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Versorgungslücke droht Rohstoffe: Die neue Krise

Die deutsche Industrie warnt vor einer dramatischen Lücke bei der Versorgung mit Rohstoffen. Es geht vor allem um Bodenschätze, ohne die Hightech-Produktion kaum noch möglich ist. Die Exportländer, allen voran China, sorgen dafür, dass ihre Bodenschätze immer knapper und teurer werden.

Mann in einer chinesischen Quelle: REUTERS

In der Bergbaustadt Bayan-Obo in der chinesischen Provinz Inneren Mongolei, nicht weit vom westlichen Ende der Chinesischen Mauer, werden so genannte Seltene Erden gefördert: Neodym, Scandium, Gadolinium, Lanthan – Metalle, die in kleinen Mengen und meistens nebeneinander oder nahe beeinander in Erzen und komplizierten chemischen Verbindungen natürlich vorkommen. 45 Provinz der Weltproduktion und geschätzte 70 Prozent der heutzutage wirtschaftlich nutzbaren Vorkommen sind um Bayan-Obo konzentriert. Insgesamt kommt 95 Prozent der Weltproduktion aus der Volksrepublik China.

Wenn es beim Öl, beim Erdgas oder beim Stahl solch eine Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten gäbe, hätte das unvorstellbare Folgen für uns alle: ein unverzichtbarer Grundstoff der Weltwirtschaft in der Hand eines einzigen, nicht besonders vertrauenswürdigen Monopolisten!  Bei den Seltenen Erden war das dagegen nicht wichtig, solange sie für die meisten Menschen nichts waren als eine vage Erinnerung an irgend etwas im schulischen Chemieunterricht.

Wovon keine Rede mehr sein kann: Von 1997 bis 2007 hat sich die Weltfrage nach Seltenen Erden verzwanzigfacht, und  der Trend geht weiter. Je kleiner und je leistungsfähiger die Erzeugnisse der Hochtechnologie werden, desto mehr brauchen ihre Produzenten die seltenen und seltsamen Materialien aus China:

Scandium zum Beispiel, außer in China auch in Russland gefördert, findet sich in magnetischen Datenspeichern und befindet sich in fast allen modernen Hochleistungs-Beleuchtungsanlagen;Neodym, eingesetzt bei der Herstellung starker Magnete und in der Medizintechnik, kommt zu 97 Prozent aus China;Gadolinium verbessert die Qualität medizinischer MRT-Geräte und die Qualität von CDs;Lanthan ist für die moderne Metallverarbeitung und für effiziente Erdölraffinerien unverzichtbar.

120 000 Tonnen Seltene Erden produzierte China im vergangenen Jahr. Davon gingen nur 50 000 Tonnen in den Export. An der Produktionsmenge dürfte sich in diesem Jahr trotz des Aufschwungs der Weltwirtschaft wenig ändern, wohl aber an der Exportmenge: Die geht nach unten und wird sich für das Gesamtjahr 2010 nach Schätzungen auf 30 000 Tonnen reduzieren. Den Rest verbraucht die gigantisch wachsende chinesische Industrie selbst – oder er wird gehortet, um die Preise hoch zu treiben.

Dabei hat die drohende Rohstoffkrise keineswegs nur mit China und mit Seltenen Erden zu tun, wohl aber fast immer mit dem durch die technologische Revolution der Gegenwart dramatisch veränderten Rohstoffbedarf der Welt. Tantal und Niob, nötig für die Herstellung der Kondensatoren in Handys und Laptops, bezieht die Welt vor allem aus Bürgerkriegsregionen in Afrika. Gallium, wichtiger Rohstoff für Solarzellen, Leuchtdioden und Supraleiter, wird in langsam unzureichenden Mengen vor allem in den USA und in Namibia gefördert. Lithium, die große Hoffnung für den Bau batteriebetriebener Autos, findet sich in Chile, Argentinien und den USA, auch in China. Wenige große Bergbaukonzerne konkurrieren um den Erwerb kleinerer Minen – ebenso wie der chinesische Staat.

Abnehmer in aller Welt haben dieses Jahr Preissteigerungen zwischen 10 und 50 Prozent hinnehmen müssen. Und müssen sie mit Lieferengpässen rechnen,  weil die technologische Entwicklung fortschreitet und das Auftrumpfen der Rohstoffbesitzer auch.

Nach den Ölkrisen des 20. Jahrhunderts drohen also neue Rohstoffkrise – mit dem Unterschied, dass die meisten Menschen die knappen Rohstoffe bisher noch nicht einmal mit Namen kennen. Richtig also, wenn die deutsche Industrie Alarm schlägt. “Die Lage hat sich verschlechtert, die Existenz einiger Unternehmen ist gefährdet“, sagt der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel. Und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle will faire Mindeststandards im Rohstoffhandel zur Angelegenheit der Welthandelsorganisation WTO machen.

Fragt sich nur, wie viel das bringt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der deutschen Wirtschaft Unterstützung für einen ungehinderten Zugang zu internationalen Rohstoffquellen zugesagt. Das war allerdings auf einem schon etwas zurück liegenden Rohstoffkongress des BDI, im März 2007. Die Zahl der weltwieten Exportbeschränkungen für Rohstoffe ist seitdem gewaltig gewachsen – von 450 im Jahr 2008 auf fast 1000.

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