Volker Perthes "Der Islam wird sich ändern"

Der Direktor der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik fordert im Interview mit WirtschaftsWoche mehr Geduld mit den jungen arabischen Demokratien. Er hofft auf die Mobilität der gebildeten Jugend. Gleichzeitig sieht er Saudi Arabien auf interne Turbulenzen zusteuern.

Der Nah-Ost Experte und Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes Quelle: dpa/dpaweb

WirtschaftsWoche: Herr Perthes, in dem einen Jahr seit Beginn des arabischen Frühlings haben wir den Bürgerkrieg in Libyen erlebt, das Blutvergießen in Syrien, schließlich den islamistischen Wahlsieg in Ägypten. Ist das jetzt der arabische Winter?

Perthes: Ich würde am liebsten die Antwort verweigern, weil ich das nie einen „Frühling“ genannt habe. So ein Begriff fördert Ungeduld und Enttäuschung und hält uns davon ab, über langfristige Strategien nachzudenken. Die arabische Welt, die lange hinter den Entwicklungen in der globalisierten Welt zurückgeblieben war, erlebt gewiss eine historische Stunde. Aber wir befinden uns jetzt wahrscheinlich erst am Ende der ersten fünf Minuten dieser Stunde.

Politiker sind aber selten geduldig. Auch Unternehmen können sich nicht heute zum Beispiel in Syrien engagieren, weil es da in zwölf Jahren vielleicht ganz toll sein wird.

Es wird ein, zwei Jahrzehnte dauern, bis die Gesellschaften dort angekommen sind, wo sie sein wollen. Das war in Osteuropa nach 1989 auch so.

Das Jahr der Proteste
Arabischer Frühling Quelle: dpa
Occupy Wall Street Quelle: REUTERS
Stuttgart 21 Quelle: REUTERS
Euro (gegen Sparmaßnahmen) Quelle: dpa
Euro (gegen Euro-Rettung) Quelle: dapd
Tottenham Quelle: Reuters
Camila Vallejo Quelle: REUTERS
Anti-Putin-DemonstrationenIn Russland gilt das ungeschriebene Gesetz: Es darf nur demonstrieren, wer das Regime Putin unterstützt. Allein die Furcht vor den Schlagstöcken der Polizei dürften folglich viele Moskauer von der Teilnahme an einer Demonstration gegen die Führung Anfang Dezember abgeschreckt haben. Umso bemerkenswerter, dass dennoch Zehntausende Moskauer am 10. Dezember gegen die Kreml-Partei auf die Straße gehen. Sie schimpfen über angeblichen Betrug bei der Duma-Wahl und fordern den Rücktritt Putins. 52.000 Polizisten sind in der Hauptstadt aufmarschiert, in weiten Teilen halten sie sich zurück. Quelle: dpa
Hunderttausende gegen Atomkraft“Fukushima mahnt: Alle AKWs abschalten.” Gut zwei Wochen nach der Kernschmelze in dem havarierten Meiler Fukushima-Daiichi protestieren am 26. März mehr als 250.000 Menschen in Deutschland gegen die Atompolitik der Bundesregierung. Allein in der Hauptstadt ziehen rund 100.000 Kernkraft-Gegner mit Trillerpfeifen und Transparenten vom Potsdamer Platz zu einer Kundgebung vor dem Brandenburger Tor. Auch in Hamburg, Köln und München gibt es Groß-Demonstrationen. Der GAU in Japan - oder die Stimmung im Volk!? - verändert schließlich auch die Risiko-Bewertung der Kernkraft von Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Hatte sie noch ein halbes Jahr vor der Katastrophe von Fukushima eine Laufzeitverlängerung deutscher Meiler durchgesetzt, vollzog Merkel im Frühjahr und Sommer 2011 eine Kehrtwende. Ihr Kabinett beschließt: 2022 soll in Deutschland das letzte Kernkraftwerk abgeschaltet werden. Quelle: dapd
Blockade des Castor-TransportsDer Atom-Ausstieg Deutschlands ist seit einem halben Jahr beschlossene Sache. Der Castor-Transport im November wird dennoch der längste und teuerste Atommüll-Transport der deutschen Geschichte. 125 Stunden braucht der hoch gesicherte Konvoi von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague bis zu seiner Ankunft im Zwischenlager Gorleben. Alleine in Deutschland schützen ihn 20.415 Polizisten, 400 Beamte mehr als beim letzten Castor-Transport. Bei Zusammenstößen mit Linksautonomen werden 133 Beamte verletzt, die Beamten setzen zum Teil Wasserwerfer und Schlagstöcke ein. Quelle: REUTERS
Rosenmarsch gegen Gewalt Quelle: dapd

Aber es gab nicht solche Rückschritte wie derzeit in Kairo oder Damaskus.

Der Wandel in den arabischen Ländern wird eher länger dauern, und die einzelnen Staaten sind viel unterschiedlicher als in Osteuropa. In Tunesien ist der Übergang zur Demokratie offensichtlich leichter als in Ägypten, anderswo gibt es tatsächliche oder mögliche Bürgerkriege, und in einigen Ländern ist die Welle der Veränderung kaum angekommen.

Und woran liegt das?

Nehmen Sie die Ressourcen-Exporteure mit ihren Öleinkommen – da haben die etablierten Herrscher ganz andere Möglichkeiten als in dem Schwellenland Tunesien, das auf industrielle Fertigung für den Export setzt. Und genauso gewaltig wie die Unterschiede der Ressourcen sind die Unterschiede im Bildungsstand, in der Verstädterung, in der Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft.

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