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Verletzliches China Riesenreich der Widersprüche

Chinas Wirtschaft bebt und sendet Schockwellen in die Welt. Die Widersprüche in dem Riesenreich treten offen zutage und stellen das chinesische Modell aus autoritärer Staatsführung und freiem Markt auf die Probe.

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China zwischen autoritärer Staatsführung und freiem Markt. Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

Dienstagmorgen also entschlossen sich die Machthaber in Peking, zu machen, was sie besonders gut können: Die Realität besser klingen lassen, als sie ausschaut. Und so trat Li Pumin, der Generalsekretär der nationalen Entwicklungs- und Reformkommission, an die Öffentlichkeit und verkündete, wie glorreich die Wirtschaft des Landes im vergangenen Jahr doch gewachsen sei: Sieben Prozent habe man erreicht (offizielle Zahl des Statistikamtes: 6,9 Prozent), 13 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. „China hat“, war Li zufrieden, „2015 seine wichtigsten Wirtschaftsziele erreicht.“

Nachrichten, die nach diesem Jahresauftakt an den Märkten Asiens und der Welt etwas aus Raum und Zeit gefallen scheinen. Und zeigen, wie sehr sich Pekings Machthaber um ein gutes Bild der Lage mühen müssen. Denn seit dem Jahreswechsel hatte ihr Wirtschaftswunderreich sich vom Motor zum Horror der Weltwirtschaft entwickelt. Erschreckt durch schwächer werdende Konjunkturzahlen rauschte der chinesische Aktienindex zu Neujahr weit nach unten. Und riss zahlreiche Märkte Asiens, aber auch in Nordamerika und Europa mit.

Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

Immer wieder in den vergangenen Tagen musste die chinesische Zentralbank intervenieren, um den Yuan-Kurs zu stützen. Dann wieder wurde der Börsenhandel ausgesetzt. Das China dieser Tage ist ein anderes China, als die deutsche Wirtschaft es in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten kennengelernt hat. Es wirkt verletzlicher, widersprüchlicher.

Im Frühjahr wird die Kommunistische Partei den 13. Fünf-Jahres-Plan veröffentlichen. Seit Gründung der Volksrepublik ist das Dokument die Blaupause für die Entwicklung Chinas. Und es muss einige wesentliche Herausforderungen bewältigen:

  • China muss sein Verhältnis von Staat und Markt austarieren.
  • China muss Ideen entwickeln, wie es durch Nachfrage von innen wachsen und die dafür nötige Mittelschicht etablieren kann.
  • China muss den Wandel von der Schwer- zur Hightechindustrie hinbekommen.

Kurzum: China muss einige seiner wesentlichen Widersprüche auflösen.

I. Die Stadt der Zukunft

In der Nähe des Hafens von Shenzhen steht auf eine Tafel in goldenen Lettern geschrieben: „Time is money, efficiency is life.“ Zeit ist Geld, Leben ist Effizienz. Das ist keine Karikatur des Kapitalismus, auch keine unfreiwillige Realsatire, sondern Leitspruch einer Stadt, die wie keine andere für das moderne China steht. Als vor 30 Jahren die ersten marktwirtschaftlichen Reformen begannen, war Shenzhen an der Grenze zu Hongkong ein Fischerdorf mit 30.000 Einwohnern. Heute leben hier zehn Millionen Menschen. Shenzhen hat mit knapp 25.000 US-Dollar eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Chinas.

Etwa um dieselbe Zeit, als Deng Xiaoping 1984 der Stadt Shenzhen ihren kapitalistischen Slogan genehmigte, zogen die Eltern von Frank Wang von Hangzhou, in der Nähe von Shanghai, nach Shenzhen. Dort, an der Grenze zu Hongkong, gebe es Arbeit in Fabriken, man könne viel Geld verdienen, 60 Dollar im Monat gar. Dass ein chinesisches Unternehmen einmal zum Marktführer in einer Hochtechnologiebranche werden würde, war damals so wenig vorstellbar wie DDR-Bürger mit Bananen.

