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Währungspolitik Das irre Comeback des US-Dollars

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Jahrelanger Gelddruck der EZB?

Ob es so weit kommt, hängt nicht nur von der Fed ab. Solange die EZB und andere Notenbanken ihre Wirtschaft mit Geld fluten und ihre Währungen schwächen, geht der Höhenflug des Dollar weiter. Die Gefahr ist groß, dass das Gelddrucken der EZB keine Sache von Monaten, sondern von Jahren wird.

Denn anders als in Amerika haben die privaten Haushalte in Europa gerade erst begonnen, ihre Schulden abzubauen. Derzeit betragen diese etwa 162 Prozent vom BIP, rund 30 Prozentpunkte mehr als beim Start der Währungsunion. Außerdem will die Notenbank via Abwertung Inflation erzeugen, um die Schuldenberge der Euro-Staaten real abzuschmelzen. „Selbst ein ansatzweises Zurückdrehen des geldpolitischen Expansionsgrades durch die EZB wird es auf absehbare Zeit nicht geben“, urteilt Ralph Solveen, Ökonom bei der Commerzbank. Für den Euro heißt das: Die Talfahrt geht weiter.

Wie also wirken sich starker Dollar und schwacher Euro auf die Realwirtschaft in Deutschland, Europa und der gesamten Welt aus? Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts werden immerhin 26 Prozent der deutschen Exporte in Dollar abgerechnet. Die USA sind außerhalb der EU Deutschlands wichtigster Handelspartner. Viele Unternehmen versetzt der herunterkrachende Euro daher in Partylaune, erhöht er doch ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

Deutschland zählt nicht zu den Hauptnutznießern

Angesichts der deutschen Exportquote von mehr als 50 Prozent erscheint das neue Wechselkursgefüge also zunächst von Vorteil. Immerhin hängt jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland direkt oder indirekt vom Export ab. Eine Faustregel besagt: Sinkt der Wechselkurs des Euro gegenüber den wichtigsten Handelspartnerländern um zehn Prozent, steigt das BIP-Wachstum um etwa 0,4 Prozentpunkte.

„In der Euro-Zone wirkt der Wechselkurs allerdings asymmetrisch“, sagt Ökonom Kater. Die größten Profiteure des schwachen Euro seien Italien, Frankreich und Spanien. Griechenland hingegen „profitiert vom schwachen Euro nur wenig, weil es außer Nahrungsmitteln kaum etwas zu exportieren hat. Die griechischen Probleme lassen sich nicht über den Wechselkurs lösen.“ Auch Deutschland zähle nicht zu den Hauptnutznießern, „da die Nachfrage nach deutschen Produkten relativ preisunempfindlich ist“. Im Klartext: Ausländische Kunden kaufen deutsche Waren vor allem wegen deren Qualität; der Preis spielt nicht die entscheidende Rolle.

Exporte werden in Deutschland trotzdem anziehen

Gleichwohl werden auch in Deutschland die Exporte anziehen – und damit politische Folgen provozieren. Wenn nicht zugleich die Importe entsprechend zulegen, steigt der Leistungsbilanzüberschuss weiter, also der Saldo aus Exporten und Importen von Waren und Diensten. Die EU-Kommission geht fest von diesem Szenario aus, wie aus dem Ende Februar veröffentlichten Länderbericht zu Deutschland hervorgeht.

Das ist brisant, überwacht Brüssel doch seit Dezember 2011 nicht nur die Haushaltspolitik, sondern auch „makroökonomische Ungleichgewichte“ in der EU. Als Lehre aus der Krise wurde ein förmliches Verfahren eingeführt, um solche Ungleichgewichte besser zu kontrollieren. Im äußersten Fall drohen sogar Strafen in Höhe von 0,1 Prozent vom BIP für Länder, die sich nicht an die Vorgaben halten.

Gefahr des schwachen Euro

Im November hatte die EU-Kommission bei 16 Ländern Ungleichgewichte ausgemacht, bei dreien, darunter Deutschland, im März das Verfahren verschärft. Der deutsche Überschuss steht damit unter Beobachtung. 2014 lag der Saldo bei 7,7 Prozent vom BIP, nach 6,7 Prozent im Vorjahr. Der dreijährige Mittelwert soll nach den Brüsseler Vorgaben bei maximal 6,0 Prozent liegen. EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici erwartet nun aus Berlin einen Vorschlag, wie die Bundesregierung mit dem Thema umzugehen gedenkt.

Eine weitere Gefahr des schwachen Euro: Er wirkt langfristig wie eine Exportsubvention, die die Kostendisziplin der Betriebe erlahmen lässt. Warum sollen sich Unternehmer der Mühsal ständiger Rationalisierungen und Effizienzsteigerungen unterziehen, wenn eine Weichwährung ihre Produkte auch ohne eigene Anstrengung verbilligt? Folge: Die Wettbewerbsfähigkeit sinkt, der Druck auf die EZB, den Euro weiter abzuwerten, steigt. So entsteht eine Spirale aus Abwertung, erodierender Wettbewerbsfähigkeit und erneuter Abwertung – wie in Italien in den Siebziger- und Achtzigerjahren. „Was auch immer quacksalberische Ökonomen der Öffentlichkeit an konjunkturbeflügelnden Wirkungen versprechen: Eine Politik der Währungsabwertung, hinter der sich nichts anderes verbirgt als die Zerrüttung des Währungswertes, macht die Volkswirtschaft nicht reicher, sondern lässt sie verarmen“, sagt Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Degussa.

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