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Verletzliches China Riesenreich der Widersprüche

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Chinesisches Biedermeier

Frank Wang Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

III. Die stille Mitte

Begeistert von den Wanderarbeitern ist Hu Jingxian nicht. „Es sind zu viele, manche von ihnen arbeiten extrem hart, das erhöht den Druck auf uns“, sagt die 25-jährige Frau und gießt bedächtig Zitronentee in eine Tasse. Hu ist in der Altstadt von Shanghai aufgewachsen. Damals hatte die Stadt nicht einmal die Hälfte ihrer heute 23 Millionen Einwohner. Eine glückliche Kindheit, sagt sie, mit vielen Kindern, Nachbarn, die sich kannten und grüßten. Eine Welt, die es heute nicht mehr gibt.

Heute lebt sie in Baoshan, einem sterilen Außenbezirk Shanghais, eine Autostunde entfernt von ihrer alten Heimat. Von ihrem Küchenfenster fällt der Blick auf ein 20-stöckiges Hochhaus gegenüber. Es ist Freitagnachmittag, ihr Mann schläft mit dem Baby im Nebenzimmer. An der Wand hängt ein Hochzeitsfoto der beiden. Hu war 23 und gerade mit dem Studium fertig, als sie heirateten. Was folgte, ist typisch für ein junges chinesisches Paar aus der Mittelschicht: Die Eltern des Ehemanns kauften eine Wohnung, in die das Paar einzog. Sie bekamen ein Kind, ihr Sohn Naonao ist jetzt 20 Monate alt.

Wie sich VW, BMW und Mercedes in China schlagen
Der größte Automarkt der WeltMit mehr als 18 Millionen neuen Pkw alleine im Jahr 2014 ist China der größte Automarkt der Welt. Fast ein Viertel aller Neuwagen weltweit werden hier verkauft. Dabei kommen auf 1000 Chinesen erst 61 Autos. In Deutschland sind es 540 auf 1000 Einwohner. Bei 1,3 Milliarden Chinesen ist das Potenzial noch riesig. Allerdings verlangsamt sich das Wachstum zusehends. Der chinesische Branchenverband geht für 2015 nur noch von drei statt sieben Prozent Wachstum aus. Auch der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet, dass sich die Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten und die Abkühlung der Konjunktur auf den Automarkt auswirken. "China schaltet einen Gang zurück. Für das gesamte Jahr rechnen wir nun mit einem Plus von maximal vier Prozent", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann dem "Focus". Bisher war der VDA von sechs Prozent ausgegangen. Was das für die deutschen Hersteller bedeutet, sehen Sie in dieser Übersicht. Quelle: dpa
Volkswagen PkwFür die Wolfsburger ist China mit Abstand der wichtigste Markt. 2014 konnten die Wolfsburger 2,76 Millionen Autos im Reich der Mitte verkaufen – genau 35 Prozent aller Autos mit VW-Emblem. Im ersten Halbjahr 2015 setzte VW nur 1,3 Millionen Fahrzeuge ab (-6,7 Prozent). Wegen der schwachen ersten sechs Monate hat die Volkswagen AG ihre Absatzprognose für das gesamte Jahr gesenkt. Bisher war man von "moderatem Wachstum" ausgegangen, jetzt spricht das VW-Management nur noch von einer Zahl "auf dem Niveau des Vorjahres". Quelle: dpa
Noch große PläneTrotz sinkender Kaufleute möchte der Volkswagenkonzern seine Produktionskapazitäten weiter aufstocken. Bis 2019 sollen 22 Milliarden Euro in den Aufbau neuer und verbesserter Werke fließen. Der Absatz soll auf fünf Millionen Fahrzeuge steigen, 30.000 neue Jobs entstehen – dann hätte VW in China über 100.000 Mitarbeiter. Aktuell betreibt VW gemeinsam mit seinen Joint-Venture-Partnern FAW und SAIC 18 Werke in China – in acht rollen fertige Autos vom Band, die anderen stellen Bauteile her. Auf einer China-Reise mit Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 kündigte VW-Chef Martin Winterkorn an, in China zwei weitere Standorte eröffnen zu wollen. Quelle: dpa
AudiDie VW-Premiumtochter verkaufte 2014 genau 578.900 (+18 Prozent) Fahrzeuge in China. Mit "nur" 274.000 verkauften Audis nach den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres (+2 Prozent) sieht es für die geplanten 600.000 Verkäufe bis Jahresende schlecht aus. Chinesischen Medien schreiben, Audi habe das Ziel auf das Vorjahresniveau gesenkt, davon berichteten Händler. Seinen rund 400 chinesischen Vertragspartnern hat Audi Ausgleichszahlungen in Höhe von insgesamt 193 Millionen Dollar zugesagt. Wegen der schwachen Nachfrage in China hat Audi hat seine weltweiten Absatzziele für 2015 zurückgeschraubt. Statt einem Plus zwischen fünf und 9,9 Prozent rechnet Audi nur noch mit drei bis vier Prozent. Anfang des Jahres glaubte Audi-Chef Rupert Stadler noch an ein Wachstum von acht bis neun Prozent. Quelle: AP
BMWDie Bayern verkauften im vergangenen Jahr 456.000 Autos in China (+17 Prozent) – ein Fünftel aller weltweit verkauften BMW. Nach dem ersten Halbjahr 2015 ist die große Euphorie verflogen. Nur 230.000 Autos (+2,5 Prozent) schlugen die Händler los. Wegen des schwächeren Geschäfts soll BMW den rund 440 Betrieben eine Kompensation von 685 Millionen Euro zahlen. BMW kommentiert die Zahl nicht. Quelle: dpa
Trotz der "neuen Normalität", wie der ehemalige BMW-Chef Norbert Reithofer das abgeschwächte Wachstum nannte, die Pläne sind längst gemacht. Die Bayern produzieren künftig sechs statt drei Modelle für den lokalen Markt. Die Kapazitäten im Werk Shenyang wachsen um 100.000 auf 400.000 Autos jährlich. Bisher machen die in China gefertigten Pkw knapp 13 Prozent der weltweiten BMW-Produktion aus, 14.000 Mitarbeiter in China sind daran beteiligt. Erst kürzlich hat der Münchener Premiumhersteller die Kooperation mit Joint-Venture-Partner Brilliance bis 2028 verlängert. Der wiederrum hat am 13. Juli 2015 eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Für das erste Halbjahr sei ein Einbruch von 40 Prozent zu erwarten. BMW legt am 4. August seine Halbjahresbilanz vor. Quelle: REUTERS
MercedesBei den Schwaben gingen im vergangenen Jahr 281.588 Autos (+29 Prozent) ins Reich der Mitte und damit 15 Prozent aller Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr fuhren in China 165.000 Autos mit Stern vom Hof – ein Plus von fast 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ein fantastisches Ergebnis für Mercedes und seinen China-Chef Hubert Troska (im Bild). Die Stuttgarter punkten mit ihrer neuen Modellpalette und profitieren von der Umorganisation ihres Vertriebs. Quelle: REUTERS

