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Volker Perthes "Der Islam wird sich ändern"

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"Keine Revolution , die ökonomisch nichts kostet"

Europa sollte vor allem der Jugend aus den arabischen Ländern eine Chance bieten, findet der Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Quelle: dapd

Vor einem Jahr hat Europa sich für die Aufstände begeistert, weil wir meinten, da agieren Leute wie wir selbst, die mit Twitter und Facebook für Modernisierung sorgen. Was haben wir falsch gesehen?

Die Träger der Revolten und die Wahlsieger sind eben nicht dieselben Leute. Das führt zu Enttäuschung vor allem in den arabischen Gesellschaften selbst. Die Aktivisten aus der jungen Generation sind in den neuen Parlamenten kaum vertreten. Wir dürfen sie jetzt aber nicht vergessen.

Was heißt das?

Die gebildeten jungen Leute haben voriges Jahr eine Zeit lang ihre Macht geschmeckt. Die werden wieder rebellieren, wenn die neuen Regierungen etwas tun, was sich gegen ihre Ziele von 2011 richtet: Freiheit und Würde. Die Wahlsieger wissen das glücklicherweise auch.

Wissen sie auch, dass sie die wirtschaftliche Misere bekämpfen müssen, die sich durch die politischen Wirren ja erst einmal verschlimmert hat?

Man kann keine Revolution machen, die ökonomisch nichts kostet. Wichtig ist jetzt, dass demokratisch legitimierte Autoritäten entstehen, die dann wirtschaftspolitische Entscheidungen auch durchsetzen können. Solange in Ägypten etwa die Regierung mit einem Auge auf den Militärrat schielen muss und mit dem anderen auf die Demonstranten in Kairo, droht das Chaos. Dann bleibt die Privatisierung bisheriger Staatsbetriebe ganz schwierig, weil kein ausländischer Investor weiß, mit welchem Einheimischen er eine Partnerschaft eingehen soll. Ägypten braucht jetzt auch ein Kartellrecht und ein Arbeitsrecht, weil es die Mechanismen der Diktatur nicht mehr gibt.

Sollten wir da irgendwie einwirken?

Besser regierte Partner sind auch bessere Wirtschaftspartner. Wir können in Nordafrika mit Geld helfen, aber da können wir den arabischen Golfstaaten den Vortritt lassen, schon wegen unserer eigenen Probleme. Sinnvoller wäre es, unmittelbar etwas für die Träger des Wandels zu tun, die jungen Leute mit guter Schulbildung, die in ihren Heimatländern wenig Chancen haben, ihre Bildung durch praktische Berufserfahrung auszubauen.

Woran denken Sie da?

Mehr Mobilität – dafür müssen Politiker und Unternehmen in Europa sorgen! Wenn Absolventen arabischer Hochschulen eine Zeit lang bei uns arbeiten dürften, könnten sie nach ihrer Rückkehr viel mehr für die ökonomische Modernisierung ihrer Länder leisten. Und sie wären hervorragende Ansprechpartner für Investoren, die in Nordafrika Fachkräfte oder auch Geschäftspartner suchen. Davon profitieren dann alle Beteiligten.

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