Frank Wang hat 2006 ein Unternehmen gegründet, das heute mit 70 Prozent Marktanteil zum wichtigsten Drohnenhersteller der Welt geworden ist. Heute hat Dajiang Innovations, kurz DJI, 4500 Mitarbeiter. Arbeitssprache ist Englisch. Bei DJI arbeiten junge Leute aus der ganzen Welt: Italiener, Deutsche, Schweden, Hongkong- und Festlandchinesen. Das Durchschnittsalter liegt bei 27 Jahren. DJI ist typisch für die Wirtschaftsstruktur des Perlflussdeltas. Es ist Chinas Labor, eine Zukunftsvision des 1,3-Milliarden-Landes. Hier haben heute Chinas innovativste Unternehmen ihren Sitz: Tencent, Huawei, TCL und viele andere. Die Region besteht aus einem Cluster aus elf Millionenstädten, die langsam zusammenwachsen, darunter Guangzhou, Shenzhen, Macau, Foshan, Zhuhai, Dongguan und Hongkong. So entsteht einer der dichtesten Wirtschaftsräume der Welt: 60 Millionen Menschen mit der Wirtschaftskraft von Frankreich.

Mehr freie Stellen im Servicesektor

Anhui Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

Auch zum Jahreswechsel ist es noch feucht-warm in Südchina. Im Flur der Bürogemeinschaft liegen die Schirme zum Trocknen. Die 30 Mitarbeiter von Shanp.com sind auf drei Räume verteilt, die übrigen Zimmer sind von anderen Start-ups belegt.

Liu Kan deutet auf eine Karte. Blaue Punkte markieren Jobangebote. Ein Klick darauf zeigt: Eine Logistikfirma sucht einen Paketauslieferer. Ein anderer Punkt markiert ein Restaurant, das Kellner braucht. Leute, die Shanp.com nutzen, sind die neuen Wanderarbeiter: junge, gering qualifizierte, aber internetaffine Chinesen, zwischen 18 und 35 Jahre alt. Nur noch die Hälfte der vermittelten Jobs seien in Fabriken, sagt Liu. Immer mehr freie Stellen gibt es im Servicesektor: Paketauslieferer, Kellner, Callcenter-Mitarbeiter.

„Wir sind schneller und billiger als herkömmliche Arbeitsvermittler“, sagt Gründer Liu. Der 34-Jährige trägt Jeans, weißes Hemd und eine Kapuzen-Jacke. „Für jede Vermittlung zahlt uns der Kunde 500 Yuan (rund 70 Euro). Die teilen wir mit dem Arbeitnehmer.“

Im Juli, als Shanp online ging, konnte die Plattform 78 Jobs vermitteln, im November waren es schon 594. In acht Monaten will Liu 5000 Arbeitssuchende und Unternehmen zusammenbringen – damit würde das Start-up profitabel sein.

Die Stadt Guangzhou gab bereits eine Million Euro Start-up-Finanzierung, sogar aus dem über 1000 Kilometer entfernten Nanjing kam Geld. Lius Start-up kommt zur richtigen Zeit, das wissen auch viele Politiker: Die Ära der Schwerindustrie geht zu Ende. Innovation und Konsum, nicht mehr Investitionen und Infrastruktur sollen das neue Wachstum bringen. Im letzten Jahr wuchs der Servicesektor um 8,9 Prozent und damit um drei Prozent mehr als die Schwerindustrie. Marken wie Lenovo, Huawei oder Haier expandieren global. Doch der Wandel findet langsam statt, und der Weg ist weit. Noch immer macht die Industrie über 40 Prozent des chinesischen BIPs aus – in Deutschland sind es 30.

II. Das Dorf der verlassenen Kinder

Kurz nach 16 Uhr stauen sich Dreiräder mit Elektromotor vor der Grundschule in Miaoji. Die Männer, die auf ihnen sitzen, haben furchige Gesichter und Zigaretten im Mundwinkel. Viele tragen grüne, wattierte Wintermäntel, schwer wie Decken – Restbestände der chinesischen Volksarmee, eine Größe für alle. Andere haben gefütterte Pyjamas mit bunten Mustern an, in denen sie aussehen wie Teletubbies. Die Temperaturen liegen knapp über null, auf den Dächern schmilzt alter Schnee. Die Luft riecht nach Abgasen.

