WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

USA Wie Barack Obama die Weltwirtschaft retten will

Seite 3/4

Steuerzahler-Protest: Jeder Amerikaner steht mit 200.000 Dollar Staatsschulden in der Kreide. Quelle: REUTERS

Für Roger Nelson, 71, ist die Sache klar. „Obamas Politik ist ein Desaster“, sagt der ehemalige Consulting-Chef von Ernst & Young und heutige Aufsichtsrat des „Institute for Truth in Accounting“, einer Art Gralshüter gegen die Verschwendung von Steuergeldern mit Sitz in Northbrook, nördlich von Chicago. Die Gesamtverschuldung der USA, so rechnet Nelson vor, liege bei rund 11,2 Billionen Dollar – gegenüber an einem Bruttoinlandsprodukt von rund 14 Billionen. In den nächsten Jahren werde Obama die Schulden über das BIP hinaustreiben, aber das sei noch lange nicht das größte Problem. Rechne man die Pensionsforderungen und Gesundheitskosten einer alternden Bevölkerung hinzu „und all die Segnungen einer Anspruchsgesellschaft, mit denen Obama Amerika in den nächsten Jahren beglückt“, liege der tatsächliche Schuldenstand der USA bei 61 Billionen. „Jeder Amerikaner, vom Baby bis zum Greis, steht mit 200.000 Dollar in der Kreide“, sagt Nelson – und „dann kommt Obama, organisiert seine Regierung als Versicherungsgesellschaft – und will die Nation in eine Richtung steuern, die ihren inneren Prinzipien widerspricht“.

Nelson war durchaus hoffnungsfroh. Er hat dem Kandidaten „ein bisschen Geld geschickt“ und ein Buch zur geneigten Lektüre, in dem die Misserfolge der New-Deal-Politik von Franklin Roosevelt in den Dreißigerjahren beschrieben sind. Zurück kam ein Formbrief, der weder das Geld erwähnte noch das Buch. „Hätte er’s gelesen, wären wir heute besser dran“, resümiert Nelson trocken und bringt ein paar gute Argumente. Stichwort Produktivität: „Das Wort taucht in Obamas Wortschatz gar nicht auf“, sagt Nelson, „das heißt, er versteht die ganze Idee nicht, dass Produktivität Wachstum und Arbeit schafft“. Stichwort Steuern: „Wenn Obama wirklich weg will von der Konsumgesellschaft – warum besteuert er dann nicht den Konsum, sondern die Energieunternehmen?“

Sehenden Auges in die Katastrophe

Nelson sieht die amerikanische Wirtschaft unter Obama sehenden Auges in die Katastrophe steuern: „Was, wenn die Schulden weiter steigen, der Dollar an Vertrauen und Wert verliert, die Inflation an Fahrt aufnimmt und die Zinsen steigen? Dann“, antwortet Nelson sich selbst, „war die Finanzkrise nur ein Vorspiel.“

Obama ficht das nicht an. Solange das Feuer brennt, kümmert er sich nicht um die Wasserschäden; Ben Bernanke, der Notenbankchef, wird’s beizeiten schon richten. Im Übrigen hat Obama Größeres im Sinn als die Bewältigung der Rezession; sie ist ihm nur das Vehikel für seine Weltumbaupläne. „Du darfst niemals eine ernste Krise ungenutzt verstreichen lassen“, hat Obamas Stabschef Rahm Emanuel einmal gesagt – und Obama hält sich daran. Und so liegt die Sensation seiner ersten 100 Tage darin, dass Obama im Handumdrehen einen neuen, paradoxen Politikertyp kreiert hat: den des zweifelnden Entscheiders und wägenden Antreibers. Niemand fragt mehr danach, ob Obama als politisches Greenhorn bereit sei für den wichtigsten Job der Welt; vielmehr wäre die entscheidende Frage heute: Ist die Welt bereit für Barack Obamas Prüfaufträge?

Rastlos überrascht Obama die staunende Öffentlichkeit mit immer neuen Initiativen, permanent stößt er ein weiteres Projekt an, unablässig erweitert er unseren politischen Gesichtskreis. Obama hat die Schließung von Guantanamo angeordnet und den Truppenabzug aus dem Irak, er hat dafür gesorgt, dass amerikanische Frauen ihr Recht auf gleichen Lohn einklagen können und die Restriktionen für die Forschung an Stammzellen aufgehoben. Obama hat Iran, Kuba und der gesamten islamischen Welt die Hand gereicht, sich gegenüber China, Indien und Europa für amerikanischen Hochmut und Hohn entschuldigt, er hat Millionen von Kindern in den USA eine Gesundheitsversorgung ermöglicht, den Chef von General Motors zum Rücktritt gezwungen, drei Piraten vor Somalia erschießen lassen und die Vision einer atomwaffenfreien Welt wiederbelebt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%