USA Wie Denkmäler zu Gewalt anstacheln können

Immer wieder versuchen Rechtsradikale, die Ideologie einer weißen Vorherrschaft zu normalisieren. Der Denkmäler-Streit in Charlottesville und anderswo zeigt, die Wunden der US-Geschichte sind nur oberflächlich verheilt.

Die traurigen Ereignisse von Charlottesville, Virginia, löste er aus: Robert Lee, Südstaaten-General. Denkmäler solcher Art stehen für viele gleich mit Rassismus und Rassentrennung, weshalb sie oft beschädigt werden. Quelle: Reuters

New YorkWarum ist es in Charlottesville zu gewalttätigen Auseinandersetzungen wegen eines Denkmals gekommen? Die Antwort auf die Frage ist komplex, und sie reicht weit zurück in die Geschichte Amerikas.

Zunächst bleibt festzuhalten: Charlottesville ist kein Einzelfall, wenn auch ein besonders schrecklicher Fall. In vielen Städten der Südstaaten werden Statuen abgebaut, die Charakteren aus der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs gewidmet sind. Die Südstaaten trennten sich damals von den Nordstaaten, weil sie die Sklavenhaltung aufrechterhalten wollten. Insgesamt gibt es heute rund 1500 Namen von Plätzen und Straßen sowie andere Formen des Andenkens an Politiker und Generäle, die für den Süden gekämpft haben.

New Orleans hat gleich vier Monumente abgerissen. Eines davon war einem blutigen Aufstand aus dem Jahr 1874 gewidmet, mit dem sich Weiße gegen die Einführung einer „integrierten“ Polizei mit Schwarzen und Weißen gewehrt hatten. Zwei andere Statuen waren Südstaaten-Generälen gewidmet, einer davon war Robert Lee, um den es auch in Charlottesville geht. Und die vierte stellte Jefferson Davis dar, den Präsidenten der abtrünnigen Südstaaten-Konföderation.

Dieser Abbau hat wütenden Protest hervorgerufen, ein Parlamentarier forderte sogar, die Leute zu lynchen, die dafür verantwortlich sind, entschuldigte sich später aber. Anstoß für die neue Bewegung zur Abschaffung dieser Denkmäler gab unter anderem ein Vorfall aus dem Jahr 2015: In Charleston, im Bundesstaat South Carolina, erschoss ein weißer Rassist neun Menschen einer schwarzen Kirchengemeinde. Auf den Sozialen Netzwerken zeigte sich der junge Mann oft mit der Flagge der Südstaaten. South Carolina entschied darauf, diese Flagge, die bis dahin auf dem Kapitol des Staats geweht hatte, offiziell abzuschaffen.

Der Streit reißt alte Wunden auf, die zumindest unter weißen Amerikanern zu einem guten Teil längst ausgeheilt zu sein schienen. Amerika ist ja gut darin, die eigene Geschichte zu beweihräuchern. Der Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, eine der brutalsten militärischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts und eine der ersten, die mit moderner Infrastruktur wie Telegraph und Eisenbahn ausgefochten wurde, war weitgehend als ein Heldenmythos akzeptiert, in dem beide Seiten für eine Sache kämpften, die sie zumindest damals für gut hielten.

Zwei ökonomische und weltanschauliche Systeme prallten aufeinander: der Süden mit seinen von Sklaven bewirtschafteten Plantagen und der Norden, der den Keim einer modernen Industrienation in sich trug und die Konkurrenz der Sklavenhalter nicht nur als unmenschlich, sondern auch als unfair einstufte. Abraham Lincoln als US-Präsident war die alles überragende Figur, die die junge Nation zusammenhielt und den Norden zum Sieg führte.

Aber die Wunden sind nur oberflächlich verheilt. Der Süden hat sich von dem Verlust des Krieges und der wirtschaftlichen Grundlage der Sklaverei nie vollständig erholt. Bis heute sind Bundesstaaten wie Mississippi und Louisiana arm. Bis heute ist die Erinnerung an den Krieg lebendig geblieben, verehrt eine Minderheit der weißen Südstaatler die Flagge der damaligen vereinigten Sklavenhalter-Staaten, und dazu die Generäle, die auf dieser Seite der Front gekämpft haben.

Hinzu kommt hier und da die Frustration mancher Amerikaner im Süden, stets mit Sklaverei identifiziert und damit moralisch abgewertet zu werden. In der Tat gibt es in den nördlichen Staaten bei manchen Amerikanern ein unterentwickeltes Bewusstsein dafür, dass auch dort Sklaverei lange Zeit üblich war.

Südstaatler unternehmen jetzt den letzten Versuch, die Geschichte wenigstens zum Teil noch in ihrem Sinn zu interpretieren. Und US-Präsident Donald Trump ermutigt sie, indem er lästert, irgendwann werde auch das Andenken an George Washington der Political Correctness zum Opfer fallen. Richtig ist, dass Washington Sklaven besaß. Aber in Amerikas Geschichte steht er für den Kampf für die Befreiung von der britischen Herrschaft, und nicht für den Einsatz von Sklaverei. Richtig ist freilich auch, dass die Briten eher als die Amerikaner die Sklaverei abgeschafft haben.

Ein guter Präsident würde versuchen zu heilen, statt Salz in die Wunden zu reiben. Er würde sich dafür aussprechen, die umstrittenen Monumente in Museen oder jedenfalls in einer Umgebung aufzustellen, in der die Problematik, die damit verbunden ist, deutlich gemacht werden kann. Es gibt in einigen Städten bereits Bestrebungen in diese Richtung. Auf diese Weise könnte Amerikas Geschichte ohne Beweihräucherung lebendig bleiben, und die Verlierer des Bürgerkriegs hätten nicht das Gefühl, nachträglich von der Historie ausgeschlossen zu werden.

Barack Obama, Trumps Vorgänger, hat versucht, Amerika in eine Zukunft zu führen, die nicht mehr durch den Fluch der Vergangenheit definiert ist. Gut 150 Jahren nach dem schrecklichen Bürgerkrieg wäre es Zeit dafür. Aber historische Entwicklungen bewegen sich in den USA, im Vergleich zu technischen Trends wie Facebook und Google, im Schneckentempo. Die Geschichte ist mächtig und lässt sich durch Vernunft nur ungern zähmen. Umso schlimmer, dass die Vernunft im Weißen Haus ohnehin Mangelware geworden ist.

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