Was Chinesen über Deutsche denken
WirtschaftsmachtDeutsche sehen in China eine aufstrebende Wirtschaftsmacht – offenbar ist das jedoch auch andersherum der Fall. 60 Prozent der Chinesen assoziieren mit Deutschland ein wirtschaftlich starkes Land. 62 Prozent haben großes Interesse an deutschen Produkten und Marken. Auch politisch steht Deutschland in China gut da, 57 Prozent der Befragten nehmen das internationale politische Engagement Deutschlands als positiv wahr.  Im Gegensatz zu den Befragungsergebnissen hierzulande wird die wirtschaftliche Stärke Deutschlands in China nicht mit Sorge wahrgenommen. Quelle: dpa
Automobilindustrie38 Prozent der Chinesen denken beim Stichwort Deutschland an die Automobilindustrie. 86 Prozent ist Volkswagen als Marke bekannt, 85 Prozent kennen BMW. So kommt es, dass deutsche Exporte nach China vor allem aus den Bereichen des Maschinenbau und der Automobilindustrie kommen, während China vor allem Elektronik und Textilien nach Deutschland exportiert. Quelle: dpa
BierWas für uns die Peking-Ente ist, ist für Chinesen das deutsche Bier. 19 Prozent der Befragten fällt als erstes ein kühles Weizen oder ein dunkles Altbier ein, wenn sie an Deutschland denken. Ob es daran liegt, dass 45 Prozent der Chinesen sich vorstellen könnten, in Deutschland zu leben? Quelle: dpa
Industrie/Technologie19 Prozent der Chinesen assoziieren mit Deutschland eine fortschrittliche Technologie. Innovation und technischer Fortschritt sind Schlüsselbegriffe, die mit Deutschland in Verbindung gebracht werden. 83 Prozent der Chinesen halten deutsche Technologieprodukte für international wettbewerbsfähig, 87 Prozent trauen Deutschland die Herstellung von Hightechprodukten zu. Das chinesische Deutschlandbild ist somit um ein Vielfaches positiver als umgekehrt die Wahrnehmung der Volksrepublik China durch Deutschland. Quelle: dpa
CharaktereigenschaftenSpezielle Charaktereigenschaften wie Höflichkeit oder Pünktlichkeit sind gängige Klischees, die in anderen Ländern über Deutschland existieren – offenbar auch in China. Hier fallen 12 Prozent der Befragten beim Thema Deutschland bestimmte Charaktereigenschaften ein. Vor allem Höflichkeit macht das Rennen. 81 Prozent der Chinesen glauben, dass die in Deutschland die größte Rolle spielt. An zweiter Stelle kommt die Familie, die dritte Charaktereigenschaft, die Chinesen mit Deutschland verbinden, ist der Respekt gegenüber dem Alter. Quelle: AP
Deutsche Produkte11 Prozent der befragten Bevölkerung assoziieren mit Deutschland qualitativ hochwertige deutsche Produkte. Als erstes fällt Chinesen dabei oft die Firma Siemens ein, die das bekannteste deutsche Unternehmen in China ist. Generell glauben Chinesen, dass sich deutsche Investitionen auch auf dem chinesischen Arbeitsmarkt als positiv auswirken könnten. Deutschland gilt daher innerhalb Europas als wichtigster chinesischer Handelspartner. Die Huawei-Studie zeigt auch, dass die Zustimmung zu deutschen Produkten sich nach einem Deutschlandbesuch noch einmal deutlich steigert. Quelle: dpa
Natur und UmweltDeutschland als Naturparadies, so sehen zehn Prozent der Befragten unser Land. 63 Prozent haben daher sehr großes Interesse an Deutschland als Reiseland. Auch auf das Bild der Chinesen von der deutschen Umwelt- und Klimaschutzpolitik wirkt sich das aus. 42 Prozent der Befragten glauben, dass Deutschland in dem Bereich  weltweit zur Spitzengruppe gehört. Umgekehrt glaubt das nur 1 Prozent der Deutschen von China. Quelle: dpa

Die Tore der Grundschule öffnen sich. Die Dreiradmobile fahren auf den Schulhof und kommen mit Kindern beladen wieder hinaus. Keiner der Männer und Frauen ist jünger als 60. Es sind die Großeltern der Kinder. Ihre Eltern haben die meisten seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen – sie sind nach Shanghai, Peking und Guangzhou gezogen. Miaoji liegt im Kreis Fuyang in der Provinz Anhui. Die Region liegt keine 500 Kilometer westlich der Metropole Shanghai und gehört zu den ärmsten des Landes.

