Doch kaum ein Jahr im Amt, musste seine demokratische Partei eine herbe Niederlage bei den Zwischenwahlen im November vergangenen Jahres -einstecken.

Obamas komplexe Reformagenda in der Finanz-, der Infrastruktur-, der Bildungs-, der Gesundheits- und Klimapolitik kam bei den meisten Amerikanern nicht an. Die Demokraten verloren die Mehrheit über das Repräsentantenhaus. Die Mehrzahl der Bundesstaaten wird nun republikanisch regiert.

Index für das Konsumentenvertrauen in den USA Quelle: Thomson Reuters

Seither herrscht Stillstand im Land. Unerbittlich streiten die beiden Parteien darüber, wie zukünftig der Schuldenberg abgebaut werden soll. Die Demokraten wollen neben Einschnitten bei den Sozial- und Verteidigungsausgaben auch die Steuern erhöhen. Doch Obamas Programm „tax the rich“ – lasst uns die -Reichen besteuern – ist mit den Republikanern nicht zu machen. Höhere Steuern, so argumentieren sie, schwächten die lahmende Wirtschaft noch mehr. Sie wollen daher Steuersenkungen mit drastischen Ausgabenkürzungen verbinden und eine Verfassungsänderung durchsetzen, mit der die Regierung verpflichtet wird, jedes Jahr einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Diese Pflicht gilt schon jetzt für die Bundesstaaten. Doch von einem ausge-glichenen Haushalt ist die große Mehrheit weit entfernt. Im Gefolge der Wirtschaftskrise sind die Steuereinnahmen weggebrochen, die Sozialausgaben kräftig gestiegen. Mindestens 31 Bundesstaaten weisen jetzt schon eine Haushaltslücke von fast 90 Milliarden Dollar für das Haushaltsjahr 2012 aus, das am 1. Juli begonnen hat.

Auch wenn es keinen Länderfinanzausgleich wie in Deutschland gibt, so hat die US-Regierung in den vergangenen zwei Jahren doch insgesamt 140 Milliarden Dollar für Krankenversicherung und andere Dienste an die Staaten gezahlt. Weitere zehn Milliarden Dollar bewilligte Washington für Bildungsprogramme. Muss die Regierung demnächst sparen, kann sie die Bundesstaaten nicht mehr unterstützen. Etlichen Bundesstaaten wie etwa Kalifornien und Illinois hat die Ratingagentur Moody’s längst die Kreditwürdigkeit abgesprochen. Die Zahlungsfähigkeit von zwölf weiteren Bundesstaaten will die Agentur prüfen, falls Washington es nicht schafft, die Schuldengrenze der USA rechtzeitig anzuheben.

Trickreiche USA

Bereits im Mai hatten die USA die gesetzlich festgelegte Schuldengrenze von 14 294 Milliarden Dollar erreicht. Seitdem hält sich das Land nur durch buchhalterische Tricks über Wasser. Doch spätestens Anfang August ist Schluss damit. Dann müssen die USA ihr Schuldenlimit anheben, andernfalls ist der Staat gezwungen, einen Großteil seiner Ausgaben zu streichen. Egal, wie das Hickhack in Washington ausgeht, ein harter Sparkurs ist frühestens für die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen Ende 2012 zu erwarten.

Noch haben die Finanzmärkte ihr Vertrauen in die größte Volkswirtschaft der Welt nicht verloren. Die eskalierende Krise in der Euro-Zone treibt die Investoren vielmehr in amerikanische Staatsanleihen. Doch das könnte sich schnell ändern. Prognosen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge werden die Staatsschulden der USA 2011 auf 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts klettern – in der Euro-Zone liegt dieser Wert nur bei 87 Prozent.

Rechnet man die impliziten Schulden, also die Zahlungsversprechen der Sozialsysteme hinzu, ergibt sich nach Berechnungen von Laurence Kotlikoff, Professor an der Universität Boston, ein Schuldenstand von 200 Billionen Dollar. Das entspricht rund 1300 Prozent in Relation zum BIP.

Barack Obama Quelle: laif

Entziehen die Investoren Amerika ihr Vertrauen, hätte das dramatische Folgen. Der Dollar ginge auf Talfahrt, die Zinsen schnellten nach oben, die Aktienkurse brächen ein, die Wirtschaft stürzte in die Rezession. Ein Chaos an den Finanzmärkten mit weltweiten Auswirkungen wäre unvermeidbar.

