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Verkehr Umweltzonen - fast schon fremdenfeindlich

In Europas Städten blüht ein Wildwuchs von Umweltzonen. Die EU blickt nicht mehr durch, Autofahrern drohen im Ausland hohe Geldbußen.

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Innenstadt Köln Quelle: AP

Der Ratschlag ist ebenso schlicht wie absurd. „Kaufen Sie sich ein neueres Auto“, empfiehlt die Web-Site www.lowemissionzones.eu Reisenden, die mit dem Auto ins Zentrum einer europäischen Stadt fahren wollen. Es folgen Alternativen, die nicht ganz so radikal sind: „Fragen Sie nach Ausnahmeregelungen“ und: „Ändern Sie Ihre Route.“

Die völlig ernst gemeinten Hinweise betreffen mittlerweile Millionen Autofahrer: In Europa entstehen immer mehr Umweltzonen mit unterschiedlichen Anforderungen. Nicht nur jedes Land, sondern jede Stadt darf selbst entscheiden, mit welchen Auflagen sie die Luftqualität verbessern will. In Eigenregie kann sie dekretieren, welche Fahrzeuge draußen bleiben müssen.

Willkürliche Kriterien vergrößern das Chaos

Angesichts der regulativen Kleinstaaterei empfiehlt sich vor der Urlaubsreise eine umfangreiche Recherche, um unliebsame Überraschungen fern der Heimat zu vermeiden. Wer hätte gedacht, dass die Innenstadt von Palermo nur Fahrzeugen der Euronorm 4 vorbehalten ist? Und dass im Zentrum von Florenz je nach Wochentag nur Autos fahren dürfen, deren Nummer mit einer geraden oder ungeraden Zahl endet?

Die Liste der Ökoreservate ist verwirrend lang. In Deutschland haben Motorräder freie Fahrt, nicht aber in Italien. In Schweden und Dänemark gelten die Umweltzonen nur für Lastwagen und Busse. Im Großraum London dürfen Lkws ungehindert rollen, nicht aber Wohnmobile. Manche Umweltzonen gelten rund um die Uhr, andere nur zu Stoßzeiten. Auch sind die Kriterien völlig willkürlich. Manche Städte setzen auf Euronormen, andere verlangen Rußpartikelfilter. Und der ökologische Nutzen ist obendrein umstritten. Die Auto-Lobbyisten des ADAC verglichen in einer Studie benachbarte deutsche Städte mit und ohne Umweltzone und kamen zu dem Ergebnis, dass die Luftqualität nicht wesentlich variiert.

Konfusion herrscht auch beim Nachweis, dass der Wagen die örtlichen Limits einhält. Schweden und Italien fordern wie Deutschland Aufkleber am Fahrzeug. Würden alle 27 Länder ihre eigene Plakette entwerfen, lästert der Schweizer Automobilclub TCS unter Berufung auf eine Studie der TU München, so könnten Autofahrer nicht mehr durch die Windschutzscheibe schauen. Zum Glück pochen nicht alle Länder auf eigene Kleber: Manche erfassen mit Kameras die Nummernschilder der Autos – was auch keine besonders angenehme Vorstellung ist.

Die Vorgaben zu ignorieren kann für Autofahrer teuer werden. In London drohen Strafen von umgerechnet bis zu 234 Euro pro Tag, in Mailand bis zu 275 Euro. Wer in Deutschland ohne Plakette erwischt wird, muss lediglich mit 40 Euro rechnen.

Die EU-Kommission beobachtet das Durcheinander mit Sorge. Einerseits war Brüssel mit seiner Feinstaubrichtlinie der Auslöser für die Umweltzonen. Und normalerweise lautet die Kritik an Brüssel ja gerade, dort werde zu viel zentralistisch reguliert. Doch dass bei der Umweltplakette nun jeder macht, was er will, lässt in Brüssel erste Stimmen laut werden, dies sei ein Verstoß gegen den EU-Binnenmarkt.

Plakette macht es Urlaubern schwer

Die Generaldirektion Verkehr konnte sich bisher noch nicht einmal einen vollständigen Überblick verschaffen, was sich in jedem Mitgliedstaat tut. Dies soll frühestens 2010 geschehen. Verkehrskommissar Antonio Tajani wollte zwar schon 2008 einen Aktionsplan Stadtverkehr vorlegen, doch das Papier blieb in der Schublade. Gerade aus Deutschland kam viel Widerstand, weil die Kommunen argumentieren, dass sich Brüssel nicht in ihre Belange einmischen solle. Städtische Verkehrspolitik sei nun wirklich keine Aufgabe für die Europäische Union. Auch der deutsche EU-Kommissar Günter Verheugen betont, dass es keine Diskriminierung gebe, schließlich würden In- und Ausländer überall gleich behandelt.

Ob das ausländische Touristen genauso sehen, die in den kommenden Wochen nach Deutschland reisen – und sich als Erstes irgendwie eine Plakette organisieren müssen? In keinem anderen Land Europas gibt es so viele Umweltzonen wie in Deutschland (insgesamt 33), nirgendwo anders wurden die Vorgaben aus Brüssel mal wieder so ernst genommen. Das sei, so ätzt der ADAC, schon „fast fremdenfeindlich“.

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