Knapp zehn Millionen Menschen leben hier. Das Durchschnittseinkommen liegt bei 7000 Dollar im Jahr – eines der niedrigsten des Landes und ein Viertel dessen, was die Menschen in Shenzhen verdienen.

Aus Gegenden wie Fuyang kommen die rund 260 Millionen Wanderarbeiter des Landes. Seit 1992 haben sich 400 Millionen in China aus der Armut befreit. 70 Millionen leben noch immer unter der Armutsgrenze. Weil das Einkommensgefälle zwischen Stadt und Land noch immer so groß ist, ziehen jedes Jahr junge Leute in die Städte auf der Suche nach Arbeit.

Ihr Optimismus ist der Treibstoff Chinas – solange sie es zu Wohlstand bringen können, bleibt auch das revolutionäre Potenzial der Bevölkerung gering. Mit sechs bis sieben Prozent Wachstum im Jahr, glaubt die Partei, diesen Aufstieg in ein besseres Leben gewährleisten zu können.

Chinesisches Biedermeier

Frank Wang Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

III. Die stille Mitte

Begeistert von den Wanderarbeitern ist Hu Jingxian nicht. „Es sind zu viele, manche von ihnen arbeiten extrem hart, das erhöht den Druck auf uns“, sagt die 25-jährige Frau und gießt bedächtig Zitronentee in eine Tasse. Hu ist in der Altstadt von Shanghai aufgewachsen. Damals hatte die Stadt nicht einmal die Hälfte ihrer heute 23 Millionen Einwohner. Eine glückliche Kindheit, sagt sie, mit vielen Kindern, Nachbarn, die sich kannten und grüßten. Eine Welt, die es heute nicht mehr gibt.

Heute lebt sie in Baoshan, einem sterilen Außenbezirk Shanghais, eine Autostunde entfernt von ihrer alten Heimat. Von ihrem Küchenfenster fällt der Blick auf ein 20-stöckiges Hochhaus gegenüber. Es ist Freitagnachmittag, ihr Mann schläft mit dem Baby im Nebenzimmer. An der Wand hängt ein Hochzeitsfoto der beiden. Hu war 23 und gerade mit dem Studium fertig, als sie heirateten. Was folgte, ist typisch für ein junges chinesisches Paar aus der Mittelschicht: Die Eltern des Ehemanns kauften eine Wohnung, in die das Paar einzog. Sie bekamen ein Kind, ihr Sohn Naonao ist jetzt 20 Monate alt.

