WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

USA Wie Barack Obama die Weltwirtschaft retten will

Seite 2/4

Wall Street-Broker: Obama will Quelle: AP

Bala Balachandran, 71, emeritierter Professor für Buchführung an der Kellogg School of Management in Chicago und Gelegenheitsberater von Obama, kann es gar nicht erwarten. Er bilanziert verbittert, dass die Politik der niedrigen Steuern, des billigen Geldes und der fortgesetzten Kredite nichts als „staatlich organisierter Betrug“ gewesen sei. Washington habe die Bevölkerung über ihre prekäre Lage hinweg getäuscht, sich im Namen der „heiligen Angebotslehre“ den Sozialstaat erspart – vor allem auf Kosten der Minderheiten. Auf diese verlogene Weise, so Balachandran, sei eine „vanity-calamity-insanity-society“ entstanden, eine Dreiklassengesellschaft, die sich im oberen Einkommenssegment durch Ignoranz und Eitelkeit auszeichnet, im mittleren durch Bedrängnis und Schwierigkeit – und im unteren durch Krankheit und Fäulnis.

Man muss sich nicht mehr als zwei, drei Meilen aus Chicagos City herausbewegen, um zu sehen, was Balachandran meint. North Lawndale etwa und Englewood, zwei trostlose Viertel im Westen und Süden der Stadt, wie man sie auch in Nairobi oder Luanda findet; schwarze Jugendliche stromern durch die Straßen, halten Ausschau nach Gelegenheiten für den zwangsweisen Gelderwerb: Es empfiehlt sich, 20 Dollar zur Hand zu haben, sobald man gestellt wird. „Wer weiß, was hier in den nächsten Monaten noch alles passiert“, sagt Richard Longworth, 74, eine Reporterlegende der „Chicago Tribune“. Longworth hat vor anderthalb Jahren ein Buch geschrieben über den wirtschaftlichen Niedergang in den Industrie- und Landwirtschaftsgürteln des Mittleren Westens („Caught in the Middle“) – vor der Krise. Jetzt ist im Bundesstaat Michigan die Arbeitslosenquote im März auf 12,6 Prozent geklettert; in einigen Schwarzen-Vierteln der Großstädte sogar auf mehr als 50 Prozent, sagt Longworth. Soziale Mobilität klinge für viele Schwarze nur noch wie ein Märchen aus der Vergangenheit. Die Schulen seien in einem erbärmlichen Zustand. Ganze Viertel fielen in Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Verelendung zurück. „Es ist die stille Rückkehr der Segregation“, sagt Longworth, und: „Höchste Zeit, dass etwas passiert.“

Dave Devonshire, 63, hat da eine etwas andere Sichtweise. Er ist vor zwei Jahren als Finanzvorstand bei Motorola ausgeschieden und genießt es, jeden Morgen vor der Wahl zu stehen, entweder mit einem seiner fünf deutschen Luxuswagen oder mit dem Jaguar in die Stadt zu fahren. Meistens entscheidet er sich für den 650i, „ein spektakuläres Auto“, sagt Dave, „wirklich sensationell“. Dave ist ein Mann der alten Schule, ein Praktiker, der keine Bücher liest, sondern Geld verdient, der noch nie von Paul Krugman gehört hat und auch gar nicht wissen will, was so ein Nobelpreisträger alles von sich gibt. Er sitzt in zahlreichen Aufsichtsräten, investiert in das eine oder andere Unternehmen – und hat überhaupt nichts dagegen einzuwenden, „ein paar Steuern mehr zu zahlen“. Obamas Performance sei souverän, er höre zu, mache eine gute Figur – und führe die Regierung „im Prinzip so straff und smart wie ein Unternehmen“.

Rekorddefizit im Regierungsjahr

Das Einzige, was Dave besorgt, ist, dass Obama nicht genügend Geld ausgibt, um die Wirtschaft wieder schnell in Gang zu bringen, dass zu viel langsames Geld in Richtung Gesundheit und Bildung und erneuerbare Energien fließt – und zu wenig schnelles Geld in Banken, Arbeit, Infrastruktur. „Jeder Konjunkturzyklus beginnt mit gesunden Banken“, sagt Dave. „Wir sind eine Nation von Konsumenten“, sagt Dave. „Wir brauchen jetzt Jobs und nichts anderes“, sagt Dave. Obama wolle zu viel auf einmal. Solange das Feuer noch brennt, solle man noch nichts Neues aufbauen.

Obama und sein ökonomischer Chefberater Larry Summers haben dem stets entgegengehalten, das Risiko, zu viel zu tun, sei kleiner als das Risiko, zu wenig zu tun. Summers lag nur daran, das 787 Milliarden Dollar schwere Konjunkturpaket zu verteidigen, das die Regierung auf den Weg gebracht hat; für Obama selbst ist staatlicher Interventionismus das Signet seiner Präsidentschaft. Jahrelang hat er als „Community organizer“ im Süden Chicagos die Welt ein klein bisschen besser zu machen versucht; jetzt möchte er das große Rad drehen, eine „Great Society“ schaffen. Das Problem ist, dass er sich dabei dem Verdacht aussetzt, aus der Not der Wirtschaftskrise eine staats-kameralistische Untugend zu machen.

Begleicht Obama wirklich noch die Rechnung, die die Finanzmarkt-Sozialdemokraten der Regierungen Reagan ff. ihm hinterlassen haben – oder bürdet sein 3,5 Billionen Dollar schwerer Haushalt für 2010 den Amerikanern heimlich schon die ersten Kosten seines vorsorgenden Sozialstaates auf? Ohne die zunehmende Gefühllosigkeit der Bevölkerung gegenüber astronomisch hohen Zahlen jedenfalls hätte Obama ein erwartetes Rekorddefizit von rund 1,8 Billionen Dollar kaum durchsetzen können. 1,8 Billionen – das ist gut dreieinhalb mal so viel wie Bush dem Land auf dem Höhepunkt seiner unverantwortlichen Schuldenpolitik zumutete.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%