Doch selbst wenn den USA der Finanz-GAU erspart bleibt – der Weg aus dem Schuldenmorast wird mühselig. Die Hoffnung, Amerika könne aus seinen Schulden herauswachsen, ist Illusion. So zeigen Studien des Harvard-Ökonomen Kenneth Rogoff, dass bereits ab einer Schuldenquote von 90 Prozent das Wirtschaftswachstum nachlässt. Um ihr AAA-Rating zu retten, müssen die USA daher den Gürtel enger schnallen.

Wie eng, zeigen Berechnungen der OECD. Danach müssen die USA den konjunkturbereinigten Primärsaldo (ohne Zinsausgaben) in ihrem Haushalt um insgesamt 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verbessern, wenn sie die Schuldenquote bis 2026 auf 60 Prozent des BIPs drücken wollen. In keinem anderen Industrieland – außer Japan – ist der Konsolidierungsbedarf größer. Selbst Griechenland muss mit 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts weniger sparen, um seine Schuldenquote auf 60 Prozent zu senken.

Harm Bandholz, US-Chefökonom der italienischen Bank UniCredit, rechnet für die nächsten Jahre daher bestenfalls mit einem Wirtschaftswachstum zwischen 2,0 und 2,5 Prozent. Conference-Board-Ökonom Goldstein schätzt, dass die Wirtschaft auf absehbare Zeit sogar nur noch zwischen ein und zwei Prozent wachsen wird.

Mehr Langzeitarbeitslose

Noch machen Unternehmen aus Deutschland gute Geschäfte im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Doch eine exklusive Umfrage der Unternehmensberatung Droege für die WirtschaftsWoche zeigt, dass auch die US-Manager deutscher Unternehmen für die nächsten Jahre mit deutlich weniger Wachstum rechnen. Für die USA ist das ein bitterer Abstieg, gingen Ökonomen vor einigen Jahren doch noch davon aus, der langfristige Wachstumstrend werde bei etwa drei Prozent liegen.

Die Ungewissheit darüber, wie es finanzpolitisch weitergeht, bremst die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Im vergangenen Jahr haben sie nur 1,9 Millionen neue Stellen geschaffen. Gleichzeitig sind im öffentlichen Dienst, bei Lehrern, Feuerwehr und Polizei 659 000 Stellen gestrichen worden. Die Arbeitslosenquote kletterte im Juni auf 9,2 Prozent, fast doppelt so hoch wie vor der Finanzkrise.

Kräftig zugelegt hat nur die Zahl der Jobs in der privaten Dienstleistungsbranche, überwiegend Niedriglohnjobs, etwa in der Gesundheitspflege oder in der Gastronomie. Von Dezember 2009 bis Juni 2011 sind dort 200 000 neue Jobs entstanden.

Dagegen gehen in der Industrie und im Baugewerbe gut bezahlte Jobs verloren. Lockheed Martin, einer der größten Waffenhersteller der Welt, will 1500 Jobs streichen, der Telekommunikationskonzern Cisco 6500.

Haushaltsdefizit und Staatsschulden der USA Quelle: IWF

Die Chancen, rasch einen neuen Job zu finden, sind schlecht. Dazu trägt auch bei, dass die Mobilitätsbereitschaft gesunken ist. Durch die Immobilienbaisse sind die Häuserpreise im Schnitt um mehr als 30 Prozent zurückgegangen. Viele Bürger können ihre Häuser daher nur mit Verlust verkaufen, wenn sie einen neuen Job in einer anderen Stadt annehmen. Bereits 44 Prozent der Arbeitslosen sind länger als sechs Monate ohne Job, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Wochen. Tendenz steigend. Je länger die Menschen ohne Arbeit sind, desto stärker erodiert ihre Qualifikation – und desto uninteressanter werden sie für potenzielle Arbeitgeber.

Die Erfahrungen anderer Länder mit Finanzkrisen lassen Böses ahnen. Sie zeigen, dass die Arbeitslosenquote nach einem Crash zehn Jahre lang im Schnitt um mehr als fünf Prozentpunkte über ihrem Vorkrisenniveau verharrt. Danach muss sich Amerika für längere Zeit auf Arbeitslosenquoten um die zehn Prozent einstellen – mit negativen Folgen für Einkommen, Konsum und Wachstum.

Anders als Europa sind die USA auf Langzeitarbeitslosigkeit nicht vorbereitet. Seit 1980 hat Washington die Mittel für die aktive Arbeitsmarktpolitik real um 60 Prozent gekürzt. Programme, die Langzeitarbeitslose wieder in Lohn und Brot bringen, gibt es daher kaum.