Wie sich VW, BMW und Mercedes in China schlagen
Der größte Automarkt der WeltMit mehr als 18 Millionen neuen Pkw alleine im Jahr 2014 ist China der größte Automarkt der Welt. Fast ein Viertel aller Neuwagen weltweit werden hier verkauft. Dabei kommen auf 1000 Chinesen erst 61 Autos. In Deutschland sind es 540 auf 1000 Einwohner. Bei 1,3 Milliarden Chinesen ist das Potenzial noch riesig. Allerdings verlangsamt sich das Wachstum zusehends. Der chinesische Branchenverband geht für 2015 nur noch von drei statt sieben Prozent Wachstum aus. Auch der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) erwartet, dass sich die Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten und die Abkühlung der Konjunktur auf den Automarkt auswirken. "China schaltet einen Gang zurück. Für das gesamte Jahr rechnen wir nun mit einem Plus von maximal vier Prozent", sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann dem "Focus". Bisher war der VDA von sechs Prozent ausgegangen. Was das für die deutschen Hersteller bedeutet, sehen Sie in dieser Übersicht. Quelle: dpa
Volkswagen PkwFür die Wolfsburger ist China mit Abstand der wichtigste Markt. 2014 konnten die Wolfsburger 2,76 Millionen Autos im Reich der Mitte verkaufen – genau 35 Prozent aller Autos mit VW-Emblem. Im ersten Halbjahr 2015 setzte VW nur 1,3 Millionen Fahrzeuge ab (-6,7 Prozent). Wegen der schwachen ersten sechs Monate hat die Volkswagen AG ihre Absatzprognose für das gesamte Jahr gesenkt. Bisher war man von "moderatem Wachstum" ausgegangen, jetzt spricht das VW-Management nur noch von einer Zahl "auf dem Niveau des Vorjahres". Quelle: dpa
Noch große PläneTrotz sinkender Kaufleute möchte der Volkswagenkonzern seine Produktionskapazitäten weiter aufstocken. Bis 2019 sollen 22 Milliarden Euro in den Aufbau neuer und verbesserter Werke fließen. Der Absatz soll auf fünf Millionen Fahrzeuge steigen, 30.000 neue Jobs entstehen – dann hätte VW in China über 100.000 Mitarbeiter. Aktuell betreibt VW gemeinsam mit seinen Joint-Venture-Partnern FAW und SAIC 18 Werke in China – in acht rollen fertige Autos vom Band, die anderen stellen Bauteile her. Auf einer China-Reise mit Kanzlerin Angela Merkel im Sommer 2014 kündigte VW-Chef Martin Winterkorn an, in China zwei weitere Standorte eröffnen zu wollen. Quelle: dpa
AudiDie VW-Premiumtochter verkaufte 2014 genau 578.900 (+18 Prozent) Fahrzeuge in China. Mit "nur" 274.000 verkauften Audis nach den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres (+2 Prozent) sieht es für die geplanten 600.000 Verkäufe bis Jahresende schlecht aus. Chinesischen Medien schreiben, Audi habe das Ziel auf das Vorjahresniveau gesenkt, davon berichteten Händler. Seinen rund 400 chinesischen Vertragspartnern hat Audi Ausgleichszahlungen in Höhe von insgesamt 193 Millionen Dollar zugesagt. Wegen der schwachen Nachfrage in China hat Audi hat seine weltweiten Absatzziele für 2015 zurückgeschraubt. Statt einem Plus zwischen fünf und 9,9 Prozent rechnet Audi nur noch mit drei bis vier Prozent. Anfang des Jahres glaubte Audi-Chef Rupert Stadler noch an ein Wachstum von acht bis neun Prozent. Quelle: AP
BMWDie Bayern verkauften im vergangenen Jahr 456.000 Autos in China (+17 Prozent) – ein Fünftel aller weltweit verkauften BMW. Nach dem ersten Halbjahr 2015 ist die große Euphorie verflogen. Nur 230.000 Autos (+2,5 Prozent) schlugen die Händler los. Wegen des schwächeren Geschäfts soll BMW den rund 440 Betrieben eine Kompensation von 685 Millionen Euro zahlen. BMW kommentiert die Zahl nicht. Quelle: dpa
Trotz der "neuen Normalität", wie der ehemalige BMW-Chef Norbert Reithofer das abgeschwächte Wachstum nannte, die Pläne sind längst gemacht. Die Bayern produzieren künftig sechs statt drei Modelle für den lokalen Markt. Die Kapazitäten im Werk Shenyang wachsen um 100.000 auf 400.000 Autos jährlich. Bisher machen die in China gefertigten Pkw knapp 13 Prozent der weltweiten BMW-Produktion aus, 14.000 Mitarbeiter in China sind daran beteiligt. Erst kürzlich hat der Münchener Premiumhersteller die Kooperation mit Joint-Venture-Partner Brilliance bis 2028 verlängert. Der wiederrum hat am 13. Juli 2015 eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Für das erste Halbjahr sei ein Einbruch von 40 Prozent zu erwarten. BMW legt am 4. August seine Halbjahresbilanz vor. Quelle: REUTERS
MercedesBei den Schwaben gingen im vergangenen Jahr 281.588 Autos (+29 Prozent) ins Reich der Mitte und damit 15 Prozent aller Fahrzeuge. Im ersten Halbjahr fuhren in China 165.000 Autos mit Stern vom Hof – ein Plus von fast 22 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Ein fantastisches Ergebnis für Mercedes und seinen China-Chef Hubert Troska (im Bild). Die Stuttgarter punkten mit ihrer neuen Modellpalette und profitieren von der Umorganisation ihres Vertriebs. Quelle: REUTERS

Hu und ihr Mann gehören zur neuen chinesischen Mittelschicht. Rund 300 Millionen Menschen verdienen heute in China zwischen 60.000 und 229.000 Yuan im Jahr. Bis 2022, schätzt die Unternehmensberatung McKinsey, wird diese Schicht auf 630 Millionen Menschen wachsen. Sie werden ins Ausland reisen, iPhones und deutsche Autos kaufen. Sie werden auch nicht materielle Bedürfnisse entwickeln.

