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Venezuela im Wirtschafts-Chaos Währungsreform ist nur ein Ablenkmanöver

Nichts mehr wert: Venezolanische 100-Bolivar-Noten in einer Mülltonne. Quelle: REUTERS

Dritte Währungsreform in elf Jahren: In Venezuela versucht die Regierung des Diktators Nicolás Maduro den Befreiungsschlag. Doch er wird misslingen. Dem Land wird nichts anderes übrig bleiben, als neues Geld zu drucken.

Vor fünf Jahren noch war Venezuela für Brasiliens Farmer und Lebensmittelkonzerne einer der wichtigsten Märkte weltweit. Doch mit der Krise im Karibikland sind die Exporte an Rindfleisch, Mais und Geflügel eingebrochen. Nur zwei brasilianische Produkte erleben dieses Jahr eine explosive Nachfrage in Venezuela: Für 6,8 Millionen Dollar kaufte die dortige Zentralbank im ersten Halbjahr 110 Tonnen Banknoten aus Brasilien. Dazu orderte die Geldbehörde noch 329 Tonnen an unbedrucktem Notenpapier für 4,6 Millionen Dollar. Der Grund für die massiven Geld-Importe ist die Währungsreform, welche Venezuela seit Monaten vorbereitet.

Wegen logistischer Probleme wurde die bereits um einen Monat verschoben – aber seit Dienstag sind die Bankautomaten in Venezuela mit den ersten neuen Scheinen des „Bolivar Soberano“ gefüllt. Der löst den „Bolivar Forte“ ab, von dem erst vor elf Jahren bei einer Abwertung drei Nullen gestrichen wurden. Für den „BoS“, wie er abgekürzt wird, wurden jetzt fünf Nullen gestrichen, weil die Inflation im Land bereits zu einer Hyperinflation umgeschlagen ist und sich auf die Eine-Million-Prozent-Grenze zubewegt, wie der Internationale Währungsfonds für das Jahresende prognostiziert.

Deswegen ist wahrscheinlich, dass auch die neuen Banknoten nur kurzzeitig verhindern können, dass die Venezolaner mit Tüten voller Geld auf die Straße gehen, um ihre täglichen Einkäufe zu erledigen.

Die höchste jetzt ausgegebene Banknote ist der 500-Bolivar-Schein. Auf dem Schwarzmarkt Venezuelas ist er etwa sieben Dollar wert. Offiziell soll er an die Kryptowährung Petro gekoppelt sein, welche Venezuela dieses Jahr einführte. Der Petro wiederum korreliert mit dem Ölpreis und ist heute etwa 60 Dollar wert. Das sind die offiziellen Angaben, die jedoch bisher eher für ein Informationschaos gesorgt haben. So erklärte die Regierung den gestrigen Montag vorsichtshalber zum Feiertag, um die Einführung der neuen Währung zu organisieren.
Viele Fragen sind jedoch noch offen: Wie funktioniert die Koppelung an die Kryptowährung? Ist der neue Bolivar frei konvertibel oder kann er weiterhin de facto nur auf dem Schwarzmarkt getauscht werden, weil der Kurs in den offiziellen Wechselstuben nicht attraktiv ist – keiner weiß es. Auch ist unklar, bis wann die „alten“ Bolivar neben den neuen noch akzeptiert werden.

Die ersten Kontakte mit den neuen Geldnoten waren enttäuschend: Maximal zehn Bolivar konnte der Journalist Eugenio Martínez von der Zeitung El Nacional aus dem Automaten ziehen. Doch als er dann einen Kaffee und ein Teilchen in einer der wenigen geöffneten Bäckereien bezahlen wollte, kostete das 70 Bolivar, also rund einen Dollar.

