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Volker Perthes "Der Islam wird sich ändern"

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"Wirschaftsprogramme sucht man vergebens"

Eine Ansammlung von Touristen vor dem Eingang des Grabes mit der Nummer 62 von Pharao Tut-Ench-Amun im Tal der Könige. Perthes:

In welche Richtung?

In Ägypten schaffen es die Moslembrüder nicht mehr, das gesamte islamische Spektrum zu repräsentieren. Es gibt Abspaltungen in ultrakonservative wie in liberale Richtung.

Vor allem in ultrakonservative Richtung.

Das Spektrum des politischen Islams wird umso pluralistischer sein, je pluralistischer das politische System ist. Beunruhigend wäre es, wenn die großen islamisch-konservativen Parteien jetzt die radikaleren Gruppen einfangen wollten, indem sie sich ihnen anpassen. Oder aber sie entwickeln sich in Richtung konservativer Volksparteien, ähnlich der heutigen Regierungspartei in der Türkei: islamischer Konservativismus auf dem Boden einer weltlichen Staatsordnung. Islamisten in Tunesien freunden sich damit an, in Ägypten auch, aber sicherlich nicht alle.

Was wäre denn das ökonomische Programm von islamistischen Regierungen?

Wirtschaftsprogramme suchen Sie in diesen Parteien vergebens. Aber viele islamistische Politiker haben doch klare wirtschaftspolitische Vorstellungen.

Nämlich?

Islamisten kommen sehr oft aus dem kaufmännischen und gewerblichen Mittelstand. Solche kleinen und mittleren Unternehmer unterscheiden sich natürlich von den eher kosmopolitischen, auf Globalisierung orientierten Unternehmern in diesen Ländern. Sie interessieren sich sehr für die Entwicklung des jeweiligen Hinterlandes außerhalb der Hauptstädte. Sie erstreben einen freien Markt mit wenig Intervention der Behörden und in bestimmten Fällen natürlich auch Kooperation mit entwickelteren Volkswirtschaften, wozu ja schon die islamische Türkei zählt.

Also ökonomisch gesehen sind die Islamisten für uns angenehme Partner?

Aus der Mittelstandsorientierung folgen auch Sympathien für protektionistische Regelungen. Von einem protektionistischen Schutz gegen ausländische Wettbewerber verspricht sich manch ein mittelgroßer Unternehmer in einem Schwellenland die Chance auf Wachstum zum Großkonzern. Wenn das funktioniert, ändert sich natürlich die Interessenlage wieder, und dann fordert der einstige Protektionist Handelsliberalisierung. So eine Entwicklung haben wir in der Türkei erlebt.

Und das stellen sich ägyptische Unternehmer jetzt so ähnlich vor?

Jedenfalls in bestimmten Branchen: Lebensmittelindustrie, Verpackungsindustrie, kleine Maschinenbauer sehen alle Entwicklungsbedarf im eigenen Land und langfristig Chancen im Ausland.

Was unter strengem Islamismus aber gar nicht florieren kann, ist der Tourismus.

Das ist eine große Konfliktquelle in Ägypten und Tunesien, schon wegen der vielen Leute, die direkt oder indirekt vom Tourismus leben. In Ägypten ist das immerhin ungefähr jeder siebte Arbeitnehmer! Es muss ja gar nicht zu religiös motivierten Gesetzen kommen. Um viele Urlauber abzuschrecken, reicht es zum Beispiel, den Alkoholausschank in der Praxis auf Touristenhotels zu beschränken oder gemischte Badestrände zur Ausnahme zu machen.

Wird es denn dazu kommen?

Die Parteien, die jetzt in Ägypten und Tunesien gewonnen haben, betonen bisher, sie wollten hier nichts ändern. Die Ägypter und mehr noch die tunesische Ennahda-Partei wissen, wie wichtig der Tourismus für ihre Volkswirtschaft ist.

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