Jahrelang galt China als die „Werkbank der Welt“ – Produkte made in China wurden in die ganze Welt exportiert – gefertigt von Wanderarbeitern mit Billiglöhnen. Heute ist China nicht mehr billig: Im Schnitt um zehn Prozent steigen die Löhne der Arbeiter pro Jahr. Allein über den Export kann das Wirtschaftswachstum nicht mehr kommen. Der Konsum aber liegt noch bei 36 Prozent des BIPs – zu wenig. Eine flächendeckende Kranken- und Rentenversicherung gibt es noch nicht. Deswegen sparen die Chinesen noch immer zu viel, um für Krankheit und Alter vorzusorgen, anstatt die Binnennachfrage zu steigern. Die Sparquote der chinesischen Haushalte liegt bei 30 Prozent, in den USA bei fünf.

12.000 Yuan, 1800 Euro, verdient Hu im Monat. Ihr Mann arbeitet nicht, hilft aber im Restaurant seiner Eltern. Die beiden haben ein Auto, einen Dongfeng-Renault. Den nächsten Urlaub wollen sie 2017 in Frankreich verbringen, wenn ihr Sohn in den Kindergarten kann. „Wir haben eigentlich alles“, sagt Hu. Vor ihr liegt ein iPhone 6 plus. Sie spart für die Ausbildung ihres Sohnes. Naonao soll in einen zweisprachigen Kindergarten gehen. Die Aufnahmegebühr beträgt 30.000 Yuan, jeden Monat kommen 1500 Yuan hinzu.

Hu und ihr Mann sind die staatstragende Schicht Chinas – ein chinesisches Biedermeier, das nicht aufbegehrt, sondern auf das persönliche Glück und Fortkommen konzentriert ist, das still ist und auf die gute Führung in Peking vertraut.

So viel China-Umsatz steckt in den Dax-Aktien

Hu nennt Präsident Xi Jinping wie viele liebevoll „Xi Dada“, „Onkel Xi“. „Er redet nicht nur, er greift durch“, sagt sie. Xi Jinping ist es gelungen, sich selbst als Retter zu stilisieren. Für die Probleme im Land sind stets korrupte Lokalbeamte oder Kriminelle verantwortlich, nie die Regierung.

Die größte Sorge macht Hu die Umweltverschmutzung. An diesem Freitagnachmittag ist der ohnehin selten klare Shanghaier Himmel besonders trüb. 223 Mikrogramm der besonders gefährlichen pm2,5- Partikel pro Kubikmeter, sagen die Messstationen, „very unhealthy“. Auf einer deutschen Autobahn werden Spitzenwerte von 45 erreicht. Der Grenzwert der Weltgesundheitsorganisation liegt bei 25. Noch immer ist die Baubranche für fast ein Drittel des chinesischen Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Das bedeutet Zement, Stahl und Energie, meist in der Form von Kohle, dominieren. Chinas Wirtschaft soll modern werden. Das klingt fortschrittlich, beinhaltet aber auch eine Drohung. Die bisherige Wachstumsgeschichte fußte auf einem sehr einfachen Prinzip: China stellte gute Rahmenbedingungen und günstiges Personal, und die Industrien des Westens steuerten Wissen bei, um gemeinsam gute Geschäfte zu machen.

Neue Bedürfnisse der neuen Mittelschicht

Casinos Macau Quelle: Eric Leleu für WirtschaftsWoche

IV. Das größte Casino der Welt

Kaum ein Land hat von der bisherigen Arbeitsteilung so profitiert wie Deutschland. Simone Pohl leitet die Deutsche Auslandshandelskammer in Shanghai. Sie hat gute Zeiten miterlebt. Jetzt fürchtet sie mit Blick auf die deutschen Unternehmen vor Ort: „Die Unternehmen stellen sich einer neuen Realität und müssen ihre Geschäftsziele nach unten korrigieren.“

Dennoch glaubt sie: „Die Transformation der chinesischen Wirtschaft bietet auch große Chancen.“ Schließlich kämen viele Chinesen mittlerweile in eine Lebenssituation, in der sie sich für mehr als das reine materielle Überleben interessieren. „Es gibt neue Bedürfnisse der neuen Mittelschicht: Umweltschutz, Lebensmittelsicherheit und Gesundheitsvorsorge im Rahmen der Alterung der Gesellschaft. Auch alle Leistungen und Produkte rund um das Thema Urbanisierung bleiben ein Megathema“, sagt Pohl.