Hu und ihr Mann gehören zur neuen chinesischen Mittelschicht. Rund 300 Millionen Menschen verdienen heute in China zwischen 60.000 und 229.000 Yuan im Jahr. Bis 2022, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey, wird diese Schicht auf 630 Millionen Menschen wachsen. Sie werden ins Ausland reisen, iPhones und deutsche Autos kaufen. Sie werden auch nicht materielle Bedürfnisse entwickeln.

Jahrelang galt China als die „Werkbank der Welt“ – Produkte made in China wurden in die ganze Welt exportiert – gefertigt von Wanderarbeitern mit Billiglöhnen. Heute ist China nicht mehr billig: Im Schnitt um zehn Prozent steigen die Löhne der Arbeiter pro Jahr. Allein über den Export kann das Wirtschaftswachstum nicht mehr kommen. Der Konsum aber liegt noch bei 36 Prozent des BIPs – zu wenig. Eine flächendeckende Kranken- und Rentenversicherung gibt es noch nicht. Deswegen sparen die Chinesen noch immer zu viel, um für Krankheit und Alter vorzusorgen, anstatt die Binnennachfrage zu steigern. Die Sparquote der chinesischen Haushalte liegt bei 30 Prozent, in den USA bei fünf.

12.000 Yuan, 1800 Euro, verdient Hu im Monat. Ihr Mann arbeitet nicht, hilft aber im Restaurant seiner Eltern. Die beiden haben ein Auto, einen Dongfeng-Renault. Den nächsten Urlaub wollen sie 2017 in Frankreich verbringen, wenn ihr Sohn in den Kindergarten kann. „Wir haben eigentlich alles“, sagt Hu. Vor ihr liegt ein iPhone 6 plus. Sie spart für die Ausbildung ihres Sohnes. Naonao soll in einen zweisprachigen Kindergarten gehen. Die Aufnahmegebühr beträgt 30.000 Yuan, jeden Monat kommen 1500 Yuan hinzu.

Hu und ihr Mann sind die staatstragende Schicht Chinas – ein chinesisches Biedermeier, das nicht aufbegehrt, sondern auf das persönliche Glück und Fortkommen konzentriert ist, das still ist und auf die gute Führung in Peking vertraut.

So viel China-Umsatz steckt in den Dax-Aktien

Hu nennt Präsident Xi Jinping wie viele liebevoll „Xi Dada“, „Onkel Xi“. „Er redet nicht nur, er greift durch“, sagt sie. Xi Jinping ist es gelungen, sich selbst als Retter zu stilisieren. Für die Probleme im Land sind stets korrupte Lokalbeamte oder Kriminelle verantwortlich, nie die Regierung.

Die größte Sorge macht Hu die Umweltverschmutzung. An diesem Freitagnachmittag ist der ohnehin selten klare Shanghaier Himmel besonders trüb. 223 Mikrogramm der besonders gefährlichen pm2,5- Partikel pro Kubikmeter, sagen die Messstationen, „very unhealthy“. Auf einer deutschen Autobahn werden Spitzenwerte von 45 erreicht. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 25. Noch immer ist die Baubranche für fast ein Drittel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Das bedeutet Zement, Stahl und Energie, meist in der Form von Kohle, dominieren. Chinas Wirtschaft soll modern werden. Das klingt fortschrittlich, beinhaltet aber auch eine Drohung. Die bisherige Wachstumsgeschichte fußte auf einem sehr einfachen Prinzip: China stellte gute Rahmenbedingungen und günstiges Personal, und die Industrien des Westens steuerten Wissen bei, um gemeinsam gute Geschäfte zu machen.

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