Schlechte Bildung

Bessere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt hat, wer den Abschluss auf einer Eliteuni nachweisen kann. Doch in einer Welt, in der sich Ideen durch neue Technologien rasch verbreiten und Produktionsprozesse verlagerbar sind, reicht es nicht aus, nur über eine top ausgebildete Elite zu verfügen. Ebenso wichtig ist der qualifikatorische Mittelbau, die Facharbeiter, die in der Lage sind, neue Ideen in Produkte umzusetzen. „Diese Arbeitskräfte fehlen uns hier“, sagt US-Ökonom Vivek Ghosal.

Vor allem den Technologieunternehmen fehlt es an Personal. „Man kann einen Fahrstuhl-Mechaniker nicht über Nacht in einen Softwareprogrammierer umschulen“, sagt Bernard Baumohl, Ökonom beim Forschungsinstitut The Economic Outlook Group in Princeton.

Knapp 36 Prozent der von der Unternehmensberatung Droege befragten deutschen Unternehmen gaben an, in den USA zwar hervorragend ausgebildete Führungskräfte zu finden. Rar seien dagegen Facharbeiter, die die Innovationen auf die Straße bringen. „In den USA fehlt eine strukturierte Ausbildung von Facharbeitern, wie sie Deutschland mit der dualen Berufsausbildung besitzt“, erklärt Lars Knorn, Managing Director von Droege in New York.

Das Problem beginnt schon in der Schule. Nach Angaben der OECD belegen die USA bei den naturwissenschaftlichen Kenntnissen der 15-jährigen Schüler im internationalen Vergleich nur Rang 17, bei den mathematischen Fähigkeiten kommen sie nur auf Platz 25.

Kreditmarktschulden aller Sektoren in den USA Quelle: UniCredit

Eine Trendwende zum Besseren ist nicht in Sicht. Das Bevölkerungswachstum wird hauptsächlich von Farbigen und Hispanics getrieben – Bevölkerungsgruppen mit eher unterdurchschnittlichen Bildungsniveaus. Da demnächst die gut ausgebildeten älteren Jahrgänge aus der weißen Bevölkerung aus dem Arbeitsleben ausscheiden, wird die durchschnittliche Qualifikation der Erwerbstätigen sinken. Dale Jorgensen, Professor an der Uni Harvard, fürchtet daher, dass sich das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktivität in den nächsten zehn Jahren auf durchschnittlich nur noch 1,5 Prozent verlang-samen wird. In den vergangenen 20 Jahren hatte es noch bei zwei Prozent gelegen.

Dass es gering Qualifizierte am Arbeitsmarkt schwer haben, ist auch auf die Talfahrt der Bauindustrie zurückzuführen. In den Zeiten des Baubooms saugte die Branche viele Schulabbrecher und Einwanderer ohne Berufsausbildung auf. Doch seit dem Platzen der Blase befindet sich der Bau auf Talfahrt.

Schwache Investitionen

Das Überangebot an Häusern drückt die Preise unter die Kredite, die die Bauherren für den Kauf aufgenommen haben. Viele Hausbesitzer stellen deshalb ihren Schuldendienst ein, die Banken müssen die Immobilien zwangsversteigern. Das wiederum erhöht das Angebot und lässt die Preise weiter sinken. Immer mehr Hausbesitzer geraten so in die Überschuldung. Ein regelrechter Teufelskreislauf.

Die sinkenden Preise bremsen nicht nur den Bau neuer Häuser. Sie drücken auch auf die Konsumlaune der Bürger. Frühestens wenn sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannt und die Einkommenserwartungen steigen, so die Ökonomen des Finanzdienstleisters Global Insight, werde sich der Immobilienmarkt erholen. Vor Mitte 2012 sei damit jedoch nicht zu rechnen.

Daher wäre es wichtig, dass die Unternehmen nun kräftig in neue Maschinen und Anlagen investieren. Doch bisher haben sie es vorgezogen, ihre Gewinne in Aktienrückkäufe und in Direktinvestitionen im Ausland zu stecken. Nach Berechnungen von UniCredit-Ökonom Bandholz haben die Betriebe von 2006 bis 2010 zwei Billionen Dollar in den Rückkauf eigener Aktien investiert, 1,4 Billionen Dollar flossen in Direktinvestitionen jenseits der Grenzen. „Wären die Gelder im Inland investiert worden, wären die Ausrüstungsinvestitionen um 70 Prozent höher ausgefallen“, sagt Bandholz.

Die Unternehmen, die in den USA investieren, geben ihr Geld vornehmlich für den Ersatz alter Anlagen durch neue aus. Da diese aber meist dazu dienen, die Produktivität zu erhöhen, vernichten sie eher Arbeitsplätze, als neue zu schaffen. Beispiel GM: Der Autokonzern hat für den Bau seines ersten Kompaktwagens in den USA seine Produktionslinie erneuert. Die Fabrik ist nur halb so groß wie eine herkömmliche Anlage – und operiert mit einer um 25 Prozent kleineren Belegschaft.