Dass die Stimmung nicht mehr so gut ist, wie sie einmal war, lässt sich in Macau zunächst niemand anmerken: Jede der Empfangsdamen des Galaxy-Casinos ist über 1,80 Meter groß – Größe und Dauerlächeln sind Voraussetzungen für den Job. Das Galaxy in Macau ist eines der größten Casinos der Welt: 1,1 Millionen Quadratmeter, sechs Hotels, 120 Restaurants, 200 Boutiquen, im Schnitt 50.000 Gäste pro Tag. Und doch hat das Galaxy wie alle anderen Casinos ein Problem: 30 Milliarden Dollar setzten die Casinos in Macau noch 2013 um. Dieses Jahr war es nur noch die Hälfte.

Deutsche sehen China als Bedrohung
Wirtschaftsmacht37 Prozent der befragten Deutschen assoziieren mit China vor allem eine starke Wirtschaftsmacht. Faszination und Angst polarisieren hierzulande die Bevölkerung im Bezug auf Chinas ökonomische Stärke. Das Land wird als Schlüsselrolle für die eigene und internationale Entwicklung gesehen und 57 Prozent der Befragten beurteilen die deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen sogar als wichtiger als die zu den USA. Gleichzeitig geht mit dem Wirtschaftsboom Chinas aber auch die Angst einher, chinesische Unternehmen könnten deutsche Firmen von den internationalen Märkten verdrängen. 59 Prozent der Deutschen empfinden Chinas starke Wirtschaft daher als Bedrohung. Quelle: dpa/dpaweb
BevölkerungswachstumBabyboom und Bevölkerungswachstum, daran denken 20 Prozent der Deutschen, wenn sie das Stichwort China hören. Derzeit leben 1,35 Milliarden Menschen in China, die Bevölkerungsdichte beträgt 143 Einwohner pro Quadratkilometer. Doch die Bevölkerung wird noch weiter wachsen, um 0,6 Prozent pro Jahr. Für 2032 rechnen Statistiken mit 1,467 Milliarden Menschen in China, bei einer gleichbleibenden Fertilitätsrate von 1,7 Kindern pro Frau. Viele Deutsche sehen das auch als Bedrohung an. Quelle: REUTERS
Kommunismus15 Prozent fällt spontan der Kommunismus ein, wenn sie an China denken. Während China im ökonomischen Bereich erfolgreich in den internationalen Handel eingebettet wurde und sich für ausländische Investoren geöffnet hat, ist das Land politisch in den Augen der Deutschen weiterhin ein diktatorisches Ein-Parteien-System unter Führung der Kommunistischen Partei. Die ist mit etwa 78 Millionen Mitglieder nicht nur die größte kommunistische Partei der Welt, sondern auch die mitgliederstärkste Partei allgemein. Deutsche verbinden mit ihr ein vornehmlich negatives Bild. Quelle: REUTERS
Chinesische MauerMan kennt sie aus Reiseprospekten und gefühlt jedes zweite China-Restaurant ist nach ihr benannt. Nicht weiter verwunderlich also, dass 15 Prozent der Befragten mit China die Chinesische Mauer assoziieren. Sie gilt als Weltkulturerbe und erstreckt sich über 21.196 Kilometer. Früher sollte die Mauer vor allem zum Schutz vor Völkern aus dem Norden dienen, heute ist sie eine der meistbesuchten Touristenattraktionen Chinas und lockt Reisende aus aller Welt an. 36 Prozent der Befragten haben daher sehr großes oder großes Interesse an China als Reiseland. Quelle: dpa
Chinesisches EssenPeking-Ente, Reis süß-sauer - und das alles mit Stäbchen: 14 Prozent der befragten Deutschen denken beim Stichwort China an chinesisches Essen. Was Viele aber nicht wissen: Chinesisches Essen ist nicht gleich chinesisches Essen. Die meisten der 23 Provinzen Chinas haben ihre eigene Regionalküche. Zu den populärsten gehört die würzige Küche aus Sichuan, die gerne Sojasauce, Ingwer und Frühlingszwiebeln verwendet, die scharfe Xiang-Küche aus Hunan und die kantonesische Yue-Küche, die vor allem durch die Verwendung ungewöhnlicher Zutaten wie Hundefleisch bekannt geworden ist. Übrigens: Die Peking-Ente ist das berühmteste Gericht der chinesischen Küche. Quelle: REUTERS
MenschenrechtsmissachtungEbenfalls 14 Prozent fallen zu China Menschenrechtsverletzungen ein. Auf die Frage, wo sie das Land gegenwärtig und in 15 Jahren beim Schutz der Menschenrechte sehen, ordneten 60 Prozent der Befragten die Volksrepublik in die Schlussgruppe ein, nur 1 Prozent sieht China als Spitzengruppe in Bezug auf Menschenrechte. Auch das Bild Chinas als ein Rechtsstaat stößt auf wenig Zustimmung bei den Deutschen. 49 Prozent stimmten der Aussagen gar nicht zur, nur 1 Prozent sieht China als Rechtsstaat an. 80 Prozent der befragten Bevölkerung geht außerdem davon aus, dass in China kaum oder keine Debatten über politische Themen geführt werden. Quelle: dpa
Diebstahl von Ideen12 Prozent denken, China spioniere deutsche Unternehmen aus und verkaufe die Ideen aus dem Westen als eigene. Nachgebaute Ware aus China, oft zum Spottpreis, macht deutschen Unternehmen das Leben schwer. Auch das Markenimage chinesischer Produkte ist bei den befragten Deutschen schlecht. So assoziieren viele Konsumenten in Deutschland chinesische Produkte mit einfache, technisch wenig anspruchsvolle Billigware. Quelle: dpa