Die meisten Ökonomen bezweifeln, dass Venezuelas Regierung mit der Währungsreform ein Befreiungsschlag gelingen könnte. „Die Idee, den Bolivar an eine Ankerwährung wie den Petro zu binden, ist nicht schlecht“, urteilt etwa Asdrúbal Oliveros vom Wirtschaftsinstitut Ecoanalítica in Caracas. „Doch für mehr Stabilität bei den Wechselkursen müsste die Regierung Haushaltsdisziplin zeigen und Devisen haben, um den Wechselkurs zu stützen. Über beides verfügt sie nicht.“
Das Budgetdefizit ist der Grund, warum die Regierung ständig neues Geld drucken muss: Rund 20 Prozent der Wirtschaftsleistung BIP beträgt das Loch im Haushalt. Die Ölexporte – die einzige Devisen- und Einnahmequelle – Venezuelas sind rasant geschrumpft. Alleine seit Anfang des Jahres verkauft Venezuela nur noch nur noch rund 1,3 Millionen Fass am Tag auf. Im Januar waren es noch 1,6 Millionen, vor Jahren mal fast drei Millionen Barrel am Tag. Um die sinkenden Einnahmen zu kompensieren, will die Regierung jetzt die Mehrwertsteuer von 12 auf 16 Prozent erhöhen. Gleichzeitig sollen ab dem 1. September die Benzinpreise angehoben werden, auf internationales Niveau, wie Präsident Nicolás Maduro ankündigte.

Das ist politisch heikel. Denn bald sollen nur noch registrierte Autobesitzer billig tanken dürfen. Derzeit kann man für einen Dollar in Venezuela 600.000 Liter Benzin kaufen. Der Schmuggel mit Benzin ist zu einer wichtigen Einkommensquellen der Bevölkerung und korrupter Militärs geworden. Auf Rationierungen von Benzin oder Preiserhöhungen reagieren die Venezolaner traditionell allergisch. Mehrfach in Venezuelas Geschichte kam es dabei zu Revolten. Die Venezolaner sehen kostenlosen Sprit als eine Art Naturrecht. Schließlich besitzt Venezuela die größten Ölreserven der westlichen Welt.

Um drohenden Aufständen von vorneherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, hat die Regierung jetzt eine Anhebung des Mindestlohns um 3300 Prozent verkündet, die dritte Anpassung in diesem Jahr. Der Monatslohn soll ab sofort einen „halben Petro“, also etwa 30 Dollar betragen. Die abrupte Anhebung hat bei der Unternehmerkammer für heftigen Protest gesorgt: „Wie sollen wir ohne Cashflow bei der derzeitigen Depression in der Wirtschaft solche Löhne bezahlen?“, schimpft Fedecámaras-Präsident, Carlos Larrazábal und prognostiziert eine Entlassungswelle vor allen bei den wenigen nach jahrelangen Enteignungen noch übriggebliebenen Firmen aus dem Mittelstand. Um knapp 60 Prozent ist die Wirtschaft in den letzten sechs Jahren geschrumpft. 18 Prozent werden es dieses Jahr sein, schätzt der IWF. Für den Ökonomen David Lansberg-Rodríguez von Core Capital Management neutralisiert sich die Abwertung durch die Lohn-Erhöhung weitgehend. „Die Regierung wird bald wieder Geld drucken müssen, um sich zu finanzieren.“

Inzwischen gibt sich Präsident Nicolás Maduro reumütig: Er sei der Hauptschuldige für die wirtschaftliche Misere des Landes erklärte er, der nach fünf Jahren im Amt inzwischen als Diktator regiert, vor kurzem erstmals öffentlich. Das ist neu. Bislang gab Maduro die Schuld an dem wirtschaftlichen Desaster meist den „US-Imperialisten“, die einen Wirtschaftskrieg gegen Venezuela führen würden oder den „gierigen“ Unternehmern, die Waren hörten würden, um zu spekulieren.

Das Schuldeingeständnis könnte Maduro bald politisch um die Ohren fliegen. Für Dienstag hat die Opposition zum Generalstreik ausgerufen. Landesweite Proteste könnten auch eine andere Maßnahme auslösen, die ähnlich problematisch ist wie die Benzinpreiserhöhungen: Privatpersonen können seit zwei Wochen Dollar kaufen und besitzen. Damit hat das Regime offensichtlich Vorbereitungen getroffen, um den Dollar als offizielle Ersatzwährung zuzulassen.
Immer mehr Venezolaner sind auf die Remissen ihrer ausgewanderten Familienangehörigen angewiesen. Nur durch die Rücküberweisungen der geschätzt 2,3 Millionen ausgewanderten oder geflüchteten Familienmitglieder können viele Venezolaner heute überleben. Doch was passiert, wenn die Venezolaner ohne Zugang zu Dollars merken, dass sie nun völlig abgemeldet sind?

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