Steht Amerika also vor jahrelangem Siechtum? Nicht unbedingt. Rettung könnte ausgerechnet aus China kommen. Lange Zeit hat das Riesenreich mit seinen Niedriglöhnen der US-Industrie das Leben schwer gemacht. Doch in den nächsten Jahren könnte sich das ändern, wie eine Studie der Boston Consulting Group (BCG) zeigt. Die Berater haben errechnet, dass die Löhne in China um rund 17 Prozent pro Jahr zulegen. Zudem werte der Yuan beständig auf. Das verringert den Abstand zu den US-Löhnen.

Vergleicht man chinesische Hochlohnregionen wie Shanghai und Tianjin mit Niedriglohnregionen im Süden der USA, werden die Lohnstückkostenvorteile Chinas in den nächsten fünf Jahren auf 30 Prozent schrumpfen, erwarten die BCG-Ökonomen. Der Gesamtkostenvorteil läge dann nur noch bei 10 bis 15 Prozent. Berücksichtigt man zudem die Kosten für Lagerhaltung und Transport, verringert sich der Kostenvorteil auf einen einstelligen Prozentsatz oder verschwindet ganz. Harold Sirkin, Partner bei BCG, ist daher überzeugt: „In den nächsten fünf Jahren wird es wieder mehr Produkte made in USA geben.“

Erste Zeichen dafür existieren bereits. Jeffrey Immelt, Chef des Industriegiganten GE, kündigte kürzlich an, wieder mehr im eigenen Land zu investieren. Immelt will jetzt vor allem High-Tech-Produkte wie Flugzeugmotoren und Gasturbinen verstärkt in den USA bauen und in diesem Jahr 1000 Ingenieure einstellen. Im -Gasturbinenwerk in South Carolina sollen zu den 3000 Beschäftigten 100 neue dazukommen. In den Südstaaten sind die Löhne niedrig, Gewerkschaften spielen keine Rolle. Hier haben auch viele deutsche Firmen wie BMW oder Bosch ihre Werke.

Auch der US-Flugzeughersteller Boeing will seine neuen Langstreckenflieger Dreamliner in South Carolina bauen und dort über 3500 Mitarbeiter beschäftigen. Nikki Haley, die neue republikanische Gouverneurin des Bundesstaates, lockte den US-Konzern mit niedrigen Löhnen.

Gegen den Mangel an Fachkräften geht Haley zielstrebig vor. Sie steckt 45 Millionen Dollar in ein Aus- und Weiterbildungsprogramm, damit Boeing qualifizierte Arbeitskräfte findet, die ab 2012 in der Stadt Charleston die Flugzeuge zusammenbauen. Haley lobt das 750-Millionen-Dollar-Investment des US-Konzerns in der von hoher Arbeitslosigkeit gebeutelten Region: „Danke Boeing – ihr lasst Amerika nicht im Stich.“

America, we need you!

Ob die Investitionsoffensive in den Südstaaten das Vorzeichen für ein Wiedererstarken Amerikas ist, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Schaffen die USA es nicht, ihre Schulden abzubauen und die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen, hat das dramatische Konsequenzen. Mit einem Anteil von rund 23 Prozent am globalen BIP sind die USA noch immer der wichtigste Taktgeber für die Weltwirtschaft. Ohne ein wirtschaftlich gesundes Amerika wird auch China der ökonomische Aufstieg nicht gelingen. So sind die USA neben Europa der wichtigste Abnehmer für Produkte made in China. Fällt Amerika wirtschaftlich aus, werden auch die Wachstumsraten in China zurückgehen. Das bekäme die deutsche Wirtschaft schmerzlich zu spüren. Mehr als zwölf Prozent der deutschen Exporte gehen nach USA und China.

Ein schwaches und überschuldetes Amerika droht darüber hinaus seine zentrale Rolle im Weltwährungssystem zu verlieren. Als Produzent globaler öffentlicher Güter wie Weltsicherheit und Freiheit werden die USA dann ausfallen. „Die Welt hat ihre Lieferanten globaler öffentlicher Güter in der Vergangenheit schon des Öfteren gewechselt“, sagt Mohamed El-Erian, Chef des weltgrößten Anleihehändlers Pimco. Zum Beispiel nach dem Zweiten Weltkrieg, als die USA die Rolle der globalen Führungsmacht von Großbritannien übernahmen. „Doch anders als damals“, warnt El-Erian, „ist heute kein Land bereit und imstande, diese Aufgabe zu übernehmen, falls die USA nicht die Kurve kriegen.“.

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