Wer reich ist in China, will weg. Oder zumindest sein Geld ins Ausland bringen. Viele taten das bisher über die Casinos in Macau.

Gerade erst hat der IWF zwar beschlossen, Chinas Währung in den Korb der Sonderziehungsrechte aufzunehmen, und den Yuan damit einen Schritt näher in Richtung Weltwährung gebracht. Noch immer aber gelten strikte Kapitalverkehrskontrollen. Umgerechnet 50.000 US-Dollar darf ein chinesischer Staatsbürger pro Jahr außer Landes bringen. Mittelsmänner sammelten deswegen Yuan von reichen Chinesen auf dem Festland ein und organisierten Reise und Kredit in den Casinos in Macau. Den Gewinn ließen sich die Spieler in Macau-Pataca oder in Hongkong-Dollar auszahlen.

Kurz nach seinem Amtsantritt Anfang 2013 begann Xi Jinping mit seiner Kampagne. Peking hat die Anzahl der Spieltische begrenzt und geht strenger gegen die Mittelsmänner vor. In Macau machen die Tische 95 Prozent des Gesamtumsatzes aus – einer bringt im Schnitt 6000 Dollar pro Tag. Weitergebaut wird trotzdem: Galaxy will mit „Phase 4“ den Komplex ausbauen. Ein paar Kilometer entfernt hat erst Ende Oktober das Studio City eröffnet, für das Hollywood-Stars wie Leonardo DiCaprio werben.

In Arbeit
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Das Wachstum bringen soll jetzt Chinas neue Mittelschicht. Der Plan: Kinder werden im Kid’s Club des Marriott Hotels abgegeben, Ehefrau geht shoppen oder ins Spa, Ehemann zockt – eine glückliche chinesische Familie. So sieht Pekings Hoffnung aus: innovative Unternehmen und Konsumenten mittleren Einkommens, die mit materiellen Gütern zufriedengestellt werden können, die sich nicht um Meinungsfreiheit und Demokratie kümmern, sondern auf das Wohlwollen der Kommunistischen Partei vertrauen.

Nur, was passiert mit diesem Riesenreich, wenn dieses Versprechen nicht erfüllt wird? Wenn das Wachstum ausbleibt? Die Märkte nicht ständig weitersteigen?

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